Deutschland

Bauern fehlen Saisonarbeiter: „Keiner weiß, wer's machen soll“

Normalerweise kommen jedes Jahr rund 300.000 Saisonarbeiter auf Deutschlands Felder. Doch wegen der Ausbreitung des Coronavirus sind die Grenzen jetzt für ausländische Helfer geschlossen. Darunter leidet nicht nur die Spargelernte.
01.04.2020 10:39
Lesezeit: 3 min
Bauern fehlen Saisonarbeiter: „Keiner weiß, wer's machen soll“
Erntehelfer stechen Spargel im niederheinischen Walbeck. (Foto: dpa) Foto: Roland Weihrauch

Von Christopher Weckwerth, dpa

Der Spargelbauer Jörg Heuer hat schnell reagiert: Als die Bundesregierung vergangene Woche ankündigte, ausländischen Saisonarbeitern wegen des neuen Coronavirus die Einreise zu verweigern, charterte der 49-Jährige kurzerhand ein eigenes Flugzeug. Für eine fünfstellige Summe, wie er sagt, ließ er rund 120 Rumänen einfliegen, um seine Ernte - und damit sein Geschäft - zu retten.

Auf mehr als 100 Hektar Land baut Heuer bei Burgwedel in Niedersachsen Spargel und Beeren an, in zweiter Generation, die Eltern des 49-Jährigen haben den Hof 1981 gegründet. Mit dem Flieger hat er einen Personalengpass bei der Ernte in diesem Jahr gerade noch abgewendet. “Wir kommen zurecht”, sagt er. In der Branche allerdings gebe es dieses Jahr deutlich weniger Erntehelfer als sonst. Auch ihm hätten viele bewährte Helfer diesmal abgesagt.

Spargel ist ein Luxusgemüse, man kann auch ohne ihn gut leben, auch wenn das “weiße Gold” für viele zum Frühling dazugehört wie die Ostereier. Für Heuer aber ist der Spargel die wirtschaftliche Existenzgrundlage. “Wir leben von diesen drei Monaten”, sagt Heuer über die Ernte. “Das können wir nicht verlegen wie die Messen oder ein Fußballspiel.”

Der Einreisestopp treffe Obst-, Gemüse- und Weinbaubetriebe, aber auch größere Betriebe in der Tierhaltung “sehr hart”, sagt auch der Präsident des Deutschen Bauernverbands, Joachim Rukwied. Die Einschränkungen müssten daher “so kurz wie möglich” gehalten werden.

Einige Obst- und Gemüsesorten drohen Rukwied zufolge sogar knapp zu werden. “Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln ist nicht gefährdet, dennoch kann es durchaus bei verschiedenen Kulturen im Obst- und Gemüsebereich zu Versorgungslücken kommen.” Die Verbraucher müssten sich zudem auf höhere Preise einstellen: “Diese Verknappung wird auch Auswirkungen auf den Preis haben.”

So weit will Bauer Heuer nicht gehen. Er geht davon aus, fast seine gesamte Ernte einfahren zu können. Die Preise seien daher bisher auf dem Niveau des Vorjahrs. “Da hat sich nix geändert.” Holger Hennies, Vizepräsident des Landvolks, dem niedersächsischen Bauernverband, sieht dagegen in dem Mangel an Saisonarbeitern “eine echte Existenzbedrohung”. Niedersachsen kann dabei stellvertretend für den Spargelanbau gesehen werden, denn nirgendwo in Deutschland wird mehr angebaut - rund 27.500 Tonnen Spargel wurden hier 2019 von den Feldern geholt, gut ein Fünftel der gesamten deutschen Spargelernte.

Hennies betont, dass es schnelle Lösungen brauche, um Engpässe auf den Feldern abzuwenden. Der Spargel müsse jetzt geerntet werden. Aber: "Keiner weiß, wer's machen soll." Ähnliches gilt für die Aussaat anderer Gemüsesorten, etwa Brokkoli und Kohl.

Das Einreiseverbot für Saisonarbeiter gilt auf Anordnung des Bundesinnenministeriums seit vergangenem Mittwoch. Und das sorgt auch innerhalb der Union für Zoff. Vergangene Woche wandten sich CDU-Agrarpolitiker aus den 15 Bundesländern außer Bayern in einem Brief an Innenminister Horst Seehofer. Darin heißt es, die Einreisebeschränkungen seien “kontraproduktiv” und stellten die Landwirtschaft “vor eine nicht lösbare Aufgabe”. Neben der Obst- und Gemüsebranche würden auch Schlachtbetriebe darunter leiden.

