Politik

Denkfabriken: Ein unerlässlicher Bestandteil der modernen Demokratien

Think Tanks konnten sich nur auf dem Boden der modernen Demokratie herausbilden. Ohne sie wären Politiker und Journalisten heute schlicht überfordert.
Autor
27.07.2020 14:00
Lesezeit: 4 min
Denkfabriken: Ein unerlässlicher Bestandteil der modernen Demokratien
Denkfabriken machen ihre Ziele auch über die Medien öffentlich publik - sie arbeiten nicht im Geheimen. (Foto: dpa) Foto: Institut F

Think Tanks sind historisch betrachtet ein neues Phänomen. Sie sind ein Produkt der modernen Demokratie, welche die meisten westlichen Staaten seit über einem Jahrhundert fest im Griff hat. Sogar in China sind in den letzten Jahren zahlreiche Think Tanks gegründet worden, die jedoch von der Regierung selbst finanziert werden und eigentlich etwas grundlegend anderes sind.

Bei den Monarchen früherer Zeiten wäre das Interesse an „Denkfabriken“, wie das Phänomen heute auch genannt wird, wohl gering gewesen – zumindest an Denkfabriken, wie man sie heute in der westlichen Welt vorfindet. Und dafür gibt es vor allem drei Gründe, die auch veranschaulichen, wie sich unsere moderne Zeit von der historischen Normalität unterscheidet.

Zum einen hatte ein früherer Monarch immer seine eigenen Berater, die er mitunter auch schon von seinem Vorgänger übernehmen konnte, sodass sie stets gut im Thema standen und verlässlich waren. Mitunter konnte einst auch die Kirche sinnvollen Rat geben. Aber warum sollte ein Regent fremde Berater bemühen, die womöglich ganz anderen Interessen dienen?

Dass die heutigen Think Tanks in ihren politischen Empfehlungen eher ihren oft geheimen Geldgebern dienen, als den Politikern, denen sie helfen, ist nicht nur eine logische Folge der finanziellen Anreize – „wes Brot ich ess, des Lied ich sing“, sondern es wird auch durch die Geschehnisse in der realen Welt so bestätigt.

So war es zum Beispiel vor einigen Jahren mehr als auffällig, dass mehrere große marktwirtschaftlich orientierte Denkfabriken in den USA sich plötzlich für ein scharfes Patentrecht einsetzten, nachdem sie großzügige Spenden von Konzernen erhalten hatten, die daran ein starkes Interesse zeigten – vor allem aus der Pharmabranche.

Der zweite Grund, warum es in der ferneren Vergangenheit keine Denkfabriken gab, besteht darin, dass es damals keine solche Flut immer neuer Gesetze und Regulierungen gab wie in den modernen Staaten. Zumindest in der westlichen Welt ist das Gewaltmonopol nie zuvor in so viele Bereiche des menschlichen Lebens eingedrungen wie heute.

Die meisten Demokratien erlassen Vorschriften darüber, welche Inhalte und Ansichten ihre Bürger in der Schule zu „lernen“ haben, was sie wie produzieren dürfen, was sie essen dürfen, wie sie fürs Alter vorzusorgen haben oder gegen welche möglichen Schicksalsschläge sie sich wie zu versichern haben, um nur einige Beispiele zu nennen. All dies gab es in der westlichen Welt zuvor meist nicht.

Wenn nun aber ein moderner demokratischer Politiker, dessen einzige Qualifikation oftmals darin besteht, dass er mehr oder weniger große Dummheiten überzeugend darstellen kann, wenn ein solcher Politiker plötzlich komplizierte Regeln für die Bürger aufstellen will, dann ist er (oder sie) dazu ohne Hilfe einfach nicht in der Lage.

Da ist es sehr willkommen, wenn die verschiedenen Denkfabriken ihre Dienste anbieten. Und es gibt ja auch längst Think Tanks für jede politische Richtung, die eine realistische Chance auf die Machtübernahme hat. Daher haben Politiker aller Parteien nun meist mehrere für sie passende Beratungsangebote zur Auswahl.

