Politik

In Libyen stehen sich Frankreich und die Türkei gegenüber - ebenso wie im östlichen Mittelmeer

Im libyschen Stellvertreterkrieg droht eine Eskalation zwischen Frankreich und der Türkei. Ankara unterstützt die libysche Regierung, während Paris auf den Söldner-General Haftar setzt. Im Kern geht es um einen Verteilungskampf von Ressourcen im östlichen Mittelmeer.
16.12.2019 15:00
Lesezeit: 2 min
In Libyen stehen sich Frankreich und die Türkei gegenüber - ebenso wie im östlichen Mittelmeer
Das Abkommen der Türkei mit der von den Vereinten Nationen anerkannten libyschen Regierung in Tripolis. (Grafik: TRT World)

Libyens Regierungschef Fajis al-Sarradsch hat den angekündigten Einmarsch der Truppen des Söldner-Generals Chalifa Haftar in die Hauptstadt Tripolis als leere Drohung zurückgewiesen. “Glaubt nicht den Lügen der Träumer und auch nicht ihren Gerüchten”, sagte der Chef der von den UN anerkannten Regierung am Freitag in einer Ansprache. Es gebe keine Stunde Null, außer für “Fantastereien”, zitiert die dpa den Regierungschef. Es gebe auch keinen Sturm auf die Hauptstadt.

Haftar hatte am Donnerstagabend den Beginn einer “entscheidenden” Schlacht um Tripolis angekündigt. “Die Stunde Null ist gekommen”, sagte er in einer Rede, die im Fernsehen übertragen wurde. Die Stadt sei zu einem Schlupfwinkel für Kriminelle geworden, in dem die Menschen mit Waffengewalt unterdrückt würden, erklärte der General.

Zuletzt rückte Haftar nach Angaben des UN-Sonderbeauftragten Ghassan Salamé mit Hilfe russischer Kräfte - “egal, ob sie Söldner oder Contractors genannt werden” - in Richtung der Hauptstadt vor. Haftar wird neben Staaten wie Saudi-Arabien, Ägypten und den Vereinigten Arabischen Emiraten vor allem von der französischen Regierung militärisch und politisch unterstützt. Die türkische Regierung wiederum unterstützt die Regierung in der Hauptstadt Tripolis. Auch der bettelarme Tschad soll Salamé zufolge in dem Konflikt mitmischen.

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte Al-Sarradsch vor einigen Tagen die Entsendung von türkischen Truppen angeboten. Deutschland plant zu dem libyschen Stellvertreterkrieg ein Gipfeltreffen im Januar in Berlin.

Insbesondere zwischen der Türkei und Frankreich tobt in Libyen ein Stellvertreterkrieg. Am 27. November 2019 unterzeichnete die Türkei mit der libyschen Regierung ein Memorandum of Understanding (MoU), das einseitig Seezonen im östlichen Mittelmeer abgrenzt und die Ansprüche der Türkei und der türkischen Zyprioten im Meer bekräftigt. “Andere internationale Akteure können in den im [türkisch-libyschen] Memorandum gekennzeichneten Gebieten keine Explorationsaktivitäten durchführen”, zitiert die staatliche Nachrichtenagentur Anadolu Erdogan. Die Türkei erhebt Anspruch auf Gebiete in Nähe der griechischen Insel Kreta und an der Inselgruppe der Dodekanes. Sie vertritt die Auffassung, dass die Gebiete auf ihrem Festlandsockel liegen und Griechenland keine Ansprüche besitzt, weil die Inseln keinen sogenannten Festlandsockel hätten. Griechenland sieht das jedoch anders und verweist auf das UN-Seerechtsübereinkommen. Die Türkei ist diesem allerdings nie beigetreten.

