Falls Finanzcrash kommt: Plan für die Bargeld-Abschaffung liegt bereits vor

 

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23.06.2020 13:25  Aktualisiert: 23.06.2020 13:25
Unbemerkt von der Öffentlichkeit bereitet die Anti-Bargeld-Lobby die Welt auf die Abschaffung von Münzen und Scheinen vor.
Falls Finanzcrash kommt: Plan für die Bargeld-Abschaffung liegt bereits vor
Die „Bill & Melinda Gates Foundation“ sowie die „Clinton Development Initiative“ sind beide Mitglied in der 2012 gegründeten "Besser-als-Bargeld-Allianz". (Foto: dpa)

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Es dürfte die meisten überraschen, aber Fakt ist, dass in der Corona-Krise mehr Bargeld bewegt wurde als zuvor. Der Grund: Aus Angst vor leeren Bankautomaten deckten viele Bürger sich mit großen Mengen Bargeld ein, das nun zu Hause ruht und auf seinen Einsatz in Notzeiten wartet.

Das heißt: Auf den Markt kommt es nicht mehr. Und so muss man dann auch konstatieren, dass der Trend zur Bargeld-Abschaffung in der ersten Jahreshälfte 2020 einen Riesenschritt nach vorn gemacht hat. Und er wird in nächster Zeit aller Voraussicht nach weiter voranschreiten!

Schließlich werden alltägliche Zahlungen von den Konsumenten in zunehmendem Maße elektronisch vorgenommen, und die während des Lockdowns rasant angestiegene Zahl von Online-Bestellungen führt dazu, dass das Bargeld im Handel eine immer geringere Rolle spielt. Auch von offizieller Seite wird der Trend unterstützt: Der 500-Euro-Schein wird nicht mehr gedruckt, und in der Europäischen Kommission wird bereits die Abschaffung kleiner Münzen diskutiert.

Wird die Ära des Bargeldes also in baldiger Zukunft enden? Wahrscheinlich nicht, denn nach wie vor ist ein erheblicher Anteil der europäischen Bevölkerung nicht bereit, freiwillig auf Münzen und Scheine zu verzichten (trotz der Zunahme von bargeldlosen Zahlungen, wie oben beschrieben). Im Falle einer abrupten Abschaffung könnte es sogar dazu kommen, dass die Menschen das Recht auf Barzahlung vehement einfordern würden, möglicherweise sogar auf der Straße.

Das heißt allerdings nicht, dass hinter den Kulissen nicht unaufhörlich auf die Bargeld-Abschaffung hingearbeitet wird. Schließlich liegt sie im Interesse einer Allianz aus Geschäftsbanken, Europäischer Zentralbank (EZB) und den Regierungen der Eurozone.

Die Interessen von Bürgern und Banken prallen aufeinander

Den Geschäftsbanken machen die aktuellen Niedrigzinsen derzeit schwer zu schaffen. Darüber hinaus setzt sie der Einlagenzins, zu dem sie überschüssige Geldreserven bei der EZB einlagern, mit seinen minus 0,4 Prozent unter heftigen Druck, da sie sich großenteils scheuen, diese Kosten in Form negativer Einlagenzinsen an ihre Kunden weiterzugeben. Die Bargeld-Abschaffung würde es ihnen ermöglichen, ihre Kassenautomaten, ihre Bargeldabteilungen sowie die Bargeldsicherung abzuschaffen und auf diese Weise erhebliche Kosten zu sparen.

Die EZB wiederum muss sich wegen der vor uns liegenden wirtschaftlichen Verwerfungen (als Folge der durch den Lockdown erheblich verschärften Rezession) auf eine Absenkung des Leitzinses in den Negativbereich vorbereiten. Dieser Schritt aber würde mit großer Sicherheit zu einem Run auf das Bargeld führen, den nur dessen Abschaffung verhindern könnte.

Ähnlich große Probleme wie die Geschäftsbanken und die EZB plagen die Regierungen der Eurozone. Ihnen brechen wegen der Rettungsprogramme infolge des Lockdowns die Steuereinnahmen in nie gekanntem Ausmaß weg. Sie müssen sich immer stärker verschulden und ächzen daher unter einer immer größeren Zinslast, für deren Senkung es nur eine Lösung gibt: Negativzinsen. Auch den Regierungen käme die Abschaffung des Bargeldes daher mehr als gelegen.

Zudem braut sich für alle Betroffenen zurzeit weiteres Unheil zusammen: Sobald sich die Folgen des Lockdowns im Spätsommer und im Herbst voll entfalten, werden die Finanzminister zur Stimulierung der Wirtschaft aller Voraussicht nach gezwungen sein, zum Mittel „Helikoptergeld“ zu greifen. Da das ausschließlich zur Ankurbelung der Nachfrage gedacht ist, muss mit allen Mitteln verhindert werden, dass die Empfänger es zu Hause horten. In anderen Worten: Soll das Helikoptergeld den gewünschten Effekt erbringen, muss es in digitaler Form vergeben werden.

Wird es ein plötzliches Bargeld-Verbot geben?

Wird es angesichts dieser Fülle von Problemen möglicherweise zu einem plötzlichen Bargeld-Verbot kommen? Wohl kaum, denn einerseits wären die politischen und sozialen Folgen kaum abzusehen und andererseits gibt es ein viel wirksameres und politisch weitaus ungefährlicheres Vorgehen – die schleichende Ersetzung des Bargeldes durch digitale Währungen.

