Politik

USA und Iran: Warum dem Kriegs-Geschrei nicht geglaubt werden darf

Alles, was die USA bisher politisch unternommen haben, hat sich als Vorteil für den Iran erwiesen und andersherum. Das ambivalente Verhältnis zwischen Washington und Teheran ist mit Vorsicht zu genießen.
08.01.2020 16:00
Lesezeit: 3 min
USA und Iran: Warum dem Kriegs-Geschrei nicht geglaubt werden darf
Ein anti-amerikanischer Demonstrant in Teheran zündet eine US-Flagge an. (Foto: dpa)

Der Iran hatte am Mittwoch bekanntgegeben, dass Raketen auf den US-Stützpunkt in Ain al-Assad im Irak abgefeuert wurden. Eine Quelle der iranischen Revolutionsgarden (IRGC) sagte, dass dabei angeblich 80 US-Soldaten getötet und weitere 300 US-Soldaten verletzt wurden, so die Tehran Times.

Zudem soll der Militärstützpunkt mit Raketen angegriffen worden sein. Auf beiden Stützpunkten sollen sich US-amerikanische und ausländische Soldaten befunden haben. Den Angaben der IRGC ist kein Glauben zu schenken. Es ist nicht nachgewiesen, dass überhaupt irgendwelche Soldaten auf den Stützpunkten getötet oder verletzt wurden.

Es wäre für die USA problemlos möglich gewesen, die iranischen Raketen abzufangen, da sich in der Südost-Türkei die “Kürecik Radar Station” befindet. Dabei handelt es sich um ein Frühwarnsystem, das gegen den Iran stationiert wurde, das von der US Army in Europe kontrolliert wird. Küreciks Entfernung zur iranisch-türkischen Grenze beträgt etwa 700 Kilometer.

Somit gibt es lediglich zwei Möglichkeiten: Entweder wurde ein Großteil der Raketen aufgrund des Einsatzes des Radarsystems in Kürecik abgefangen, oder aber der angebliche “brutale” Angriff des Irans und die ausgelösten Schäden gehören in die Welt der Desinformation.

Auffällig ist, dass die USA der iranischen Regierung diesen angeblichen “Triumph” zugesteht, damit die Regierung in Teheran die Möglichkeit hat, die Wut der eigenen Bevölkerung abzukühlen. Es geht bei den Aussagen der IRGC nicht in erster Linie um die Außenpolitik, sondern um die Innenpolitik. Die Regierung in Teheran musste sich stark zeigen, um das Vertrauen der Iraner aufrechtzuerhalten.

Wahrscheinlicher ist, dass iranische und US-amerikanische Diplomaten sich nach der Tötung von Soleimani im Oman getroffen haben, um Verhandlungen zu führen, damit die Situation nicht eskaliert.

Deshalb sollte ein genereller Blick auf das ambivalente Verhältnis zwischen den USA und dem Iran geworfen werden.

Der ehemalige türkische Botschafter in Teheran, Selim Karaosmanoğlu, sagt in einem Interview mit der Zeitung Takvim, dass die USA und der Iran über diplomatische Kanäle miteinander kooperieren, ohne die Öffentlichkeit in Kenntnis darüber zu setzen. “Die US-amerikanischen Truppen könnten niemals in Syrien verweilen, wenn Russland und der Iran diese Präsenz nicht wollen würde. Während der Verhandlungen in Genf in Bezug auf das Atomprogramm haben sich die Außenminister des Irans und der USA zurückgezogen, um Geheimgespräche zu führen. Was sie besprochen haben, weiß keiner. Doch wir wissen, dass es in Maskat (Hauptstadt des Omans) durchgehende institutionelle Kontakte und Gespräche zwischen den Botschaften der USA und des Irans gibt. Der Iran verfolgt keine ideologische Außenpolitik”, so Karaosmanoğlu.

