Finanzen

Wer liegt richtig am Aktienmarkt: Kleinanleger oder institutionelle Investoren?

Kleinanleger und institutionelle Investoren haben ganz unterschiedlich auf die Turbulenzen am Aktienmarkt infolge der Corona-Krise reagiert. Eine Analyse der Deutschen Bank zeigt, wer bisher erfolgreicher war.
13.05.2020 12:52
Lesezeit: 4 min
Wer liegt richtig am Aktienmarkt: Kleinanleger oder institutionelle Investoren?
Händler an der Börse in New York. (Foto: dpa) Foto: Michael Nagle

Die Einschätzungen dazu, wie sich der Aktienmarkt in den kommenden Wochen und Monaten entwickeln wird, weichen offenbar stark voneinander ab. Dies zeigt sich sehr deutlich daran, wie die verschiedenen Gruppen von Investoren in den letzten Wochen ihr Geld angelegt haben. So erklärt sich auch der starke Kursanstieg des amerikanischen Aktienmarktes seit dem Tiefstand von Ende März.

Eine Analyse des Deutsche-Bank-Analysten Parag Thatte zeigt, dass die Aktien-Positionierung der sogenannten "systemischen Strategien", also auf verschiedenen Algorithmen basierende Strategien, im März auf ein Rekordtief gefallen ist. Hintergrund war ein starker Rückgang an den Börsen. Im April ist ihre Positionierung weiter nahe dem Rekordtief geblieben. Hintergrund war eine starke Aufholjagd an den Börsen.

Im Gegensatz zu den "systemischen Strategien" ist die Aktien-Positionierung der sogenannten "Investoren nach eigenem Ermessen" (Engl. discretionary investors, dies sind menschliche Investoren, darunter Hedgefonds) im März deutlich weniger zurückgegangen. Allerdings liegt die Aktien-Positionierung der diskretionären Investoren nach einer kurzen Erholung im April nun wieder nahe den Tiefständen vom März. 

Private oder institutionelle Investoren: Wer hat Recht am Aktienmarkt?

Auffällig ist auch der Unterschied zwischen Kleinanlegern und institutionellen Investoren. Die institutionellen Investoren, also große Firmen, die Geld im Auftrag von Dritten anlegen, wie zum Beispiel Investmentfonds, Hedgefonds oder Versicherungsunternehmen, haben ihre Aktien-Positionierungen, die bereits im März stark eingebrochen waren, auch in der Aktien-Rallye im April und Mai weiter heruntergefahren.

Doch wenn institutionell Investoren keine Aktien kaufen, so ergibt sich daraus offenbar die Frage, wie es sein kann, dass die Aktienkurse im April so stark angestiegen sind. Eine Erklärung ist, dass das Handelsvolumen an den US-Aktienmärkten stark zurückgegangen ist, sodass schon relativ kleine Aktienkäufe den Kurs erheblich nach oben treiben können.

Hinzu kommt, dass die Liquidität auf den US-Aktienmärkten nahe ihrem Rekordtief verharrt. In der Folge können Aktienrückkäufe den Kurs einer Aktie schnell und erheblich nach oben treiben. Ein Beispiel ist der jüngste Rückkauf des US-Unternehmens Apple, dessen Aktie entscheidend für den gesamten Markt ist, im Wert von 50 Milliarden Dollar.

Der Umfang der wöchentlich angekündigten Rückkäufe am US-Aktienmarkt sprang kürzlich auf über 200 Milliarden Dollar. Dies war das größte wöchentliche Volumen seit dem Sommer letzten Jahres, wie die folgende Grafik der Deutschen Bank zeigt.

Neben den Rückkäufen gehörten in der Folge des Börsenabsturzes im März auch Privatanleger zu den Aktien-Käufern. Laut den Daten des US-Unternehmens Robin Hood, das Privatanlegern Börsengeschäfte ermöglicht, haben die kleinen Anleger in den letzten Monaten stark Aktien gekauft und dabei teils erhebliche Gewinne gemacht. 

