Politik

Polen und die USA, 1. Teil: Vereint gegen Deutschland und Russland

Polen begegnet Deutschland und Russland traditionell mit Argwohn. Warschau ist längt nach Washington ausgeschwenkt, um bald eine eigenständige Rolle in Europa zu spielen. Zu diesem Zweck soll ein geopolitisches Konzept aus dem frühen 20. Jahrhundert umgesetzt werden. Erfahren Sie alles über die Hintergründe im 1. Teil der großen DWN-Analyse.
26.09.2020 12:06
Aktualisiert: 26.09.2020 12:06
Lesezeit: 7 min
Polen und die USA, 1. Teil: Vereint gegen Deutschland und Russland
Die Bedeutung Polens innerhalb der NATO ist in den letzten Jahren gestiegen. Doch Einigkeit herrscht noch lange nicht. (Foto: dpa) Foto: Michael Kappeler

Eines der Länder in Europa, das in Zukunft eine wichtige geopolitische Rolle einnehmen wird, ist Polen. Das Land ist zwar Mitglied der EU, doch es gehört nicht zur Währungsunion. In den vergangenen Jahren ist die Rolle Polens innerhalb der NATO auf Drängen der USA gestiegen. Die USA haben ihre militärischen Beziehungen mit dem Land vertieft, um es als Bollwerk an der NATO-Ostflanke aufzubauen. Dieser Prozess dauert an.

Was das Land noch zusätzlich auszeichnet, ist sein historisches Misstrauen gegenüber Deutschland und Russland. Dies hängt unter anderem damit zusammen, dass Vereinbarungen zwischen Polen und den anderen beiden Staaten immer wieder gebrochen wurden.

Um ein Verständnis für diesen Ansatz zu entwickeln, muss ein historischer Rückblick vorgenommen werden:

Am 26. Januar 1934 wurde ein Pakt zwischen Berlin und Warschau geschlossen, der als „Piłsudski-Hitler-Pakt“ in die Geschichte einging. Józef Piłsudski, der zuvor gegen die russische Herrschaft gekämpft hatte, um anschließend als „Marschall“ gekürt zu werden, war Staatschef der Zweiten Polnischen Republik.

Ziel der Vereinbarung zwischen Hitler und Piłsudski war es, alle Streitigkeiten zwischen Deutschland und Polen friedlich zu lösen. Dieser Nicht-Angriffs-Pakt sollte eine Dauer von zehn Jahren haben.

Hitler forderte, dass in Polen die Menschenrechte der deutschen Minderheit gewahrt werden, aber er verfolgte auch das Ziel, Danzig früher oder später einzuverleiben. Zu diesem Zeitpunkt bestand die Bevölkerung Danzigs zu 97 Prozent aus Deutschen.

Gemäß dem Versailler Vertrag von 1919 wurde Danzig von Deutschland getrennt, um es zu einem Mandatsgebiet des Völkerbundes – Freie Stadt Danzig – zu machen. Polen erhielt spezielle Zoll-, Post-, Bahn- und Handelsrechte in Danzig, doch das Gebiet gehörte völkerrechtlich nicht zu Polen. Die Bestimmung um die Teilunabhängigkeit Danzigs erfolgte allerdings ohne ein Referendum: Dies wurde von den Alliierten des Ersten Weltkriegs vorgegeben, weshalb viele Deutsche die Loslösung Danzigs von Deutschland als Affront betrachteten.

Hitler plante auch, eine Autobahn (Reichsautobahn Berlin–Königsberg) und eine Eisenbahnstrecke über den polnischen Korridor – wahlweise über Danzig – nach Ostpreußen bauen zu lassen. Es sollte sich um exterritoriale Verbindungen handeln, die den Gesetzen Polens nicht unterworfen sein sollten. Dies setzte eine Einigung mit Polen unter Piłsudski voraus.

Es gab zwar Eisenbahnverbindungen zwischen Deutschland und Polen (beispielsweise die Ostbahn nach Ostpreußen), doch diese hatten keinen exterritorialen Charakter. Problematisch war unter anderem, dass über 67 Prozent aller Eisenbahntransporte dazu dienten, die Energieversorgung Ostpreußens zu gewährleisten. Ostpreußen wurde mit Kohle aus Oberschlesien für die Stromerzeugung und die Industrie beliefert.

Am 12. Mai 1934 starb der polnische Staatschef Piłsudski. Die polnische Regierung lehnte in den kommenden Jahren den Bau einer neuen Trasse für den Transitverkehr nach Ostpreußen ab. Die sogenannte „Korridor-Frage“ blieb ungelöst. Nach Piłsudskis Tod verschlechterten sich die Beziehungen zwischen Berlin und Warschau dramatisch.

