Politik

Russlands rote Linie: Wie seine geografische Lage die Machtpolitik des Riesenreiches bestimmt

DWN-Kolumnist Moritz Enders analysiert, wie die Geografie Russlands seine Außen-, Sicherheits- und Machtpolitik bestimmt.
02.08.2020 17:15
Lesezeit: 3 min
Russlands rote Linie: Wie seine geografische Lage die Machtpolitik des Riesenreiches bestimmt
Mit etwas mehr als 17 Millionen Quadratkilometern ist Russland fast 50mal so groß wie Deutschland. Seine Geografie ist eine wichtige Determinante seiner Außen-, Sicherheits- und Machtpolitik. (Grafik: DWN/Google Maps)

Ein Punkt, der das Schicksal von Großmächten entscheidend mitbestimmt, ist ihre geographische Lage. Das gilt auch und gerade für Russland. Um die Außen-, Sicherheits- und Machtpolitik des Landes zu verstehen, ist ein Blick auf die Landkarte hilfreich. Eine Analyse.

Wer Moskau besucht, kann dort unweit des Roten Platzes das "Museum des Patriotischen Krieges von 1812" besichtigen. In diesem Jahr war Napoleon in Russland eingefallen. Er konnte das Land aber nicht erobern. Verschiedene Gründe waren hierfür verantwortlich: Das Wetter – oft auch als "General Winter" bezeichnet -, der Brand von Moskau, in das Napoleons Truppen nach der Schlacht von Borodino eingerückt waren, vor allem aber die schiere Größe des Zarenreiches. Der Rückzug der Grande Armée wurde zum Desaster, das Ende von Napoleons Regentschaft war eingeläutet.

Auch der Angriff Nazi-Deutschlands auf die Sowjetunion blieb in den Weiten Russlands stecken. Nach Stalingrad hatte Hitler keine Chance mehr, den Krieg in Europa zu gewinnen. An den "Großen Vaterländischen Krieg", der die Völker des Sowjetreiches einen grausam hohen Blutzoll gekostet hat, wird heute in der Russischen Föderation mit zahlreichen Mahnmalen erinnert.

Beide Invasionen erfolgten über die mitteleuropäische Tiefebene und damit über die Achillesferse des Riesenreiches. Schützende Bergmassive, wie etwa der Kaukasus im Süden Russlands, fehlen hier. Der Durchmarsch der Invasoren kam allerdings in beiden Fällen zum Erliegen, weil die Dimensionen des Landes seine Eroberung und Besetzung so gut wie unmöglich machen.

Vor diesem Hintergrund, und speziell nach dem Trauma des Zweiten Weltkrieges, sollten die russischen Sicherheitsinteressen verstanden werden. Die osteuropäischen Satellitenstaaten der Sowjetunion waren mindestens so sehr Puffer- wie Bruder-Nationen. Sie waren gewissermaßen die Rückversicherung gegen weitere potentielle Angriffe aus dem Westen. Als Moskau die Kontrolle über die Staaten des ehemaligen Warschauer Paktes aufgab und der deutschen Wiedervereinigung zustimmte, geschah letzteres auch nur gegen die Zusicherung, dass die Nato nicht weiter gen Osten expandieren würde.

Das allerdings war nicht vereinbar mit dem Anspruch der USA, nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion alleinige Weltmacht zu werden. Folgerichtig rückte die Nato immer weiter nach Osten vor. Mit einer Aufnahme der Ukraine in das westliche Militärbündnis sowie einer Übernahme des Hafens von Sewastopol auf der Krim, wären dann die geopolitischen Optionen der russischen Föderation so weit beschränkt gewesen, dass sie als potentieller Rivale der USA nicht mehr in Frage gekommen wäre. Sewastopol ist der Haupthafen der russischen Schwarzmeerflotte.

Ein Blick auf die Landkarte Russlands verrät dabei, dass seine maritimen Möglichkeiten beschränkt sind: Um von Sewastopol aus in das Mittelmeer zu gelangen, müssen Schiffe den Bosporus durchqueren, der von der Türkei, einem Nato- Mitglied, kontrolliert wird. Gleichwohl gebieten es die Sicherheitsinteressen der Russischen Föderation, als Ordnungsmacht im Nahen und Mittleren Osten aufzutreten, um eine weitere Destabilisierung der Region zu verhindern. Denn dies könnte sich auch auf die Kaukasus-Region und die muslimisch geprägten zentralasiatischen Republiken auswirken und somit auf die verwundbare südliche Flanke der russischen Föderation. Das Beispiel Syrien, das auch vor diesem Hintergrund betrachtet werden sollte, zeigt, dass es einem diplomatischen Drahtseilakt gleichkommt, das russisch-türkische Verhältnis auszubalancieren.

