Deutschland

Woher nimmt die Bundesregierung die Milliardenbeträge in der Corona-Krise?

Die Bundesregierung hat das größte staatliche Ausgabenprogramm der Nachkriegsgeschichte verabschiedet. Doch woher nimmt sie das Geld? Und welche Folgen wird dies für die Stabilität unseres Geldes haben?
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10.04.2020 10:41
Aktualisiert: 10.04.2020 10:41
Lesezeit: 4 min

Bundesregierung, Bundestag und Bundesrat haben innerhalb von nur einer Woche das "größte Hilfs­pa­ket in der Ge­schich­te Deutsch­lands" beschlossen, wie man es voller Stolz auf der Webseite des Bundesfinanzministeriums formuliert. Zur Finanzierung wird der Bund neue Kredite in Höhe von rund 156 Milliarden Euro aufnehmen. Das schwarz-rote Kabinett hat in der vorletzten Woche einen entsprechenden Nachtragshaushalt gebilligt.

Widerspruch gegen den in dieser Größenordnung und in dieser Schnelligkeit wohl einmaligen Vorgang hat es kaum gegeben. Offenbar ist die Angst vor dem Coronavirus derzeit so groß, dass Kritik an der politischen Führung nicht angebracht erscheint. Zudem haben wir uns so sehr an Konjunkturprogramme, staatliche Umverteilung und Subventionen gewöhnt, dass deren Wirksamkeit und Effizienz heute eigentlich kaum noch in Frage gestellt werden.

Woher nimmt die Regierung die Corona-Milliarden?

Dass der Bund zusätzliche Kredite in Höhe von rund 156 Milliarden Euro aufnehmen wird, ist nur mit einem Finanzsystem möglich, das auf Schulden basiert und wo Zentralbanken und Geschäftsbanken Geld aus dem Nichts schaffen. Denn die Summe von rund 156 Milliarden Euro entspricht mehr als einem Fünftel der gemeinsamen jährlichen Steuereinnahmen von Bund und Ländern oder rund 2.000 Euro pro Bürger vom Kleinkind bis zum Greis.

Der Bund verkauft seine Anleihen auf dem Markt an private Investoren. Diese bezahlen die Anleihen mit einer Mischung aus bereits existierendem Geld und aus Bankkrediten. Letztere werden von einer Geschäftsbank aus dem Nichts geschaffen. Das an den Kreditnehmer ausgezahlte Geld wird auf beiden Seiten der Bankbilanz eingetragen. Links auf der Haben-Seite als Anspruch gegenüber dem Kreditnehmer, der es irgendwann einmal zurückzahlen muss, und rechts auf der Soll-Seite als verfügbares Guthaben, das der Kreditnehmer nun verwenden kann.

Zwar sind dieser Schaffung von Geld aus dem Nichts durch staatliche Vorgaben gewisse Grenzen gesetzt. So müssen sich die Geschäftsbanken an die geltenden Eigenkapitalquoten halten. Doch über viele Jahrzehnte hat dieser Mechanismus den Geschäftsbanken hohe Erträge beschert. Denn sie konnten Geld verleihen, das sie kraft ihrer Banklizenz zu diesem Zweck schaffen durften, und erhielten dafür vom Kreditnehmer in der Vergangenheit sogar erhebliche Zinsen.

Zwar gibt es private Investoren, die deutsche Bundesanleihen bis zur Fälligkeit halten, doch in vielen Fällen werden die Papiere nur vorübergehend gehalten und weiterverkauft, sobald es opportun erscheint. Die entscheidenden Käufer von Staatsanleihen sind im heutigen Finanzsystem die Zentralbanken. Sie sind es, die den Staaten das Schuldenmachen im großen Stil erst ermöglichen, da sie als Käufer in der Not bereitstehen und damit die Zinsen von Staatsanleihen nach unten drücken.

Die Europäische Zentralbank hat in der vorletzten Woche angekündigt, Staatsanleihen der Euroländer künftig zeitlich und zahlenmäßig unbegrenzt aufzukaufen. Wenn eine Zentralbank Wertpapiere kauft, dann tut sie dies mit zu diesem Zwecke neu geschaffenen Geld. Die gekauften Papiere werden links auf der Haben-Seite der Zentralbankbilanz geführt, das neu geschaffene Geld wird rechts auf der Soll-Seite eingetragen, da es einen Anspruch des Besitzers gegenüber der Zentralbank darstellt.

