Deutschland

Erstes Experiment zum Grundeinkommen gestartet - Haarproben und Untersuchung sozialer Kontakte inklusive

Am Dienstag wurde das erste großangelegte Experiment zum Grundeinkommen in Deutschland lanciert - mit teilweise sonderbaren Bedingungen bei einer Teilnahme.
20.08.2020 10:51
Aktualisiert: 20.08.2020 10:51
Lesezeit: 2 min
Erstes Experiment zum Grundeinkommen gestartet - Haarproben und Untersuchung sozialer Kontakte inklusive
Berlin: Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins «Mein Grundeinkommen», steht zu Beginn einer Pressekonferenz des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Berlin und des Vereins «Mein Grundeinkommen» zum Start einer Langzeitstudie zum Grundeinkommen vor einem Plakat mit dem Schriftzug «Wir wollen es wissen». (Foto: dpa) Foto: Wolfgang Kumm

Wie verändert sich der Alltag von Menschen, wenn diese jeden Monat 1200 Euro bekommen - bedingungslos, ob bedürftig oder nicht? Das wollen das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW Berlin), der Verein "Mein Grundeinkommen" und Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts zur Erforschung von Gemeinschaftsgütern und der Universität zu Köln in einer neuen Langzeitstudie untersuchen. Das Forschungsprojekt wurde am Dienstag mit der Freischaltung einer Bewerbungsseite im Internet gestartet.

Wer seinen ersten Wohnsitz in Deutschland hat und mindestens 18 Jahre alt ist, kann sich um eine Teilnahme bewerben. Sobald eine Million Bewerber zusammengekommen sind, startet ein Auswahl- und Auslosungsprozess. 120 Teilnehmer sollen ab Frühjahr 2021 monatlich drei Jahre lang die 1200 Euro bekommen. Finanziert wird das Projekt über Spenden.

Die Wissenschaftler wollen dann durch regelmäßige Befragungen der Teilnehmer herausfinden, wie sich ihr Alltag durch das Geld verändert. Der Blick richtet sich dabei unter anderem auf das Arbeitsleben, die Finanzen, den Bereich Familie und Beziehungen, soziale Kontakte oder auch auf mögliche psychische Veränderungen. Zur Analyse des Stresslevels würden auch Haarproben ausgewertet, heißt es.

"Wir wollen wissen, was es mit Verhalten und Einstellungen macht und ob das Grundeinkommen helfen kann, mit den gegenwärtigen Herausforderungen unserer Gesellschaft umzugehen", sagte Michael Bohmeyer, Initiator des Vereins Mein Grundeinkommen, am Dienstag in Berlin. Es gebe zwar bereits weltweit wissenschaftliche Studien zum Thema, aber ihre Erkenntnisse seien begrenzt, sagte Jürgen Schupp, vom DIW Berlin. "Sie sind entweder veraltet, nicht verallgemeinerbar oder untersuchen das Grundeinkommen nur für Erwerbslose. Vor diesem Hintergrund betreten wir in Deutschland mit dieser Studie wirklich wissenschaftliches Neuland".

Schon seit Jahren wird über die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens diskutiert. Fürsprecher sind beispielsweise Linke-Chefin Katja Kipping, aber auch der Gründer der Drogeriemarktkette dm, Götz Werner. Gemeint ist damit eine Leistung, die jedem Bürger zustehen soll - unabhängig von Lebens- und Einkommensverhältnissen und dem Status der Beschäftigung. Also eine Summe X, die regelmäßig ohne Vorprüfungen an alle gezahlt wird, ob reich, ob arm, ob Baby oder Greis. Manchmal ist auch von "Bürgergeld" die Rede.

Gegner der Idee befürchten, dass eine solche Zahlung die Motivation von Menschen bremse und diese letztlich unglücklicher mache. Zudem werden die Kosten angeführt. Rein rechnerisch würde ein Grundeinkommen von 1000 Euro für knapp 83 Millionen Bundesbürger fast eine Billion Euro im Jahr kosten. Die gesamten Staatsausgaben liegen bisher laut Statistischem Bundesamt bei knapp 1,5 Billionen Euro im Jahr.

Der Verein Mein Grundeinkommen widerspricht in beiden Punkten: Für die "Faulheitsthese" gebe es keine Beweise. In weltweit allen Pilotprojekten sei genauso oder sogar noch mehr weitergearbeitet worden. Für die Finanzierung gebe es verschiedene Modelle.

"Das Grundeinkommen ist im Wesentlichen eine Steuerreform", schreibt der Verein auf seiner Internetseite. Menschen mit geringen Einkommen hätten dadurch mehr Geld zur Verfügung, die so genannte Mittelschicht etwa gleich viel und die Reichsten etwas weniger als vorher. "Unterm Strich zahlen diese Menschen dann mehr Steuern als sie Grundeinkommen erhalten." Mit Hartz IV gebe es zudem auch heute schon eine Art Grundeinkommen - nur sei dieses nicht bedingungslos, sondern sorge für Demotivation, Existenzangst und Misstrauen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X
DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Technologie
Technologie Rekordabsatz bei Wärmepumpen: Fast jede zweite neue Heizung läuft elektrisch
24.05.2026

Der Markt für neue Heizgeräte erholt sich schneller als erwartet: Im ersten Quartal 2026 stieg der Gesamtabsatz um 16 Prozent....

DWN
Politik
Politik EU-USA-Abkommen: Brüssel bekommt nicht, was es wollte, aber was es braucht
24.05.2026

Bernd Lange, Chef des Ausschusses für den Außenhandel des Europäischen Parlaments, glaubt, dass die EU ein Sicherheitsnetz gegen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Neuer EQT-Vorsitzender Salata: „Mit Geld kommt Verantwortung“
24.05.2026

Der chilenische Milliardär Jean Eric Salata hat nun den Vorsitz bei der schwedischen Private-Equity-Gesellschaft EQT übernommen....

DWN
Politik
Politik Russischer Topökonom: „Putin wird bald begreifen, dass die Zeit nicht auf seiner Seite ist“
24.05.2026

Sergej Guriev, russischer Ökonom im Exil, gilt als einer der weltweit führenden Experten für Russlands Wirtschaft. Im Interview schätzt...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Offshore-Windkraft vor Comeback: Energieriesen setzen wieder auf Europa
23.05.2026

Die Offshore-Windkraft hat schwere Jahre hinter sich. Jetzt wittern Energieriesen in Europa wieder Chancen, doch aus Optimismus wird nur...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft 39 Billionen Dollar Schulden: Amerikas größter Gläubiger heißt Amerika
23.05.2026

Die USA häufen alle drei Monate eine Billion US-Dollar Schulden an und zahlen inzwischen mehr als eine Billion Dollar Zinsen pro Jahr. Wer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mythos Fachkräftemangel beendet: Deutschlands Arbeitsmarkt bricht langfristig ein
23.05.2026

Schwache Frühjahrsbelebung, keine Trendumkehr: Der deutsche Arbeitsmarkt kippt langfristig in eine neue Massenarbeitslosigkeit. Warum es...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Fußball-WM 2026: Sporthändler hoffen auf Umsatzboom durch Trikotverkäufe – ist das realistisch?
23.05.2026

Fußball-WM als Umsatzmotor? Die Sporthändler setzen auf Fans, die nicht nur zum Public Viewing, sondern auch in die Geschäfte kommen....