Die – nicht immer ganzjährig eisfreien - Häfen von Sankt Petersburg an der Ostsee und Wladiwostok am Japanischen Meer teilen das Schicksal Sewastopols: Um von der Ostsee in den Atlantik zu gelangen, müssen russische Schiffe den Skagerrak passieren – und damit von der Nato kontrollierte Gewässer. Japan hingegen, ein Verbündeter der USA, könnte die Zufahrt zum Hafen von Wladiwostok blockieren. Damit bleibt die russische Föderation im Wesentlichen eine Landmacht. Das US- amerikanische Imperium wie auch sein Vorgänger, das britische, sind und waren hingegen Seemächte. Und Kontrolle über die Meere ist Voraussetzung für eine Machtprojektion auf alle Teile der Welt.

Doch der Zugang zu Meeren fördert auch den Handel und die Industrialisierung. Es ist leichter, Produkte im Ruhrgebiet herzustellen und über den Hafen von Rotterdam zu vertreiben, als sie in Zentralsibirien zu produzieren und von dort über endlos lange Wege zu exportieren. Und obwohl in Russland erstklassige Forschung stattfindet und das Land in einigen Bereichen industriell zum Westen aufgeschlossen hat, ist der Export von Öl und Gas für das Land nach wie vor von fundamentaler Bedeutung. Sollte also die Ostseepipeline Nordstream 2 doch nicht fertig gebaut werden oder eine Anbindung Bulgariens, einem Land, in dem gerade heftige Proteste gegen den Ministerpräsidenten Bojko Borissow stattfinden, an die Turkstream-Pipeline verhindert werden, würde dies die russische Position in hohem Maße schwächen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

Moritz Enders

***

Moritz Enders ist freier Autor und schreibt seit 2017 regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten. Er studierte Geschichte in Rom und Sevilla, Enders ist außerdem Autor und Regisseur. Mehrere Dokumentarfilme brachte er unter anderem für das ZDF und arte auf den Bildschirm, zum Beispiel „Schüsse auf dem Petersplatz – wer wollte den Papst ermorden?“ und „Tod eines Bankers – der Skandal um die älteste Bank der Welt“. Im Februar 2026 ist sein Roman „Die Prinzessin von Centocelle“ erschienen, dessen Hauptfiguren neben der Prinzessin ein Tierpfleger im Ruhestand, ein Schimpanse, ein Privatdetektiv und der Doppelgänger eines Top-Terroristen sind.

DWN
Politik
Politik Frühstartrente: Bundestag entscheidet über zehn Euro für Kinder
16.10.2026

Mit der Frühstartrente will der Staat Kindern monatlich zehn Euro für ein langfristiges Aktiendepot geben. Wer zuerst von der...

DWN
Politik
Politik Wer ist wer in den Kriegen im Nahen Osten
16.10.2026

Zehn Punkte zu Staaten, Rebellen und politischen Gruppen, die für Kriege, Lieferwege und Energiepreise entscheidend sind.

DWN
Politik
Politik Energiewende: CO2-Preis soll stabil bleiben im nächsten Jahr
16.10.2026

Der CO2-Preis, der Heizen und Tanken teuer macht, soll mit dem Jahreswechsel nicht steigen. Das soll Verbraucher vor Preissprüngen...

DWN
Finanzen
Finanzen Unicredit: EZB genehmigt Übernahme von Commerzbank-Anteilen
16.10.2026

Seit zwei Jahren pirscht sich die Unicredit an die Commerzbank heran. Mit einem Übernahmeangebot im Sommer verfehlte sie eine Mehrheit nur...

DWN
Finanzen
Finanzen Reform Erbschaftsteuer: Firmenerben bevorzugt? Karlsruhe prüft Steuervorteile
16.10.2026

Die Erbschaftsteuer soll reformiert werden, zumindestens in dem Punkt ist sich die schwarz-rote Koalition einig. Das...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Marktbericht: Dow schließt deutlich höher, während sich die Wall Street erholttitle
15.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Faktoren und Einzelwerte die jüngste Erholung an den US-Börsen angetrieben haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Gewerbesteuer auf Rekordhoch: Warum Kommunen trotzdem Milliarden fehlen
15.10.2026

Deutschlands Gemeinden haben 2025 so viel Gewerbesteuer eingenommen wie nie zuvor. Allerdings stiegen die Einnahmen nur geringfügig, die...

DWN
Finanzen
Finanzen Bank-Aktien: US-Banken überraschen mit Zahlen, Dimon warnt vor wachsenden Risiken
15.10.2026

Während Goldman Sachs und Citigroup mit ihren jüngsten Quartalszahlen die Gewinnerwartungen der Analysten übertroffen haben, blieb...