Deutschlandfunk Kultur berichtet: „Als er 1935 starb, ließ es sich Hitlers Polen-Beauftragter, Reichstagspräsident Hermann Göring, nicht nehmen, ein Totengedenken der deutschen Volksvertreter für Piłsudski zu inszenieren: ,Meine Herren Abgeordneten, ich bitte Sie, sich von Ihren Plätzen zu erheben und mit mir eines Großen zu gedenken, der vor wenigen Tagen abberufen worden ist. Das deutsche Volk und mit ihm vor allem auch der deutsche Reichstag als berufener Vertreter des deutschen Volkes steht in tiefer Teilnahme am Grabe des großen Marschalls der uns befreundeten polnischen Nation‘“.

Am 7. April 1935 fand in Danzig die Wahl zum „Volkstag“ (Parlament) statt. Die NSDAP erzielte 59,3 Prozent, während die Polen 3,5 Prozent erzielten. Die Fronten verhärteten sich, weil die gegenseitigen Ansprüche auf Danzig und Ostpreußen kollidierten.

Deutschlandfunk Kultur stellt fest: „Als Warschau sich 1939 den immer drängenderen Forderungen Berlins entzog und stattdessen seine Unabhängigkeit und territoriale Integrität durch Großbritannien garantieren ließ, stellte Hitler dies als Bruch des Nichtangriffspaktes von 1934 dar und befahl in einer neuerlichen Kehrtwende den militärischen Überfall auf Polen.“

Spannungen zwischen Polen und Russland

Doch auch mit Russland hatten die Polen durchgehend Probleme. Die Frage der Ostgrenzen Polens wurde während des Krieges zwischen Polen und Sowjetrussland in den 1920er Jahren entschieden. Um sein „Bundesprogramm“ anzuwenden, hatte Piłsudski ein Bündnis mit dem Staatsoberhaupt der Ukrainische Volksrepublik, Samen Petlura, geschlossen.

Von April bis Mai 1920 begann die Offensive gegen die Sowjets, deren erste Phase mit der Eroberung Kiews abgeschlossen wurde. In den folgenden Monaten (Juli bis August 1920) brachte die sowjetische Offensive die Rote Armee in die Nähe von Warschau.

Der polnisch-sowjetische Krieg von 1920 endete mit einem Waffenstillstand im Oktober desselben Jahres und schließlich mit dem Friedensvertrag zwischen Polen und Sowjetrussland, der am 18. März 1921 in Riga unterzeichnet wurde. Der siegreiche Marschall Piłsudski hatte die Ostgrenze Polens konsolidiert, musste aber das föderale Programm aufgeben. Dem Programm zufolge sollten Weißrussland und die Ukraine an Polen angegliedert werden, um gleichzeitig eine polnisch-litauische Union zu gründen. Dieser Plan, der nie realisiert werden konnte, sollte einer Schutzpolitik gegenüber Russland dienen.

Stattdessen passierte später etwas, was der Weltöffentlichkeit weitgehend bekannt ist. Am 23. August 1939 wurde der Molotow-Ribbentrop-Pakt geschlossen. Der Molotow-Ribbentrop-Pakt war formal ein Nichtangriffs-Pakt, aber er war begleitet von dem geheimen Protokoll, das die Bereiche von beiderseitigem Interesse im Falle von „politisch-territorialen Veränderungen“ in Mittel- und Osteuropa umfasst.

Im September 1939 begann eine doppelte Invasion in Polen mit dem Angriff Deutschlands am 1. September und dem Angriff der Sowjetunion am 17. September. Diese Ereignisse werden als „vierte polnische Teilung“ bezeichnet.

In den Jahren 1939 und 1941 nahmen die stalinistischen Unterdrückungen des sowjetischen Sicherheitsapparats gegen die polnische Bevölkerung der Ostgebiete von Polen zu. Und in diesem Licht sollte man auch den Massenmord in Katyń (April 1940) wahrnehmen, der vom sowjetischen Volkskommissariat für Innere Angelegenheiten (NKWD) an Zehntausenden polnischen Offizieren, die Kriegsgefangene waren, durchgeführt wurde.

Die neuen Grenzen Mittel- und Osteuropas wurden von den Führern der Großmächte des antideutschen Bündnisses während der Konferenzen in Teheran (1943), Jalta und Potsdam (1945) umrissen. Trotz der Tatsache, dass Polen formell zu den Gewinnern des Zweiten Weltkriegs gehörte, wurden auch seine Ostgrenzen gemäß der sogenannten „Curzon-Linie“ oder entlang des Flusses Bug geändert. Die polnischen Ostgebiete mit den Städten Wilno (Vilnius; Litauen) und Lwów (Lemberg; Ukraine in der Sowjetunion und derzeit unabhängige Ukraine) blieben außerhalb der neuen Grenzen.