Viele Bürger sehen den Einfluss der Think Tanks kritisch. Manche wünschen sich Politiker, die selbst wissen, was zu tun ist. Doch selbst jene wenigen Politiker, die tatsächlich auf irgendeinem Gebiet Fachleute sind, sehen sich überfordert, wenn sie Regeln und Vorschriften vorschlagen sollen, die zu dem Wust an bereits bestehenden Regeln und Vorschriften passen sollen.

Bei der Finanzierung ihrer Berater kann die Politik es eigentlich nur falsch machen. Wenn die Berater kein Geld erhalten, so stehen sie im Verdacht, fremden Interessen zu dienen. Und wenn sie von der Politik doch Geld erhalten, so ist es für viele Bürger überraschend, dass es in den Ministerien und Behörden keine geeigneten Mitarbeiter gibt, die das übernehmen könnten.

Der dritte Grund, warum Think Tanks ein noch relativ neues Phänomen sind, betrifft deren Öffentlichkeitsarbeit. Denn die Denkfabriken nehmen nicht nur direkten Einfluss auf die Politik, sondern verfolgen ihre Ziele auch indirekt, indem sie sich bemühen, ihre Standpunkte über die Medien populär zu machen.

Nicht nur Politiker, auch Journalisten wissen insgesamt nur sehr wenig und greifen daher gern auf die Hilfe der verschiedenen Think Tanks zurück, die ihre Expertise ja kostenlos anbieten. Doch Öffentlichkeitsarbeit ist nur dann sinnvoll, wenn es eine Öffentlichkeit gibt, die über Macht verfügt, und eine Regierung, die dies zulässt – mit anderen Worten: in einer modernen Demokratie.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: S&P 500 erreicht Rekordhoch – Aktien steigen wegen Verlängerung der Iran-Waffenruhe und starken Quartalszahlen
22.04.2026

Spannende Entwicklungen an der Wall Street: Erfahren Sie, welche Dynamiken den Markt aktuell beherrschen und warum Investoren jetzt genau...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wirtschaftswende abgesagt: Deutschland erwartet Mini-Wachstum und halbiert Konjunkturprognose
22.04.2026

Nicht nur die Folgen des Iran-Kriegs bremsen die Konjunktur in Deutschland weiter aus. Die Bundesregierung rechnet nur noch mit einem...

DWN
Politik
Politik Kein Öl mehr aus Kasachstan: Russland stoppt Lieferung nach Deutschland
22.04.2026

Ab kommender Woche wird kein Öl aus Kasachstan mehr durch die Pipeline Druschba nach Deutschland und zur PCK-Raffinerie in Schwedt...

DWN
Politik
Politik Ungarn gibt Ukraine-Blockade auf: EU-Milliarden und neue Sanktionen gegen Russland kommen
22.04.2026

Der Weg für den 90 Milliarden schweren EU-Kredit sowie für weitere Russland-Sanktionen ist frei. Die Hälfte des Geldes soll bereits in...

DWN
Immobilien
Immobilien Bund als Wohnungsbauer? Regierung plant Bundesbaugesellschaft
22.04.2026

Wenn Wohnraum knapp wird, steigen die Preise: In Deutschland fehlen 1,4 Millionen Wohnungen zugleich verteuern sich die Mieten vor allen in...

DWN
Politik
Politik Zwischen Datenschutz und Kontrolle: EU-App zur Altersprüfung im Internet kommt
22.04.2026

Um den Jugendschutz im Internet zu verbessern, hat die EU eine App zur Altersverifizierung entwickelt. Die Lösung, die Ursula von der...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Flugstreichungen: Lufthansa streicht 20.000 Flüge bis Oktober
22.04.2026

Die Schließung der Cityline reißt Lücken ins Lufthansa-Netz. Was heißt das konkret für die nächsten Monate und ihre Urlaubspläne?

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Übernahme durch UniCredit: Welche Rolle spielt die Commerzbank-Aktie?
22.04.2026

Im Ringen um die Commerzbank-Übernahme verschärfen sich die Fronten, während UniCredit auf Kontrolle drängt und die mBank für den...