Absturz der Türkischen Lira: Europäische Banken werden mit in den Abgrund gerissen

 

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18.08.2020 13:00
Die Türkische Lira befindet sich weiter im freien Fall. Die Bürger des Landes weichen deshalb bei ihren Anlagen immer mehr in Fremdwährungen und Gold aus.
Absturz der Türkischen Lira: Europäische Banken werden mit in den Abgrund gerissen
Gold in einem Geschäft auf dem Großen Basar in Istanbul (Foto: dpa).

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Das Wechselverhältnis zur Benchmark-Währung US-Dollar steht tagesaktuell bei 7,39 Lira pro Dollar – historisch war die Lira noch nie so niedrig bewertet. In diesem Jahr hat sie gegenüber dem Dollar ungefähr ein Fünftel ihres Wertes verloren.

Kürzlich haben türkische Banken Gebühren für Abhebungen von Fremdwährungskonten eingeführt. In den letzten Wochen wurde darüber hinaus immer wieder über Interventionen von inländischen Geldinstituten – allen voran der türkischen Zentralbank – am Forex-Markt berichtet (unter anderem hier bei den DWN), türkische Staatsbanken halten laut Reuters aktuell noch zwölf Milliarden an Netto-Short-Positionen auf Fremdwährungen.

Außerdem gibt es auch schon Handelseinschränkungen für einige internationale Banken. Andere Maßnahmen muten fast schon verzweifelt an. Anfang August manipulierten türkische Banken die Lira-Overnight-Repo-Rate temporär auf wahnwitzige 1.024 Prozent, um die Lira kurzfristig zu stützen und Leerverkäufern zuzusetzen. Diese spekulieren auf einen fallenden Wechselkurs und müssen deshalb kurzfristige Zinsen in Lira bezahlen.

All diese Eingriffe fruchten aber bislang nichts: Die türkische Zentralbank hat, um ihre arg geschmolzenen Devisenreserven zu schonen, ihre Politik der Stabilisierung der Lira gegenüber dem Dollar in einem engen Währungsband aufgegeben. Seit dem Ausbruch aus dem Währungsband bei 6,85 Anfang August hat die türkische Zentralbank die Kontrolle über ihre Währung verloren. Die Tatsache, dass das Abschmelzen der Fremdwährungsreserven durch die Forex-Interventionen verstärkt wird, hilft dabei nicht. Nach Schätzungen von Goldman Sachs wurden allein in Juni und Juli 65 Milliarden Dollar für Stützungskäufe ausgegeben, seit Jahresbeginn sollen es 110 Milliarden sein. Ein Teil davon entstammt den Währungsreserven der Zentralbank. Diese betragen (ohne Gold) nur noch 46,6 Milliarden US-Dollar.

Das Zinsproblem

Das klassische geldpolitische Mittel wäre eine Anhebung der Leitzinsen, wodurch eine Geldanlage in Lira attraktiver und die Verschuldung in Lira unattraktiver werden würde. Alleine im Jahr 2020 senkte die Zentralbank das Zinsniveau von 11,25 Prozent auf aktuell 8,25 Prozent. Bei einer gleichzeitig hohen Inflationsrate (im Juli 11,76 Prozent zum Vorjahresmonat) bleiben die Realzinsen deutlich negativ.

Doch Präsident Erdogan sträubt sich seit jeher gegen diese Maßnahme, weil er sie als schädlich für die türkische Volkswirtschaft ansieht. Seiner Meinung nach schaffen niedrige Zinsen ein besseres Investitionsklima. Und doch bleibt der Eindruck zurück, dass Erdogans geldpolitischer Lockerungskurs die Probleme eher verschärft als behoben hat.

Die Zinspolitik wird sich wohl in naher Zukunft nicht ändern: „Es ist nach wie vor ein Tabuthema in der Türkei, die Zinsen zu erhöhen. Der politische Druck auf die Zentralbank ist enorm hoch“, sagt Credit-Suisse Analystin Florence Hartmann.

Generell ist Erdogans Einstellung zu Zinsniveaus zweifelhaft, im Rahmen der Coronakrise ist es aber durchaus verständlich, eine strauchelnde Wirtschaft nicht mit erhöhten Fremdkapitalkosten belasten zu wollen. Jetzt schon werden die türkischen Unternehmen durch die schwache Lira direkt belastet.

