Politik

EU bereitet Klage gegen britischen Rechtsbruch beim Brexit vor

Die EU-Kommission wird Klage gegen den Bruch des Austrittsabkommens durch die britische Regierung einlegen - welche diesen mit dem sogenannten Binnenmarktgesetz begeht. Es steht eine Eskalation zum Ende der Verhandlungen und ein chaotischer Austritt Großbritanniens an.
01.10.2020 10:59
Aktualisiert: 01.10.2020 10:59
Lesezeit: 2 min
EU bereitet Klage gegen britischen Rechtsbruch beim Brexit vor
EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen mit dem britischen Premier Boris Johnson. (Foto: dpa) Foto: Stefan Rousseau

Die EU-Kommission wird Klage gegen den Bruch des Austrittsabkommens durch die britische Regierung einlegen, berichtet Bloomberg . Mit dem sogenannten Binnenmarktgesetz versucht London, Teile des mit der EU bereits verabschiedeten Austrittsabkommens auszuhebeln. Die EU-Kommission habe nun einen förmlichen Brief geschrieben, welcher als Aufakt für eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gilt, schreibt das Blatt.

Unter großem Zeitdruck versuchen die Europäische Union und Großbritannien seit Dienstag, doch noch einen Handelspakt nach dem Brexit zustande zu bringen. Der deutsche Europa-Staatsminister Michael Roth beschwor zum Auftakt der vorerst letzten Verhandlungsrunde die Einigungschancen. Doch kritisierte der SPD-Politiker erneut britische Pläne, den bereits gültigen Brexit-Vertrag per Gesetz teilweise auszuhebeln. Das laste als "dunkler Schatten" auf den Verhandlungen. Am Abend stimmte das britische Unterhaus für das umstrittene Gesetz, nun muss es noch das Oberhaus passieren.

Großbritannien hat die EU bereits im Januar verlassen und scheidet nach einer Übergangsfrist zum Jahresende auch aus dem EU-Binnenmarkt und der Zollunion aus. Das anvisierte Abkommen soll einen harten Bruch mit Zöllen und Handelshemmnissen verhindern. Auch bei der neunten Verhandlungsrunde unter Leitung des britischen Chef-Unterhändlers David Frost und seines EU-Kollegen Michel Barnier sind die zentralen Streitpunkte das Thema Fischerei sowie die EU-Forderung nach gleichen Wettbewerbsbedingungen.

Barniers Sprecher Dan Ferrie sagte am Dienstag nichts zum Stand der Gespräche. Man werde erst nach Abschluss der Runde am Freitag Bilanz ziehen, sagte er. Die Zeit drängt: Der britische Premierminister Boris Johnson hat eine Frist bis 15. Oktober gesetzt, die EU bis Ende Oktober, um noch Zeit zur Ratifizierung zu haben.

Staatsminister Roth meldete sich zum Auftakt der Runde mit einem ungewöhnlichen offenen Brief zu Wort, adressiert "Liebe britische Regierung, liebe britische Freundinnen und Freunde". "Wir sind fest entschlossen, die Verhandlungen zu einem guten Ergebnis zu führen", hieß es in dem vom Spiegel veröffentlichten Schreiben.

Britischer Rechtsbruch wirft dunkle Schatten auf Verhandlung

Der SPD-Politiker bekräftigte aber die Kritik am britischen Binnenmarktgesetz, das Teile des vor dem Brexit geschlossenen Austrittsabkommens aushebeln soll. Damit werde ein völkerrechtlicher Vertrag in Frage gestellt. "Das kann und wird die EU so nicht akzeptieren", schrieb Roth. "Und es wirft einen dunklen Schatten auf die laufenden Verhandlungen." Er ließ jedoch offen, welche Konsequenzen die EU erwägt.

Die EU-Kommission hatte der britischen Regierung eine Frist bis Ende September (Mittwoch) für eine Abkehr von den Plänen gesetzt. London hält an diesen jedoch fest. Mit 340 zu 256 Stimmen brachte Premier Boris Johnson das Gesetz am Dienstagabend mit einer klaren Mehrheit durch das Londoner Unterhaus. Die britische Regierung pocht jedoch darauf, das Gesetz sei notwendig als "Sicherheitsnetz" für den Fall eines harten Brexits. Einige Abweichler in den eigenen Reihen hatte Johnson zuvor auf Linie gebracht, indem er ihnen weitere parlamentarische Kontrolle zugesichert hatte. Einzelne Torys, darunter auch Ex-Premierministerin Theresa May, hatten jedoch bis zuletzt Kritik geäußert. Ein Änderungsantrag der Labour-Partei, der die umstrittenen Passagen des Gesetzes ändern sollte, war am Dienstag zuvor abgelehnt worden.

