Wirtschaft

„The Great Reset“: Wie die Eliten der Welt eine neue Wirtschaftsordnung planen

Die einflussreichsten Politiker und Wirtschaftsleute der Welt werden bald eine Konferenz durchführen, bei der sie besprechen, wie die neue Weltwirtschaftsordnung aussehen soll. Die Ziele der Konferenz haben es in sich. Bemerkenswert ist vor allem die Kritik am „Aktionärskapitalismus“.
15.06.2020 14:00
Aktualisiert: 15.06.2020 14:20
Lesezeit: 2 min
„The Great Reset“: Wie die Eliten der Welt eine neue Wirtschaftsordnung planen
19.01.2020, Schweiz, Davos: Die Silhouette eines Mannes ist während der Aufbauarbeiten zum Weltwirtschaftsforum (WEF) vor dem Logo des Forums zu sehen. (Foto: dpa) Foto: Gian Ehrenzeller

Im Januar 2021 wird das Weltwirtschaftsforum unter dem Titel „The Great Reset“ („Der Große Neustart“) einen Zwillingsgipfel durchführen, bei dem es um die Schaffung einer neuen globalen Wirtschaftsordnung aufgrund der Corona-Krise gehen soll. Dieser Gipfel wurde mittlerweile auf den Sommer 2021 verschoben.

Das Weltwirtschaftsforum führt in einer Mitteilung aus: „Das 51. Jahrestreffen des Weltwirtschaftsforums wird weltweit führende Persönlichkeiten aus Regierung, Wirtschaft und Zivilgesellschaft sowie Stakeholder aus der ganzen Welt in einer einzigartigen Konfiguration zusammenbringen, die sowohl persönliche als auch virtuelle Dialoge umfasst.“

Beim Zwillingsgipfel soll es um die Schaffung eines neuen Gesellschaftsvertrags gehen, in dessen Mittelpunkt Menschenwürde und soziale Gerechtigkeit stehen und in dem der gesellschaftliche Fortschritt nicht hinter der wirtschaftlichen Entwicklung zurückbleibt.

„Der ,Great Reset‘ ist eine willkommene Erkenntnis, dass diese menschliche Tragödie ein Weckruf sein muss. Wir müssen ausgeglichenere, integrativere und nachhaltigere Volkswirtschaften und Gesellschaften aufbauen, die angesichts von Pandemien, Klimawandel und den vielen anderen globalen Veränderungen, mit denen wir konfrontiert sind, widerstandsfähiger sind“, so António Guterres, Generalsekretär der Vereinten Nationen in New York.

Ein „Great Reset“ ist Klaus Schwab, Gründer und geschäftsführender Vorsitzender des Weltwirtschaftsforums, zufolge notwendig, um einen neuen Gesellschaftsvertrag ins Leben zu rufen, der die Würde jedes Menschen ehre.

„Die globale Gesundheitskrise hat die fehlende Nachhaltigkeit unseres alten Systems in Bezug auf den sozialen Zusammenhalt, den Mangel an Chancengleichheit und Inklusivität offengelegt. Auch können wir den Missständen von Rassismus und Diskriminierung nicht den Rücken kehren. Wir müssen in diesen neuen Gesellschaftsvertrag unsere generationenübergreifende Verantwortung einbauen, um sicherzustellen, dass wir den Erwartungen der jungen Menschen gerecht werden“, so Schwab.

Die Corona-Krise habe den globalen Übergang in das Zeitalter der Vierten Industriellen Revolution beschleunigt. Schwab wörtlich: „Wir müssen sicherstellen, dass die neuen Technologien in der digitalen, biologischen und physischen Welt weiterhin den Menschen in den Mittelpunkt stellen und der Gesellschaft als Ganzes dienen, indem sie allen einen fairen Zugang ermöglichen (…) Wir brauchen ein Umdenken, den Übergang vom kurzfristigen zum langfristigen Denken, den Übergang vom Aktionärskapitalismus zur Verantwortung der Stakeholder. Ökologische, soziale und Good Governance müssen ein angemessener Teil der Rechenschaftspflicht von Unternehmen und Regierungen darstellen.“

Zu den prominenten Unterstützern des „Great Reset“ gehören:

Victoria Alonsoperez, Gründerin und Geschäftsführerin von Chipsafer, Uruguay, und ein Young Global Leader; Caroline Anstey, Präsidentin und Geschäftsführerin von Pact, USA; Ajay S. Banga, Geschäftsführer, Mastercard, USA; Sharan Burrow, Generalsekretärin, Internationaler Gewerkschaftsbund (IGB), Brüssel; Ma Jun, Vorsitzender, Green Finance Committee, China Society for Finance and Banking, und Mitglied des Geldpolitischen Ausschusses der People's Bank of China; Bernard Looney, Geschäftsführer, bp, Vereinigtes Königreich; Juliana Rotich, Venture Partner, Atlantica Ventures, Kenia; Bradford L. Smith, Präsident, Microsoft, USA; und Nick Stern, Vorsitzender, Grantham Research Institute on Climate Change and the Environment, Vereinigtes Königreich.