Zusammen mit bereits laufenden und schon geplanten Käufen von Staatsanleihen, Firmenanleihen und anderen Wertpapieren steigt das Volumen aller Käufe durch die EZB in diesem Jahr auf 1,1 Billionen Euro. Zudem hat die Zentralbank bereits angekündigt, dass sie erwägen könnte, die Kaufobergrenzen bei Bedarf weiter zu erhöhen. Ganz sicherlich wird sie im Rahmen der angekündigten Käufe auch weitere erhebliche Mengen an Bundesanleihen in ihre Bilanz aufnehmen.

Droht jetzt eine Inflation?

Unabhängig davon, ob die von der Bundesregierung zusätzlich ausgegebenen Anleihen in den Bilanzen von privaten Investoren oder Zentralbanken landen - allen voran der EZB, das Geld dürfte zu großen Teilen neu geschaffen werden. Daher stellt sich die Frage, ob dies nicht zu einer erheblichen Inflation führen wird. Denn wenn Preise nicht vom Staat festgelegt werden, so hängen sie entscheidend vom Verhältnis zwischen Geldmenge und Warenmenge ab. Wenn das Angebot an Geld steigt, während die Warenmenge stagniert, müssen da die Preise nicht steigen?

Um diese Frage beantworten zu können, muss man sich anschauen, wie sich die Geldmenge insgesamt entwickelt. Die Antwort liefert die EZB, deren neueste Zahlen die Geldmenge M2 für Februar dieses Jahres mit knapp 12,5 Billionen Euro angeben. Dies ist ein Anstieg gegenüber dem Vorjahresmonat um 86 Milliarden Euro beziehungsweise um 5,6 Prozent. Die Geldmenge M2 setzt sich derzeit im Wesentlichen zusammen aus dem

  • im Umlauf befindlichen Bargeld (1,2 Billionen Euro)
  • Sichteinlagen (7,8 Billionen Euro)
  • weiteren Bankeinlagen mit Laufzeiten bis zu zwei Jahren (3,4 Billionen Euro)

Vor diesem Hintergrund ist das für dieses Jahr zu erwartende Gelddrucken bei der EZB im Umfang 1,1 Billionen Euro durchaus erheblich, denn es entspricht in etwa einem Anstieg der Geldmenge um 8,8 Prozent. Doch auf der anderen Seite wird infolge der aktuellen Krise voraussichtlich auch eine erhebliche Menge Geld vernichtet werden, was immer dann geschieht, wenn ein Schuldner einen Kredit zurückzahlt (sei es an eine Geschäftsbank oder an die EZB) oder zahlungsunfähig wird und der Kredit ausfällt, sodass die Bank ihn abschreiben muss.

Die Bank of England erklärt den Mechanismus der Geldschaffung und Geldvernichtung in einer Publikation aus dem Jahr 2014 folgendermaßen: "Die Kreditvergabe schafft Bankeinlagen. Die Gesamtmenge des von Haushalten und Unternehmen gehaltenen Geldes besteht aus Bankeinlagen und Bargeld - die im Wesentlichen Schuldverschreibungen der Geschäftsbanken an Haushalte und Unternehmen sind - und aus Bargeld - im Wesentlichen Schuldverschreibungen der Zentralbank."

Und dann kommen die britischen Zentralbanker zum entscheidenden Punkt: "Von diesen zwei Arten Geld, sind Bankeinlagen der mit Abstand größere Teil - 97 Prozent des im Umlauf befindlichen Geldes. Und in der modernen Wirtschaft werden diese Bankeinlagen vor allem durch die Geschäftsbanken selbst geschaffen." Auch beim Euro liegt der Prozentsatz der Bankeinlagen an der Geldmenge M2 heute bei mehr als 90 Prozent, wie die obigen Zahlen der EZB zeigen.

Demnach dürfte das verstärkte Gelddrucken vorerst keinen größeren Einfluss auf die Inflation haben. Dennoch ist Vorsicht geboten. Denn die Folgen des Gelddruckens bei der EZB werden sich spätestens dann auf die Inflation auswirken müssen, wenn die Menge der laufenden Kredite weniger stark zurückgeht oder irgendwann sogar wieder ansteigt. Und da die Weltwirtschaft gerade massiv eingeschränkt ist und vorerst viel weniger Produkte hervorbringen wird, ist in Zukunft eine starke Inflation oder gar eine Hyperinflation nicht ausgeschlossen.

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