Der Gesetzesplan widerspricht den im Vertrag vereinbarten Sonderregeln für Nordirland. Eine engere Bindung der britischen Provinz an den EU-Binnenmarkt und die Zollunion soll verhindern, dass auf der irischen Insel eine feste Grenze entsteht und frühere politische Unruhen wieder aufflammen.

Tausende Finanz-Arbeitsplätze werden aus London abgezogen

Zur Vorbereitung auf den Brexit haben britische Finanzinstitute schon mehrere tausend Mitarbeiter und viele Billionen Pfund an Vermögenswerten in die Europäische Union (EU) verfrachtet. Mehr als 7.500 Stellen und 1,2 Billionen Pfund, die EU-Kunden gehörten, seien inzwischen in Städte wie Dublin, Luxemburg, Frankfurt oder Paris übertragen worden, erklärte die Unternehmensberatung EY unter Verweis auf eine von ihr erstellte Erhebung. Zahlreiche Banken, Versicherer und Fondsanbieter hätten neue Standorte auf dem europäischen Festland eröffnet, um nach dem Ausstieg der Briten aus der EU arbeitsfähig zu sein.

"Die Unternehmen müssen nun sicherstellen, dass sie am 1. Januar 2021 einsatzbereit sind und ihre Kunden bedienen können", sagte EY-Berater Omar Ali. Seitdem die Briten im Juni 2016 für den Brexit gestimmt hätten, hätten britische Finanzhäuser zudem rund 2600 neue Stellen in den EU-Staaten geschaffen. EY befragte für die Studie mehr als 200 Finanzunternehmen mit einem größeren Geschäftsbereich in Großbritannien.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

DWN
Finanzen
Finanzen US-Märkte: Nasdaq und S&P 500 sacken ab, während Inflationssorgen steigen
14.10.2026

Welche Entwicklungen die Märkte jetzt erschüttern und wo sich überraschende Chancen auftun.

DWN
Politik
Politik Wie gewinnt man den nächsten Krieg? Ex-US-Verteidigungsminister Austin erläutert in Warschau die NATO-Strategie
14.10.2026

Der pensionierte General Lloyd Austin, der unter Präsident Joe Biden US-Verteidigungsminister war, hat beim Warsaw Security Forum die...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis aktuell unter Druck: Nach US-Inflationsschub blicken Anleger auf die Fed
14.10.2026

Der Goldpreis tendiert am Mittwochnachmittag in der Verlustzone, weil höhere US-Verbraucherpreise die Hoffnung auf eine Zinssenkung...

DWN
Politik
Politik Trumps Vereinbarung mit Putin dreht sich um weit mehr als Diesel
14.10.2026

Donald Trumps Diesel-Abkommen mit Wladimir Putin wirkt auf den ersten Blick widersprüchlich: US-Gesetze begrenzen russische...

DWN
Technologie
Technologie Starlink in der Ukraine: Streit um neue Geschwindigkeitsgrenze
14.10.2026

In der Ukraine wächst der Ärger über eine offenbar neue Einschränkung beim Satelliteninternet Starlink. Nach Angaben aus dem Umfeld von...

DWN
Politik
Politik Zuckersteuer beschlossen: Kabinett bringt Extra-Steuer auf den Weg
14.10.2026

Zwischendurch hatte das Kanzleramt sie gestoppt, das Finanzministerium musste nacharbeiten - jetzt ist die Zuckersteuer in der...

DWN
Politik
Politik Grüngasquote für private Haushalte ab 2028 sorgt für Kritik
14.10.2026

Die schwarz-rote Koalition hatte sich bei der Einigung auf das neue Gebäudemodernisierungsgesetz - als Nachfolger des...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Prognose: Warum die nächsten Tage alles verändern könnten
14.10.2026

Bitcoin steht vor einer entscheidenden Bewährungsprobe. Nach massiven Kapitalabflüssen aus Bitcoin-ETFs und einem Kursrutsch auf nahezu...