Klaus Schwab, sieht die Globalisierung mittlerweile kritisch. „Die Globalisierer haben es übertrieben“, sagte Schwab der Schweizer Zeitschrift „Bilanz“ wenige Wochen vor Eröffnung der 50. Weltwirtschaftskonferenz-Konferenz in Davos im Januar 2020. „Wir hätten den sozialen Faktoren und der Umwelt mehr Gewicht geben müssen.“

Die Globalisierung habe lange eine moralische Rechtfertigung gehabt, weil sie deutlich mehr Gewinner als Verlierer hervorgebracht habe. „Heute ist dieses Argument aus zwei Gründen nicht mehr überzeugend: Erstens haben wir ein neues soziales Bewusstsein, vor allem in der jüngeren Generation. Und zweitens kann man heute keine Politik mehr verfolgen, bei der die Bürger zurückbleiben“, so Schwab.

Das rasante Tempo der wirtschaftlichen und sozialen Veränderungen sei die Hauptursache für die Rückkehr des Nationalismus, meinte Schwab. Angst, etwa vor dem Verlust des Arbeitsplatzes, führe zu einer Bunkermentalität. Der neue Nationalismus sei eine Gegenbewegung zur Globalisierung. „Das Mantra der großen Öffnung war doch vor allem ein elitäres Projekt“, meint Schwab.

HIER geht es zu den wichtigsten Videos und Analysen zum Thema „The Great Reset“.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis bei 10.000 US-Dollar? Warum Analysten einen historischen Durchbruch erwarten

Gold gilt seit jeher als sicherer Hafen, doch die aktuelle Debatte wirkt anders. Steigende globale Verschuldung, anhaltende Inflation und...

avtor1
Cüneyt Yilmaz

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

DWN
Politik
Politik Sozialstaat vor Reform: Weniger Bürokratie, mehr Effizienz und mehr Bürgernähe – es bleiben Fragen
27.01.2026

Der deutsche Sozialstaat steht vor einer tiefgreifenden Neuordnung. Weniger Bürokratie, mehr Digitalisierung und klare Zuständigkeiten...

DWN
Finanzen
Finanzen SAP-Aktie vor Zahlen: Analysten erwarten solides Wachstum – jetzt SAP-Aktie kaufen?
27.01.2026

Die SAP-Aktie steht vor entscheidenden Tagen: Am Donnerstag legt der Softwarekonzern Zahlen vor, bereits jetzt treffen Cloud-Dynamik und...

DWN
Politik
Politik Verteidigungsminister Pistorius: Gemeinsame Grönland-Mission der Nato auf gutem Weg
27.01.2026

Eine mögliche Grönland-Mission der Nato gewinnt erneut an Dynamik. Gespräche laufen, militärische Interessen sind klar benannt, doch...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft EU-Indien-Handelsabkommen: Neue Freihandelszone mit globaler Wirkung
27.01.2026

Die Europäische Union und Indien stehen vor einem wirtschaftspolitischen Wendepunkt. Ein neues Handelsabkommen verspricht enorme Chancen...

DWN
Finanzen
Finanzen Rechnung falsch, Steuer weg? Wie Formfehler zur Umsatzsteuer- und Vorsteuerfalle werden
27.01.2026

Formale Fehler auf Rechnungen kosten Unternehmen jedes Jahr Millionen – oft völlig unnötig. Drei typische Stolperfallen, die...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Bahnchefin Palla räumt in der Konzernleitung auf: Einsparungen im Volumen von 500 Millionen Euro
27.01.2026

Die Deutsche Bahn steht vor einem tiefgreifenden Umbau. Neue Sparpläne, harte Entscheidungen und klare Prioritäten prägen den Kurs der...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ifo-Exporterwartungen: Leichtes Stimmungsplus im Januar – Lage bleibt fragil
27.01.2026

Die deutsche Exportwirtschaft sendet zu Jahresbeginn vorsichtige Hoffnungssignale. Neue Zahlen deuten auf verbesserte Exporterwartungen...

DWN
Politik
Politik Verbot russischer Gasimporte: EU beschließt rechtliche Grundlage bis 2027
27.01.2026

Die Europäische Union macht ihre energiepolitische Neuausrichtung rechtsverbindlich. Welche Folgen hat dieser Schritt für Europas...