Aufgrund der Transformationen in Mittel- und Osteuropa, die 1989 in Polen begannen, und mit der Auflösung der Sowjetunion im Jahr 1991 entstand die Russische Föderation. Die Föderation beschränkt sich im Nordosten Polens auf die sogenannte Enklave Kaliningrad (ehemals Königsberg). In der Zwischenzeit ist die Ostgrenze Polens aufgrund der großen Erweiterung von 2004 zu einem wichtigen Element der neuen Ostgrenzen der Europäischen Union geworden.

Seit dem Fall der Sowjetunion bis zum Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts waren die polnisch-russischen Beziehungen sehr angespannt. Von 2010 bis 2013 versuchte die Regierung unter Donald Tusk, die Politik der Annäherung in den Beziehungen zu Russland zu übernehmen, was jedoch von Präsident Lech Kaczyński abgelehnt wurde. Kaczyński argumentierte, Georgien sei das erste der Opfer Russlands gewesen, aber später könnten die russischen Panzer in aufeinanderfolgender Reihenfolge in der Ukraine, den baltischen Staaten und schließlich in Polen erscheinen.

Im zweiten dieser Analyse wird auf das Intermarium-Konzept eingegangen, das die USA den Polen zugedacht hat.

Lesen Sie am Montag im zweiten Teil der großen DWN-Analyse:

  • Warum die USA Polen zu einer europäischen Großmacht aufbauen wollen
  • Weshalb Polen diese Art von Unterstützung niemals in Europa finden kann
  • Warum die polnische Weltsicht der amerikanischen mehr ähnelt, als es die deutsche tut

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Digitaler Impuls versus reale Werte

Am Montag hat ein einzelner Social-Media-Beitrag von Donald Trump die Finanzmärkte um 1,7 Billionen US-Dollar bewegt – und zwar nicht...

avtor1
Cüneyt Yilmaz

                                                                                ***

Cüneyt Yilmaz ist Absolvent der oberfränkischen Universität Bayreuth. Er lebt und arbeitet in Berlin.

DWN
Panorama
Panorama Spanien im Wandel: Vom Klischee zum Vorreiter beim Frauenschutz
29.03.2026

Spanien steht oft im Ruf eines klassischen Macho-Landes. Doch aktuelle Zahlen und konsequente Maßnahmen zeichnen ein anderes Bild....

DWN
Immobilien
Immobilien Mieter verstorben: Was passiert mit dem Mietvertrag nach einem Todesfall?
29.03.2026

Der Tod eines Mieters wirft für Hinterbliebene oft viele Fragen auf: Darf man in der Wohnung bleiben, wenn der Vertrag nur auf den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europas Wettbewerbsfähigkeit: Hinter verschlossenen Türen wächst die Angst
29.03.2026

Europa galt lange als stabiler Wirtschaftsraum mit klaren Regeln und berechenbaren Märkten. Doch hinter den Kulissen wächst die Sorge,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Iran-Krieg verschiebt Kräfteverhältnisse am Himmel: Europäische Airlines profitieren – wie lange noch?
29.03.2026

Stillgelegte Flughäfen, steigende Ticketpreise und neue Flugrouten: Der Iran-Krieg verändert die Dynamik im globalen Luftverkehr...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Biotech-Strategie: Warum Gubra bewusst auf spätere Deals setzt
29.03.2026

Ein Biotech-Unternehmen stellt seine Strategie radikal um und geht bewusst höhere Risiken ein. Gubra will Wirkstoffe länger selbst...

DWN
Politik
Politik Ehegattensplitting vorm Aus? Die Institution Ehe soll tiefgreifend verändert werden
28.03.2026

Beim Ehegattensplitting wird das Einkommen beider Ehe- oder Lebenspartner gemeinsam versteuert, was sich lohnt, wenn einer deutlich weniger...

DWN
Finanzen
Finanzen Prediction Markets: Der Machtkampf um ein neues Finanzsystem eskaliert
28.03.2026

Ein digitaler Milliardenmarkt wächst rasant und entzieht sich klassischen Regeln. Prediction Markets verbinden Wetten und Finanzgeschäfte...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnimmobilienmarkt: Wo Investoren jetzt und in Zukunft Rendite finden
28.03.2026

Der deutsche Wohnimmobilienmarkt stabilisiert sich spürbar. Preise steigen wieder, Transaktionen nehmen zu und Kapital kehrt zurück. Doch...