Hohe Auslandsschulden belasten die türkische Wirtschaft

Denn wie in vielen Schwellenländern ist in der Türkei die relativ hohe Verschuldung in Auslandswährungen (vor allem US-Dollar) ein großes Problem, wenn es zu einer starken Abwertung der heimischen Währung kommt und der Schuldendienst real massiv zunimmt. Einen Großteil der Netto-Auslands-Verbindlichkeiten (insbesondere der kurzfristigen) von aktuell circa 430 Milliarden Dollar, was mehr als 50 Prozent der Wirtschaftsleistung entspricht, tragen einheimische Banken. Doch auch Unternehmen, private Haushalte und der Staat sind vor allem langfristig hoch in Dollar und Euro verschuldet, dagegen kaum in Lira.

Dieser Verschuldungs-Exzess rührt daher, dass ausländische Banken, vor allem europäische Großbanken, im vergangenen Jahrzehnt am außergewöhnlichen kreditgetriebenen Boom der türkischen Wirtschaft partizipieren wollten. Sie hatten sich in großem Stil an türkischen Banken beteiligt, so etwa die spanische BBVA im Jahr 2011 an der größten türkischen Bank Turkiye Garanti Bankasi. Und sie profitierten von lukrativen Interbank-Krediten, eine Konstellation ähnlich den 2000er Jahren mit den großen Kredit-Expositionen europäischer Großbanken in den Peripherieländern. Wie dort sind die türkischen Banken vornehmlich mit Krediten an den Bau- und Immobiliensektor konfrontiert, die jetzt faul geworden sind.

Mit sinkendem Außenwert der Lira kommt es außerdem direkt zu importierter Inflation, was im gegenwärtigen Umfeld mit zweistelligen Preissteigerungsraten eine gefährliche Mischung darstellt. Denn die erhöhte Inflation drückt die Kaufkraft der Haushalte und belastet so den Konsum und damit die Konjunktur.

Eine wirtschaftliche Erholung ist nicht in Sicht, obwohl aus Regierungskreisen anderes verlautbart wird. Das Bruttoinlandsprodukt wird nach Prognosen von IWF und Weltbank 2020 um vier bis fünf Prozent sinken (trotz eines Wachstums von 4,5 Prozent im ersten Quartal). Die Abhängigkeit vom Tourismus – der normalerweise die dringend notwendigen Devisen ins Land bringt – ist in der momentanen Situation ein großes Problem. Der Tourismussektor ist in der Türkei komplett eingebrochen, auch weil sie von vielen Staaten – beispielsweise Deutschland - auf der Liste der Risikoländer geführt wird.

Die Türkei ist ein chronisches Defizitland. Im Juni fiel wieder einmal ein Leistungsbilanzdefizit (2,48 Milliarden Dollar) an, und die Zentralbank prognostiziert das Gesamtdefizit für 2020 auf 15,24 Milliarden Dollar.

Unter den gegebenen Umständen gibt es also kaum noch Möglichkeiten, dem rapiden Rückgang der Fremdwährungsreserven entgegenzuwirken.

Die Türkei ist auch nicht Teil des Liquiditäts-Swap-Abkommens der FED, mit dem die amerikanische Zentralbank andere Zentralbanken in liquiditätsschwachen Zeiten mit US-Dollar-Kreditlinien versorgt. Somit kann sie sich nur indirekt über andere Zentralbanken (es gibt unter anderem ein Abkommen mit Katar) Dollar leihen.

Abgesehen von totalen Kapitalkontrollen (die jegliches Restvertrauen in die Währung zerstören würden) bleiben dann als letzte Option nur noch Kredite vom Internationalen Währungsfonds (IWF), was Erdogan aber ablehnt.

Kapitalflucht

Im ersten Quartal 2020 floss noch Kapital in die Türkei (8,4 Milliarden Dollar). Jetzt kämpft das Land mit einer zunehmenden Kapitalflucht. Laut Bloomberg haben ausländische Investoren 2020 bis jetzt netto zwölf Milliarden Dollar aus türkischen Assets abgezogen. Dies ist ein klares Zeichen dafür, dass Investoren nervöser werden und Investments in der Türkei zunehmend misstrauen. In wirtschaftlich unsicheren Zeiten suchen sich die Marktteilnehmer sichere Häfen und ziehen sich aus spekulativeren Anlagen zurück.