Bemerkenswert ist, dass dem Top-Diplomaten zufolge das Weiße Haus und das Pentagon im Zusammenhang mit dem Iran gegensätzliche Positionen vertreten. Einen Krieg zwischen den USA und dem Iran schließt er unter allen Umständen aus.

Al Jazeera zufolge hätten die USA den Einfluss des Irans im Irak eindämmen können. Stattdessen ließen sie die Iraner jahrelang gewähren. Dem Iran gelang es nicht nur, die schlagkräftige irakische Haschd al-Shaabi-Miliz aufzubauen, sondern auch direkten Einfluss auf die Innenpolitik des Iraks auszuüben. Die USA hätten Teheran den Irak auf einem Goldenen Tablett serviert. Im Ersten Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran präsentierten sich die USA als Verbündeten von Saddam Hussein. Doch im Zuge der Iran-Contra-Affäre wurde enthüllt, dass die USA den Iranern Waffen geliefert hatten, damit der Iran gegen den Irak vorgehen kann. Nach dem Beginn des Krieges bat Israel die USA um Erlaubnis, amerikanische Militärausrüstung an die Mullahs im Iran zu verkaufen, so Seymour Hersh in einem New York Times-Beitrag. Der israelische Geheimdienst betrieb eine Frontfirma mit 50 Angestellten in der John Street in der Wall Street, so Ari Ben-Menashe in seinem Buch “Profits of War”. Das Büro wurde genutzt, um die verdeckten Einkäufe von amerikanischer Militärausrüstung an den Iran weiterzuleiten.

Nachdem sich der Iran und Irak gegenseitig militärisch geschwächt hatten, wurde nicht in etwa der Iran, sondern Saddam Hussein zum “Feind des Westens” auserkoren. Hussein wurde zum Leidwesen der europäischen Volkswirtschaften im Interesse Teherans gestürzt. Anschließend konnte der Iran eine Machtkonsolidierung im Irak vornehmen.

In Syrien lässt sich ein ähnliches Bild beobachten. Die verdeckte Operation der USA und ihrer westlichen und arabischen Verbündeten gegen die Regierung in Damaskus hat erst dazu geführt, dass sich Syrien an den Iran und Russland gewandt hat, um militärische Hilfen zu erhalten. Ob dieser Schritt in dieser Art und Weise von den USA gewollt war, bleibt ungeklärt. Doch schlussendlich hat der Iran den Syrien-Konflikt dazu genutzt, um auch dort seine Präsenz auszubauen - und zwar ungehindert.

Im Jemen hat die Militärkampagne der Koalition aus Großbritannien, Frankreich, den USA und Saudi-Arabien zur Stärkung der vom Iran unterstützten Houthi-Rebellen geführt, die sich an der Westküste des Jemens festgesetzt haben. Sie kontrollieren damit einen wichtiges Küstenabschnitt am Roten Meer, die sich nördlich der strategisch wichtigen Straße von Bab al-Mandab befindet.

Den aktuellen Prognosen zufolge, wonach es bald einen Krieg zwischen den USA und dem Iran geben wird, ist nicht zu folgen. Vielmehr sollte das ambivalente - aber eigentlich in sich schlüssige - Verhältnis zwischen Washington und Teheran genau beobachtet und vor allem frei von Denkzwängen verstanden werden.

Schließlich hat der Iran im zweiten Akt mit seinen Angriffen auf die beiden US-Stützpunkte im Irak dem US-Präsidenten Donald Trump eine Steilvorlage für sein Vorhaben, die US-Truppen im Nahen Osten zu reduzieren, geliefert. Doch das Pentagon möchte die US-Truppenpräsenz ausbauen.

Der erste Akt, also die Tötung Soleimanis, führte hingegen dazu, dass die Iraner trotz ihrer Differenzen im Inland massiv zusammengerückt sind. Diese Reaktion war angesichts der innenpolitischen Unruhen im Land durchaus im Sinne der Regierung in Teheran.

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