Politik

Amerikaner und Russen widersprechen einander: Was geschah wirklich beim großen Marine-Manöver in der Barentssee?

Die U.S. Navy und die britische Marine haben in der Barentssee ein Manöver durchgeführt. Ob russische Kriegsschiffe eingriffen, ist unklar.
20.06.2020 10:41
Aktualisiert: 20.06.2020 10:41
Lesezeit: 4 min
Amerikaner und Russen widersprechen einander: Was geschah wirklich beim großen Marine-Manöver in der Barentssee?
Die Barentssee. (Foto: dpa)

Über das Manöver, das Anfang Mai in der Barentssee stattfand (die DWN berichteten), machen das US- und das russische Militär unterschiedliche Angaben. Inwiefern die teilnehmenden Schiffe der beiden Nato-Länder von russischen Kriegsschiffen eskortiert wurden, wird von beiden Seiten unterschiedlich dargestellt.

Es handelte sich um das erste Manöver von Nato-Streitkräften in dem Randmeer des Atlantiks zwischen Norwegen und dem europäischen Teil Russlands seit Mitte der 80er Jahre. An der Übung nahmen fünf Schiffe teil: Die amerikanischen Zerstörer „Donald Cook“, „Porter“ und „Roosevelt, der – ebenfalls amerikanische – Einsatzgruppenversorger „Supply“ sowie die britische Fregatte „Kent“. Sowohl die „Donald Cook“ als auch die „Porter“ sind mit Tomahawk-Marschflugkörpern ausgerüstet. Die Besatzungsstärke der fünf Schiffe betrug zusammen rund 1.200 Mann.

Fregattenkapitän Kyle Raines, Sprecher der 6. US-Flotte (Standort Neapel/ Zuständigkeitsbereich: Mittelmeer und östlicher Atlantik) nannte gegenüber den Deutschen Wirtschaftsnachrichten als Grund für das Manöver: „Die Schiffe haben ihren Einsatz in den schwierigen klimatischen Bedingungen oberhalb des Nördlichen Polarkreises durchgeführt, um die Freiheit der Meere geltend zu machen und die reibungslose Zusammenarbeit zwischen Verbündeten zu demonstrieren.“

Die Kommandeurin der 6. Flotte, Vize-Admiral Lisa Franchetti, sagte in einer Pressemitteilung: „In diesen herausfordernden Zeiten ist es wichtiger als jemals zuvor, dass wir eine rasche Abfolge von Einsätzen in Europa durchführen und dabei sicherstellen, dass wir den guten Zustand unserer Truppe aufrechterhalten. Wir werden weiterhin alles tun, um die Sicherheit und Stabilität der Region zu bewahren und unsere Einsatzbereitschaft in der Arktis auf eine solide Grundlage zu stellen.“

Der russische Generalstab äußerte scharfe Kritik an dem Manöver. Die staatliche Nachrichtenagentur TASS zitiert Generaloberst Sergei Rudskoi: „Die Nato hat ihre Aktivitäten in der Arktis in erheblichem Maße ausgeweitet … Im Zuge des Manövers übte sie, Ziele auf russischem Territorium zu treffen und russische ballistische Raketen abzufangen. Wir betrachten dies als Provokation, obwohl die amerikanische Seite uns über die Einfahrt ihrer Schiffe in die Barentssee kurzfristig informiert hatte.“

Letzteres, nämlich dass Russland über das Manöver informiert wurde, bestätigt auch Raines, wobei er nicht davon spricht, dass die Information ´kurzfristig´ erfolgte: „Das russische Verteidigungsministerium wurde im Vorfeld informiert“, schreibt er, „um Missverständnisse zu vermeiden, Risiken zu reduzieren und eine unbeabsichtigte Eskalation zu vermeiden.“

Bei der Frage, ob die Benachrichtigung des russischen Verteidigungsministeriums rechtzeitig geschah, handelt es sich allerdings in erster Linie um eine reine Definitionssache von vergleichsweise geringer Bedeutung, für die Russen scheint sie dann auch keine große Relevanz zu besitzen. Weitaus interessanter ist ein zweiter Aspekt: Die TASS zitiert Rudskoi dahingehend, dass die russische Marine die „Nato-Eingreiftruppe lokalisiert und die Schiffe eskortiert habe“. Dies habe es ihr erlaubt, „Zwischenfälle zu vermeiden“ und ihre „Entschlossenheit demonstriert“, ihre „Interessen in der Arktis zu verteidigen“.