In einem Brandbrief an Bundeskanzlerin Angela Merkel legen Unionspolitiker nun nach - sie fordern eine Lockerung der Einreisebeschränkungen für Saisonarbeitskräfte aus Rumänien und anderen EU-Mitgliedstaaten. Die deutschen Landwirte müssten in den nächsten Tagen entscheiden, welche Obst- und Gemüsesorten noch angebaut und geerntet werden könnten, daher sei keine Zeit zu verlieren, heißt es in dem Schreiben der Arbeitsgruppe Ernährung und Landwirtschaft der Fraktion, das der dpa vorliegt. «Zur Wahrheit gehört aber, dass unser Selbstversorgungsgrad bei Obst und Gemüse im Schnitt zwischen nur 22 und 38 Prozent liegt.» Die Weichen für das Angebot ab Sommer würden jetzt gestellt.

Das Agrarministerium setzt derweil auf Unterstützung aus dem Inland. “Die Bauern alleine können das nicht schaffen”, heißt es. “Wir brauchen jetzt Menschen, die bereit sind, aushilfsweise in der Landwirtschaft zu arbeiten.” Dafür wurden die Rahmenbedingungen erleichtert: Saisonarbeiter können nun länger sozialversicherungsfrei arbeiten - statt wie bisher 70 Tage sind jetzt 115 Tage möglich.

Doch wer soll die Arbeit machen? Mehrere Online-Plattformen helfen bei der Vermittlung, um überhaupt noch Saisonarbeiter zu finden. Der Bauernverband und der Gesamtverband der deutschen Land- und Forstwirtschaftlichen Arbeitgeberverbände (GLFA) bieten diesen Service jetzt kostenlos an. Auf einem anderen Portal der Landwirtschaftskammern meldeten sich binnen Tagen bereits rund 1000 Interessierte.

Die Hilfsangebote freuen die Landwirte. Sie sind allerdings nur eine Notlösung, wie Landvolk-Vize Hennies erklärt. “Spargelstechen ist eine Technik, die muss man können. Da muss man auch eine gewisse Leistung pro Stunde erbringen, und es muss eine vernünftige Qualität dabei herauskommen”, sagt er. Die Vorstellung, dass ungelernte deutsche Helfer die Saisonkräfte aus Osteuropa ersetzen, hält er für "nicht unmöglich, aber schwierig". Spargelbauer Heuer sagt, er setze die Deutschen lieber im Verkauf und als Fahrer ein als auf dem Feld.

Auch in Brandenburg, mit Beelitz ebenfalls eine Spargel-Hochburg, sind die ungelernten Helfer derzeit gefragt. Euphorie sei allerdings fehl am Platze, sagt Andreas Jende, Geschäftsführer des Gartenbauverbandes Berlin-Brandenburg. “Die Arbeit in der Landwirtschaft ist nicht zu verwechseln mit der im heimischen Kleingarten”, erklärt er und warnt: “Es kann körperlich hart werden.”

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Cum-Ex-Skandal: Kronzeuge Steck im DWN-Interview – der Betrug, den Politik und Banken gemeinsam möglich machten
17.03.2026

Zehn Milliarden Euro Schaden, tausende Beschuldigte – und bis heute keine politische Verantwortung. Der Cum-Ex-Kronzeuge und Autor Dr....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Straße von Hormus im Krisenmodus: Globale Lieferketten geraten unter Druck
17.03.2026

Die faktische Blockade der Straße von Hormus bringt zentrale Handelsströme ins Stocken und treibt Energie- sowie Transportkosten weltweit...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Entwurf zur EnWG-Reform bringt Reiche unter Druck – was das Netzpaket-Aus konkret bedeutet
17.03.2026

Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche plant, den weiteren Ausbau der erneuerbaren Energien mit neuen Bedingungen zu versehen. Sie...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ende der Zitterpartie: EU und USA einigen sich auf neuen Zoll-Pakt
17.03.2026

Hinter den Kulissen von Brüssel und Washington wurde lange gepokert, doch jetzt steht der Kurs fest: Die EU-Parlamentspräsidentin Roberta...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Lichtblick am Ende des Tunnels: Autoindustrie nimmt 2026 wieder Fahrt auf
17.03.2026

Die Schockwellen der ersten Gewinnwarnungen verrauchen langsam. Dank eines starken Schlussspurts der Audi-Gruppe zeigt das Barometer für...

DWN
Politik
Politik Sondervermögen Schulden: Milliarden werden zur Stopfung von Haushaltslöchern missbraucht
17.03.2026

Etikettenschwindel bei den Staatsfinanzen? Das Münchner Ifo-Institut wirft der Bundesregierung vor, neue Milliardenschulden massiv...

DWN
Politik
Politik Nach Iran und Venezuela: Trump erhöht massiv den Druck auf Kuba
17.03.2026

US-Präsident Donald Trump nimmt nach Teheran und Caracas nun offenbar das nächste Ziel in den Fokus: Kuba. Mit einer offen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Brennende Tanker, blockierte Routen: Wie gelangt das Golf-Öl jetzt noch zum Kunden?
17.03.2026

Die Schlagader der Weltwirtschaft ist fast zum Erliegen gekommen: Seit dem Ausbruch des Iran-Kriegs wagen nur noch wenige Schiffe die...