Politik

Europa, Putin, Erdogan: Der Feind meines Feindes ist mein Freund

Der türkische Präsident Erdogan hat die russische Syrien-Kritik mit ungewöhnlich scharfen Worten kritisiert - ausgerechnet in einer Phase der relativ guten Zusammenarbeit zwischen Moskau und Ankara. DWN-Gastkommentator Haitham Aiash präsentiert seine Sicht der jüngsten Entwicklungen.
09.02.2020 08:52
Aktualisiert: 09.02.2020 08:52
Lesezeit: 2 min
Europa, Putin, Erdogan: Der Feind meines Feindes ist mein Freund
Wie gut ist ihr Verhältnis wirklich? Der russische Präsident Wladimir Putin (l) und der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan bei einem Treffen in Ankara anlässlich des Syrien-Konflikts. (Foto: dpa) Foto: ---

Erdogans Kritik an der russischen Syrien-Politik ist berechtigt. Nachdem sich Russland und die Türkei zuletzt einander angenähert hatten, fühlt sich der türkische Präsident nun hintergangen. Er ist empört, weil Putin die beschlossene Vereinbarung in punkto Syrien nicht einhält. Insbesondere nicht die Vereinbarung, dass weder Russland noch die syrische Armee zivile Ziele in der Provinz Idlib angreifen würden.

Hintergrund: Idlib war für die syrischen Flüchtlinge zu einem letzten sicheren Zufluchtsort geworden, nachdem sie durch die Truppen und Söldner von Präsident Baschar Assad mit russischer und iranischer Unterstützung aus ihren Städten und Dörfern vertrieben worden waren.

Das Vertrauen der Vertriebenen in Erdogan schwindet zusehends, weil sie am eigenen Leib erfahren, dass sich Moskau – und übrigens auch Teheran - nicht an die mit Ankara geschlossenen Verträge hält. Für Erdogan ist das Verhalten Russlands auch insofern ein Problem, als dass dadurch der ganzen Welt die relative Schwäche der Türkei demonstriert wird.

Ankara ist in einer weiteren Hinsicht von Russland enttäuscht: Moskau unterstützt gemeinsam mit den Vereinigten Arabischen Emiraten und Ägypten den Söldner-General Khalifa Haftar, der die von den Vereinten Nationen anerkannten libyschen Regierung gewaltsam beseitigen will.

Putin hatte auf der internationalen Libyen-Konferenz in Berlin am 19. Januar angekündigt, die Einleitung eines Waffenstillstands in Libyen zu unterstützen. An dieses Versprechen hat er sich jedoch nicht gehalten, im Gegenteil: Er hat Haftar sogar noch dazu ermutigt, seine kriegerischen Aktionen fortzusetzen.

Über eines muss man sich im Klaren sein: Bei den türkisch-russischen Beziehungen handelt es sich um eine reine „Zweckehe“, nicht um eine echte Freundschaft. Man sollte auch nicht vergessen, dass es mehrere Kriege zwischen den russischen Zaren und den osmanischen Sultanen gegeben hat.

Hauptgrund für die verbesserten Beziehungen zwischen Ankara und Moskau und die häufigen Treffen zwischen Erdogan und Putin sind die Verschlechterung der europäisch-russischen sowie der europäisch-türkischen Beziehungen.

Was Russland angeht: Es will verhindern, völlig isoliert dazustehen, weswegen es sich der Türkei zugewandt hat.

Was die Türkei anbelangt: Die Europäer tragen die Verantwortung dafür, dass sich Ankara von Europa abgewendet hat. Sie haben die Türkei regelrecht in die Arme Russlands getrieben. Die Europäer hielten sich nicht an die zwischen ihnen und Ankara geschlossenen Vereinbarungen über den Beitrag der türkischen Regierung zur Eindämmung des Flüchtlingsstroms nach Europa im Austausch für die Reiseerleichterungen türkischer Staatsbürger in den Ländern des Schengen-Raums.

Abgesehen davon ist Ankara von den Europäern auch deshalb enttäuscht, weil sie den Putschversuch gegen Erdogan im Juli 2016 nicht klar verurteilten – mit Ausnahme von Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Die Beziehungen zwischen der Türkei und Russland beruhen letztendlich auf einem Prinzip, das Napoleon Bonaparte sehr anschaulich in einprägsame Worte gekleidet hat: „Der Feind meines Feindes ist mein Freund.“

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Politik
Politik Er soll den Trump-Ballsaal bauen – jetzt führt er geheime Gespräche mit dem Kreml
24.08.2026

Es kommt vor, dass Männer mit minimaler Erfahrung in der diplomatischen Disziplin ausgewählt werden, um schwierige außenpolitische...

DWN
Politik
Politik Unabhängigkeitstag der Ukraine: Neue Militärhilfe und scharfe Worte an Putin
24.08.2026

Kiew begeht seinen Nationalfeiertag mit prominenten Gästen, neuen Rüstungshilfen und einer deutlichen Kampfansage an den Kreml. Zugleich...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische KI-Gigafabriken: 30 Milliarden zwischen Mega-Fortschritt und Mega-Flop
24.08.2026

Sieben neue KI-Zentren sollen den technologischen Rückstand auf die USA und China verringern. Doch Europas Problem sind nicht nur Chips....

DWN
Politik
Politik Streit um Briefwahl: Was an den Warnungen der AfD dran ist
24.08.2026

Kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt stellt die AfD die Sicherheit der Briefwahl infrage. Die Partei spricht über mögliche...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft US-Zölle gegen Kanada: Jetzt schlägt Ottawa zurück
24.08.2026

Donald Trump macht Ernst: Die USA belegen zahlreiche kanadische Waren mit 50 Prozent Zoll, nachdem die Verhandlungen mit Ottawa in letzter...

DWN
Finanzen
Finanzen Tagesgeld-Vergleich (08/2026): Diese Banken bieten die besten Tagesgeld-Zinsen
24.08.2026

Ein Tagesgeld-Konto gilt als sichere und flexible Geldanlage. Doch hinter manchem Spitzenangebot verbergen sich nicht selten Bedingungen,...

DWN
Finanzen
Finanzen Online-Broker-Vergleich: Die besten Aktiendepots für Anleger – Tipps zur Anbieterauswahl
24.08.2026

Ein Online-Broker-Vergleich beginnt beim Wertpapierdepot: Ein Depot ist die Eintrittskarte zur Börse, nur mit einem Depot können Anleger...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell: Neue Woche bringt Richtungsfrage – was Anleger jetzt bewegt
24.08.2026

Der Goldpreis ist mit leichten Gewinnen in die neue Handelswoche gestartet. Nach der kräftigen Aufwärtsrally im August blicken...