Während also die institutionellen Investoren von der jüngsten Aktien-Rallye im April nicht profitiert haben, sind es die kleinen Anleger gewesen, die den Mut hatten, in einem fallenden Markt Aktien zu kaufen, und die damit beeindruckende Gewinne erzielt haben. Unterstützung erhielten sie dabei von der Federal Reserve, die das größte Wertpapierkaufprogramm der Geschichte gestartet hat.

Doch es ist zu früh für einen Freudentanz. Denn es könnte sich erneut um eine Umverteilung von Aktien von den institutionellen an die privaten Anleger handeln, auf den dann - wie bereits Ende 2018 und dann erneut Ende 2019 - ein deutlicher Rückgang der Kurse folgt. Dies würde bedeuten, dass der nächste Absturz an den Börsen bevorsteht, sobald die Institutionen genug Aktien an Kleinanleger verkauft haben.

Was bedeutet dies für den Markt insgesamt?

Die Aktien-Erholung wird von wenigen Sektoren und großen Titeln getragen. Es sind insbesondere im Technologie-Bereich die fünf Schwergewichte Apple, Amazon, Facebook, Google, Microsoft sowie die Halbleiterwerte (Sox-Index) oder Tesla, welche enorm zugelegt haben. Noch nie hatten so wenige Titel einen derart hohen Anteil am Gesamtmarkt, und ihr Beitrag zur Erholung ist substantiell. Dies erklärt auch, warum der Nasdaq viel besser als breitere Indizes abgeschnitten hat.

Hinzu kommen verschiedene Titel aus dem Pharma- und dem Online-Bereich, welche teilweise sogar neue Höchststände erreichen konnten. Beispiele dafür sind der Handelsriese Walmart oder Home Depot mit ihrem Online-Geschäft, die Pharmahersteller Johnson&Johnson und Gilead, oder Netflix aus dem Online-Streaming-Bereich. Die Bewertung dieser Titel und Titelgruppen wie des Gesamtmarktes ist inzwischen auf praktisch neue Höchststände geklettert - jenseits aller historischen Normen. 

Der breite Markt hat deutlich weniger zugelegt. Seine Erholung entspricht eher einer Korrektur nach dem beispiellosen Absturz innerhalb knapp eines Monats von Ende Februar bis Ende März. Die Differenz zwischen dem Kapitalisierungs- und dem gleichgewichteten S&P 500 Index ist deutlich. Beim ersten halfen die erwähnten großen Titel, beim zweiten war deren Beitrag aufgrund ihres geringen Gewichts im Index nur bescheiden. Auch bei anderen Maßstäben wie bei den Finanztiteln (Bankenindex bkx), den Transportwerten (Dow Transports) oder den kleinen und mittleren Unternehmen (Russell 2000) fiel die Erholung viel bescheidener aus. 

Die Erholung ist praktisch eins zu eins eine Fortsetzung des Bullenmarktes der letzten Jahre - dieselben Titel und Titelgruppen, doch diesmal getragen von Privatinvestoren mit abnehmenden Volumina. Das typische Bild für eine breit basierte Erholung wäre hingegen, wenn sie primär von zyklischen Titeln und professionellen Investoren getragen wäre. Denn in einer Rezession nehmen diese zyklischen Titel (Finanzwerte, Auto- und Immobilien-Aktien) den Konjunktur-Aufschwung als erste vorweg. Doch dies ist bisher nicht der Fall, im Gegenteil.  

Die institutionellen Investoren haben sich auf eine ganz andere Klasse von Papieren gestürzt, nämlich auf Unternehmenskredite. Im April haben die Neu-Emissionen von anlagewürdigen Anleihen reißenden Absatz gefunden, und die Preise am Sekundärmarkt haben sich sich massiv erholt. Spekulative Anleihen blieben bisher an der Seitenlinie. Die institutionellen Investoren konnten so von den wieder erheblich ausgeweiteten Zinsrisiko-Aufschlägen für Unternehmensanleihen profitieren. 

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