An Corona allein kann es nicht liegen, auch eine Aversion gegen Schwellenland-Anlagen ist wohl nicht der Hauptgrund. Denn die Kapitalströme in die Schwellenländer konnten sich insgesamt nach teils stark negativen Zahlen infolge der Coronakrise erholen, in den letzten zwei Monaten waren es nach Berechnungen des IIF (Institute of International Finance) plus 48 Milliarden Dollar.

Vor einer Woche noch sprach Präsident Erdogan von nicht systematischen Wechselkursverändungen. „Schwankungen passieren immer, so etwas kommt und geht“. Und Finanzminister Albayrak wurde am 12. August mit dieser Aussage zitiert: „Die Türkei hat die Schwankungen unter Kontrolle."

Nach Einschätzung des Analysten Tatha Gose von der Commerzbank hingegen wird der Trendverlauf der türkischen Währung weiter nach unten zeigen, „egal, welcher Cocktail aus Bankensystemkosmetik oder partiellen Kapitalkontrollen zusammengemixt wird“. Fürs Jahresende prognostiziert er einen weiteren Verfall des Lira-Dollar-Wechselkursauf auf 8,00.

Die Finanzmärkte sehen in den jüngsten Entwicklungen kein Anzeichen für ein gestiegenes Risiko einer Staatspleite. Die CDS-Spreads (vereinfacht gesagt Versicherungsprämien für den Ausfall) dollardenominierter türkischer Staatsanleihen verbleiben bei Niveaus um die 5,4 Prozent, nachdem sie im Juni noch um ein Prozent gestiegen waren.

Auslandswährungen und Gold statt Lira

Die Bürger aber reagieren, unter Ihnen macht sich offenbar zunehmend Panik breit.

Wer ein Fremdwährungskonto besitzt, der versucht schnellstmöglich seine Lira in harte Währungen zu tauschen. Darunter sind auch viele Geschäftsleute, die ihre Einnahmen vor Kaufkraftverlusten schützen wollen. „Manche kommen jetzt mehrmals am Tag“, zitiert das Handelsblatt einen Mitarbeiter einer Wechselstube in Istanbul. Mittlerweile laufen laut Zentralbankdaten ca. 55 Prozent der Bankeinlagen (etwa 1,8 Billionen Lira bzw. 240 Milliarden Dollar) auf Fremdwährungen. Diese Entwicklung geht Hand in Hand mit dem Rückgang der Zentralbank-Reserven.

Außerdem wird offenbar wie verrückt Gold gekauft. In der Türkei mit ihrer volatilen Währung ist Gold nämlich ein beliebtes Spar-Vehikel zum Schutz vor Inflation, weshalb die Goldnachfrage und Goldmünzenproduktion des Landes traditionell sehr hoch sind.

Reuters zitiert einen Kaufmann am großen Basar in Istanbul, der mit hunderten von Bürgern gesprochen haben will, die ihre Häuser und Autos verkaufen wollen, um mit den Erlösen Gold zu kaufen. Vor drei Tagen stieg das private Goldvermögen der Türken über Nacht um sieben Milliarden Dollar an.

Der Unternehmer Seref Fayat derweil wandelte einen in Euro laufenden Kredit in Lira um. Jetzt müsse er zwar höhere Zinsen bezahlen, aber wenigstens halte er kein Wechselkursrisiko mehr und könne deutlich besser „für die Zukunft planen“.

Erstaunlich passiv verhalten sich bisher die Europäische Zentralbank und die EU-Kommission. Denn die großen Gläubiger türkischer Banken sind alles systemrelevante europäische Großbanken, notabene aus ausgeprägten Krisenländern. Neben den spanischen Grossbanken mit ihrem kolossalen Engagement (61 Milliarden EUR, primär BBVA) stechen die französischen Banken (24 Milliarden EUR, primär BNP), italienische Banken (21 Milliarden EUR, primär Unicredit) und 11 Milliarden Euro von britischen Banken (primär HSBC) hervor. Das sind alles Länder, die auch auf ihren inländischen Aktiven aufgrund der Coronakrise mit erheblichen Abschreibern rechnen müssen. Bei BBVA kommen noch potentielle Abschreiber auf deren Engagements in Mexiko und Brasilien hinzu.


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