Frankreich, Griechenland, Israel, Zypern, Italien und Ägypten haben faktisch eine inoffizielle Allianz geschmiedet, um die Türkei im östlichen Mittelmeer von ihrer Expansion abzuhalten. Denn das von ihnen betriebene Energie-Projekt der EastMed-Pipeline wird durch die Ansprüche der Türken im östlichen Mittelmeer gefährdet. Die Baukosten dieses Projekts belaufen sich auf etwa sieben Milliarden US-Dollar und die Frage der Finanzierung wurde noch nicht vollständig geklärt. Nikosia drängt auch darauf, die Pipeline über das Gasfeld "Aphrodite" mit einer LNG-Aufbereitungsanlage in Ägypten zu verbinden, die ebenfalls etwa eine Milliarde Dollar kosten soll. “Das neue Abkommen der Türkei mit Tripolis könnte andere Mittelmeermächte dazu zwingen, sich an Ankara zu wenden, um das EastMed-Projekt umzusetzen”, so TRT World.

Die Staats- und Regierungschefs der EU-Staaten hatten das Abkommen am Freitag verurteilt und auf dem EU-Gipfel in Brüssel erklärt, dass es die Hoheitsrechte von Drittstaaten verletze.

Es gibt also zwei Aspekte im Zusammenhang mit dem Abkommen zwischen der Türkei und Libyen. Zum einen geht es um den Bau von Pipelines im östlichen Mittelmeer, wovon mehrere Anrainerstaaten betroffen sind. Und zum anderen geht es um Erdgasbohrrechte, die die französischen und italienischen Energiekonzerne in der Ausschließlichen Wirtschaftszone Zyperns umsetzen wollen, ohne die Türkei zu beteiligen.

Erdogan hatte Libyens Regierungschef Fajis al-Sarradsch am Sonntag zum zweiten Mal innerhalb eines Monats getroffen. An dem Gespräch am Sonntag im Istanbuler Dolmabahce-Palast habe auch der türkische Verteidigungsminister Hulusi Akar teilgenommen, sagte Erdogan in einem Interview mit dem Sender A Haber.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Panorama
Panorama Cartier Tank oder Santos – welche ist zeitloser?

Eine pauschale Antwort gibt es nicht: Design-Kenner sehen in der klar reduzierten Tank das zeitlosere Statement, während die vielseitigere...

DWN
Politik
Politik Mehrheit fordert Rücktritt von Kanzler Merz
22.09.2026

Mehr als die Hälfte der Befragten spricht sich für einen Rücktritt des Kanzlers aus. Unter den Anhängern einer Partei ist der Anteil...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Planet Labs: Berlin bekommt eine neue Satellitenfabrik
22.09.2026

In der Hauptstadt soll ein neuer Produktionsstandort für Satelliten entstehen. Das Unternehmen hat seinen Hauptsitz in den USA, will aber...

DWN
Politik
Politik Ehemaliger Topberater des Weißen Hauses: Trump gibt Tech-Milliardären beängstigend viel Macht
22.09.2026

Künstliche Intelligenz könnte die Welt ähnlich tiefgreifend verändern wie einst das Manhattan-Projekt. Doch diesmal liegt die...

DWN
Finanzen
Finanzen Heizkosten steigen 2026: So teuer wird das Heizen
22.09.2026

Für viele Haushalte wird das Heizen 2026 teurer – besonders bei Öl und Holzpellets. Eine neue Prognose zeigt, welche Heizarten stärker...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs springt über 85.000 Dollar. Was hat die Erholung ausgelöst?
22.09.2026

Der Bitcoin-Kurs ist wieder deutlich gestiegen und kletterte über 85.000 Dollar. Bemerkenswert ist der Rebound, da kurz zuvor zwei...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Insolvenz: So schützen Unternehmer ihr Privatvermögen
22.09.2026

Gerät die Firma ins Wanken, kann es schnell um mehr gehen als das Unternehmen. Plötzlich stehen auch Haus, Depot und Ersparnisse auf dem...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mercedes-Benz-Aktie: Arbeitszeit in der Diskussion – Konzern setzt deutsche Werke unter Druck
22.09.2026

Mercedes hält seine deutschen Werke für zu teuer und fordert mehr Arbeit für das gleiche Geld. Um den Druck zu erhöhen, legt der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Quereinstieg wird zum Karrieremodell: Wo Quereinsteiger gefragt sind
22.09.2026

Ein neuer Job, ein anderer Berufsweg, neue Perspektiven: Für immer mehr Menschen in Deutschland ist der Quereinstieg eine attraktive...