Auf Nachfrage der Deutschen Wirtschaftsnachrichten verneinen die Amerikaner ein Eingreifen der russischen Marine. Raines: „Keine Schiffe der amerikanischen Marine wurden von russischen Einheiten eskortiert.“

Inwiefern ein – wie auch immer geartetes – Kräftemessen zwischen Russen und Amerikanern in der Barentssee stattgefunden hat, lässt sich nicht abschließend ermitteln. Kapitän zur See a.D. Klaus Mommsen, der regelmäßig zu Marine-Themen publiziert, glaubt allerdings nicht daran. Der 72-jährige ehemalige Bundeswehr-Offizier sagte den Deutschen Wirtschaftsnachrichten: „Wahrscheinlich hat irgendein russisches Schiff, es muss noch nicht einmal ein Kriegsschiff gewesen sein, in gewissem Abstand die Nato-Schiffe begleitet, das war alles. Von ´Eskortieren´ kann man da nicht sprechen; die Russen benutzen den Begriff nur, um bei ihrer eigenen Bevölkerung Eindruck zu machen. Übrigens verhalten sich die Briten ähnlich, wenn ein russischer Verband den Ärmelkanal durchquert; sie sagen dann auch, sie hätten die russischen Schiffe ´eskortiert´, um ihre Bevölkerung zu beruhigen und zu betonen, dass sie alles im Griff haben.“

Laut Mommsen war die Durchführung des Manövers vollkommen legal: „Bei der Barentssee handelt es sich um ein internationales Gewässer; Kriegsschiffe dürfen sich dort außerhalb der jeweiligen Zwölfmeilenzonen der anliegenden Staaten frei bewegen. Die Russen haben keinen Grund, sich aufzuregen; schließlich führen sie regelmäßig Übungen in der See vor Norwegen durch. Und wenn die Amerikaner im Schwarzen Meer Manöver abhalten, werden sie von den Russen immer aufs Schärfste beobachtet; teilweise überfliegen russische Kampfflugzeuge die amerikanischen Schiffe.

Im Endeffekt tauschen die beiden Seiten Nadelstiche aus. Die Amerikaner sagen: Ihr kommt uns im Schwarzen Meer in die Queere – dann zeigen wir eben mal demonstrativ Präsenz in der Barentssee.“

Interessant ist übrigens die Reaktion Norwegens auf das Manöver. Der norwegische Verteidigungsminister Frank Bakke-Jensen sagte, dass sein Land die Präsenz alliierter Truppen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft begrüße. Gleichzeitig sagte Bakke-Jensen aber auch, dass die „laufenden militärischen Aktivitäten ein Zeichen der Rivalität zwischen den Großmächten sei.“ Und auch wenn es an und für sich sinnvoll sei, dass Norwegen an solchen Aktivitäten teilnehme, seien „unsere Prioritäten diesmal anderweitig gelagert gewesen“.

Prof. Rasmus Gjedsso Bertelsen von der „Arktischen Universität Norwegen“ (die nördlichste Universität der Welt/ Sitz: Tromso) kommentiert: „Verteidigen die Manöver der amerikanischen und britischen Marine transatlantische Seelinien oder bedrohen sie die russische Bastions-Verteidigung (die K-300 Bastion ist ein Raketensystem der russischen Küstenverteidigung – Anm. d. Redaktion) und ihre nukleare Abschreckung – und sind sie daher eine Gefahr für die strategische Stabilität? Norwegen ist diesen Manövern vielleicht deshalb ferngeblieben, weil es verstanden hat, welche Gefahr für sein Verhältnis mit Russland es bedeutet, wenn es sich an dem Versuch beteiligt, die russischen Nuklear-Abschreckung zu beseitigen.“

In den letzten Jahren hat das Interesse sowohl der Anrainer als auch der Großmächte an der Arktis in hohem Maße zugenommen. Es geht zum einen um Ressourcen wie Öl, Uran, Gold und Diamanten, zum anderen um die Seerouten, die – voraussichtlich bereits in 20 Jahren – frei von Eis sein werden.

Die Barentssee ist mit 1.405.000 Quadratkilometern fast genau viermal so groß wie die Bundesrepublik. Am 31. Dezember 1942 fand hier zwischen einem deutschen und einem britischen Geschwader die „Schlacht in der Barentssee“ (auch als „Unternehmen Regenbogen“ bezeichnet) statt. Der Sieg der Briten führte dazu, dass auf Befehl Hitlers der Bau schwerer Kriegsschiffe in Deutschland eingestellt wurde.

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