Dieser Prozess ist seit Jahren in Gang und vollzieht sich im Stillen und weitgehend hinter dem Rücken der internationalen Öffentlichkeit. So arbeitet die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) bereits am Konzept eines digitalen Geldes, das die Bürger auf einem speziellen Konto halten können – in einer digitalen Geldbörse (Wallet), die möglicherweise im Zuge der Verteilung von Helikoptergeld eingeführt werden könnte.

2010 sind die G20 – die zwanzig wirtschaftsstärksten Länder der Welt – ein Bündnis eingegangen, das sich „Globale Partnerschaft zur finanziellen Inklusion“ nennt. Das Wort „Inklusion“ bedeutet „Einbeziehung“ und soll nahelegen, dass derjenige, der mit Bargeld bezahlt, ein finanziell Ausgeschlossener ist.

Um diese vermeintlich Ausgeschlossenen ins System zu integrieren, wurde zur Umsetzung der G20-Ziele im Jahr 2012 die „Better Than Cash Alliance“ (auf Deutsch: „Besser-als-Bargeld-Allianz“) gegründet. Dieser weitgehend unbekannten, aber inzwischen sehr mächtigen Organisation gehören mittlerweile 31 Regierungen an, dazu Großkonzerne wie Coca Cola, Visa, Mastercard und Unilever sowie private Stiftungen wie die „Bill & Melinda Gates Foundation“ und die „Clinton Development Initiative“ des ehemaligen US-Präsidenten Bill Clinton.

Schwellenländer als Versuchslabore

Die Strategie der „Better Than Cash Alliance“ zielt darauf ab, den bargeldlosen Geldverkehr zunächst vor allem in Afrika, Südamerika und Asien zu etablieren und die dortigen Länder als eine Art Versuchslabor für die einzelnen Schritte bei der Bargeld-Abschaffung zu nutzen.

Eines der größten Experimente fand im November 2016 in Indien statt, als Premierminister Narendra Modi die beiden größten Geldscheine über Nacht aus dem Verkehr ziehen ließ und damit die Menge des umlaufenden Bargelds auf einen Schlag um 86 Prozent verringerte. Entgegen allen offiziellen Beteuerungen waren die Folgeschäden für die Wirtschaft enorm, die Erkenntnisse für die Allianz allerdings von großer Bedeutung.

Eine von Goldman Sachs und der Indischen Zentralbank bei der Harvard Universität in Auftrag gegebene Studie wies nach, dass es im Anschluss an die Aktion zu einem scharfen Rückgang wirtschaftlicher Aktivitäten und einem Einbruch bei der Kreditvergabe der Banken gekommen war. Damit war klar, dass sich ein ähnliches Vorgehen in einem hochentwickelten Industrieland nicht empfehlen würde.

Das jüngste Experiment der „Better Than Cash Alliance“ scheint sich gerade im Sudan abzuspielen, wo man ganz offensichtlich die Ausgabe elektronischen Helikoptergeldes testet. Die Regierung des Landes, das der Allianz erst am 10. Juni dieses Jahres beigetreten ist, hat ein Familien-Unterstützungs-Programm verkündet, das achtzig Prozent der sudanesischen Familien mit einer monatlichen digitalen Zahlung von fünf Dollar pro Person versorgen wird, wobei die Zahlungen auf den Handys der Menschen eingeht. Finanziert wird das Projekt großenteils von der Weltbank, die sich ebenfalls seit Jahren für die Abschaffung des Bargelds stark macht.

Was, wenn der Ernstfall eintritt?

Wie aber werden Regierungen und Zentralbanken reagieren, wenn sie im Zuge der sich anbahnenden Wirtschaftskrise durch einen Finanzcrash gezwungen werden, umgehend zu handeln? Auch dafür steht bereits ein Plan bereit, der die Abschaffung des Bargeldes in Windeseile vorantreiben könnte, ohne auf ein Verbot zu setzen. Er stammt aus den Reihen des Internationalen Währungsfonds und ist im IWF-Blog vom Februar 2019 unter dem Titel „How to make negative interest rates work“ („Wie man Negativzinsen zum Laufen bringt“) veröffentlicht worden.

Der Plan sieht vor, dass die Zentralbanken die vorhandene Geldmenge in zwei Parallel-Währungen – Bargeld einerseits und elektronisches Geld andererseits – unterteilen und einen Wechselkurs zwischen beiden festlegen, der das Bargeld gegenüber dem elektronischen Geld abwertet.

Das käme einer Steuer auf das Bargeld gleich und würde es – möglicherweise in mehreren Schritten - so unattraktiv machen, dass die Menschen ihre Bestände rasch auflösen würden und das Bargeld schnell aus dem Verkehr gezogen werden könnte. Im Zuge eines Finanzcrashs würde man ein solches Vorgehen der Öffentlichkeit vermutlich als „Notmaßnahme zur Stabilisierung des Systems“ verkaufen.

Wie es im Einzelnen mit der Bargeld-Abschaffung weitergeht, kann zurzeit niemand genau sagen. Nur eines ist sicher: Sie wird auch weiterhin mit aller Macht vorangetrieben werden, und zwar ohne, dass die breite Öffentlichkeit über die Fortschritte informiert oder gar auf dem Laufenden gehalten wird.

                                                                            ***

Ernst Wolff, 69, befasst sich mit der Wechselbeziehung zwischen internationaler Politik und globaler Finanzwirtschaft.



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