Deutschland

Neuwagen-Absatz bricht ein: Immer mehr alte Autos auf Deutschlands Straßen unterwegs

Der Neuwagen-Absatz ist im ersten Halbjahr 2020 massiv eingebrochen. Mittlerweile beträgt das durchschnittliche Alter eines Autos in Deutschland fast zehn Jahre.
14.07.2020 13:17
Aktualisiert: 14.07.2020 13:17
Lesezeit: 3 min
Neuwagen-Absatz bricht ein: Immer mehr alte Autos auf Deutschlands Straßen unterwegs
Ganz so alt wie dieser Käfer sind die meisten Autos auf Deutschlands Straßen nicht: Aber im Durchschnitt wurden sie im Jahr 2011 zugelassen. (Foto: dpa)

Die Zahl der verkauften Neuwagen in Deutschland war in keinem Halbjahr seit der Wiedervereinigung so niedrig wie in den ersten sechs Monaten 2020: Der Absatz betrug gerade einmal 1,21 Millionen Pkw – das sind 638.000 weniger als im gleichen Zeitraum des Vorjahrs, ein Minus von fast 35 Prozent. Und das, obwohl die Auto-Nation Deutschland zur Oldtimer-Nation geworden ist: Das Durchschnitts-Alter der Pkws auf den Straßen der Republik beträgt 9,6 Jahre; das ist so alt wie niemals zuvor. Zwei Prozent der Wagen sind älter als 30 Jahre, fast jeder zehnte (genau: 9,7 Prozent) ist älter als 20 Jahre. Fast jeder vierte (23,4 Prozent) ist älter als 15 Jahre (zum Vergleich: 2007, dem Jahr vor der Finanzkrise, war es gerade einmal jeder zwölfte, also 12,5 Prozent).

In absoluten Zahlen: Von den insgesamt 47,7 Millionen deutschen Autos sind 11,2 Millionen älter als 15 Jahre.

„Wie stark die Autos auf unseren Straßen ´angegraut´ sind, zeigt auch ein Vergleich mit anderen Ländern“, schreibt der Automobil-Experte Ferdinand Dudenhöffer. Und weiter: „So beträgt das Durchschnittsalter des Pkw-Bestands in Luxemburg 6,4 Jahre; in England 8,0 Jahre; in Österreich 8,2 Jahre; in Italien 8,4 Jahre. Ja, selbst auf Frankreichs Straßen sind die Autos mit 9,0 Jahren nicht so alt wie in Deutschland. Nur in den osteuropäischen Ländern, wie etwa in Litauen (stolze 16,9 Jahre – Anm. d. Red.) sind die Autos noch älter.“

Schaut man sich diese Zahlen an, so wird deutlich, dass die Kaufzurückhaltung nicht primär mit der Einkommenssituation zu tun hat. Denn was das durchschnittliche Pro-Kopf-Einkommen angeht, steht Deutschland unter den Euroländern (Stand: 2018) laut „eurostat“-Statistik an zweiter Stelle hinter Luxemburg, noch vor Ländern wie Dänemark und den Niederlanden. Und auch, was das Median-Einkommen anbelangt (das heißt, die eine Hälfte der Bevölkerung verdient mehr als der Median, die andere weniger), steht Deutschland in der Gruppe der Euroländer mit 1.770 Euro gut da, wird lediglich von Luxemburg und von Österreich übertroffen (Angaben von 2017). Hingewiesen sei in diesem Zusammenhang darauf, dass die Annahme, die Deutschen seien ärmer als so gut wie alle West- (und sogar als viele Ost-Europäer), weil sie über ein geringes Median-Vermögen verfügen, falsch ist. Zwar stehen die Deutschen in dieser Kategorie tatsächlich sehr schlecht da, doch daraus den Schluss zu ziehen, sie würden über dementsprechend wenig Geld verfügen, ist falsch. Tatsache ist nämlich, dass die Deutschen überdurchschnittlich oft zur Miete wohnen (mithin über keinen Grundbesitz verfügen), zum anderen, dass Renten- und Pensionsansprüche nicht mit ins Vermögen einberechnet werden (was dann beispielsweise dazu führt, dass ein deutscher Hochschulprofessor mit Pensionsanspruch, der in Hamburg schick zur Miete wohnt, statistisch gesehen ärmer ist als ein Mechaniker, der im ländlichen Andalusien – der ärmsten Region Spaniens – ein Häuschen besitzt).

Ein Blick auf die Statistik zeigt darüber hinaus, dass sich auch in anderen europäischen Ländern nicht zwingend eine Korrelation ergibt zwischen der dortigen Einkommenssituation und dem durchschnittlichen Alter der dortigen Autos. So ist letzteres beispielsweise in Großbritannien (8,0 Jahre) und selbst in Italien (8,4) geringer als in der Schweiz (8,6), wo Einkommen und Lebensstandard weitaus höher sind. Der Versuch einer Erklärung für dieses Phänomen könnte die Größe (und vielleicht auch die Qualität) der in diesen Ländern verkauften Autos sein. Ein Kleinwagen, beispielsweise ein Fiat 500, wird eben rascher ersetzt als ein Mercedes. Tatsächlich steht die Schweiz in punkto Motorleistung der Pkw-Neuzulassungen für die Jahre 2012 bis 2018 europaweit an erster Stelle. Und mit Luxemburg (2.), Norwegen (3.) und Deutschland (5.) folgen weitere einkommensstarke Länder auf den Plätzen (die Nummer vier, Schweden, steht einkommensmäßig nur im oberen Mittelfeld; eine Erklärung für die starke Motorisierung könnte sein, dass große Teile des Landes extrem ländlich geprägt sind und deshalb leistungsstarke Autos bevorzugt werden).

Die Größe und Qualität deutscher Autos also der Grund für das hohe Durchschnittsalter der Autos auf deutschen Straßen? Die deutsche Automobil-Industrie (beziehungsweise ihr heimischer Absatz) also sozusagen das Opfer von „Made in Germany“?

Wie auch immer: Angesichts der Tatsache, dass der Trend in Deutschland zum PS-starken und damit auch zum hochpreisigen Auto geht, war es richtig, dass die Bundesregierung davon abgesehen hat, durch spezielle Mehrwertsteuersenkungen auf hochpreisige Güter den Autoverkauf anzukurbeln. Dies wäre im Grunde einer Subvention der Gutsituierten gleichgekommen; derjenigen also, die von der Corona-Krise vergleichsweise wenig betroffen sind. Der Absturz im ersten Halbjahr hat sicherlich mit Corona zu tun (das gleichzeitige Auftreten der Pandemie und des Absatzeinbruchs sind kein Zufall). Aber die Auto-Industrie ist nicht die einzige betroffene Branche – auch andere müssen sich mehr oder weniger aus eigener Kraft wieder aus der Misere befreien.

Im Gespräch mit den Deutschen Wirtschaftsnachrichten sagte Experte Ferdinand Dudenhöffer, dass in den letzten Jahren wenig Innovatives von der Branche gekommen sei: „Die Hersteller liefern dem Konsumenten zu wenige Gründe, sein altes Auto mit einem neuen zu ersetzen.“ Im März lieferten die DWN bereits eine Analyse des Endes des alten – und überkommenen – Systems „Auto“ in der Bundesrepublik („König Auto ist tot – es lebe König Auto“) und einen – durchaus optimistischen – Ausblick auf die Zukunft. Es scheint, als ob 2020 wirklich zum Schicksalsjahr für Deutschland Autobauer werden wird.

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