Deutschland

„Schweinestau“ in deutschen Schlachthöfen bedroht Existenz deutscher Bauern

Wegen der Corona-Krise können zahlreiche Schlachthöfe den Bauern nur eine begrenzte Anzahl an Schweinen abnehmen. In den Ställen herrscht ein Schweine-Stau. Doch auch das Verbot der Werksarbeit, das ab dem 1. Januar in Kraft tritt, zeigt bereits jetzt seine negativen Auswirkungen.
05.10.2020 17:16
Aktualisiert: 05.10.2020 17:16
Lesezeit: 2 min

Wenige Wochen vor dem geplanten Verbot der Werkarbeit in der Fleischbranche bekommen die Landwirte geringe Produktionskapazitäten in den Schlachthöfen zu spüren. Die Schlachtbetriebe seien nicht mehr in der Lage, alle schlachtreifen Tiere abzunehmen, beklagt die Interessengemeinschaft der Schweinehalter Deutschlands (ISN) mit Sitz im niedersächsischen Damme. Es bestehe ein regelrechter "Schweinestau". Die Landwirte wüssten nicht, wohin mit den Tieren. Um den Rückstand ein wenig aufarbeiten zu können, hatte das Arbeits- und Sozialministerium in Nordrhein-Westfalen für den Feiertag am 3. Oktober die Schlachtung und Grobzerlegung von Schweinefleisch erlaubt.

Vor allem aus Infektionsschutzgründen haben die Schlacht- und Zerlegebetriebe derzeit ihre Schlachtungen heruntergefahren, sagte dazu Heike Harstick, Hauptgeschäftsführerin des Verbandes der Fleischwirtschaft. Der Schutz der Mitarbeiter habe oberste Priorität.

Außerdem gebe es bereits einen Mangel an Arbeitskräften wegen des Verbots der Werkarbeit, das zum 1. Januar in Kraft treten soll. Auch deswegen stehe für zusätzliche Schichten an Wochenenden kein Personal zur Verfügung, argumentierte Harstick. Das stieß auf Kritik bei der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten. "Die Personalprobleme auf ein Gesetz zurückzuführen, das noch nicht einmal verabschiedet ist, scheint wenig plausibel", sagte ein Gewerkschaftssprecher der Tageszeitung "taz".

Der Branchenführer Tönnies produziere in seinem größten Schlachthof im nordrhein-westfälischen Rheda-Wiedenbrück derzeit nur zu rund 75 Prozent der sonst vorgesehenen Kapazität, erklärte ein Unternehmenssprecher. Der Tönnies-Schlachthof im niedersächsischen Sögel produziere sogar nur zu 60 Prozent, was auch an dort aktuell aufgetretenen Corona-Infektionen unter den Mitarbeitern liege. "Die Schlachtung am 3. Oktober ist nur ein Tropfen auf den heißen Stein", sagte der Sprecher. Notwendig sei wieder eine langsame Steigerung der Schlachtmengen, natürlich unter Beachtung des Arbeitsschutzes.

Tönnies-Konkurrent Westfleisch in Münster sieht das ähnlich. Da in Nordrhein-Westfalen bis Weihnachten kein weiterer Feiertag anstehe, sei über diesen Hebel keine weitere Entlastung zu erreichen. "Aufgrund der Arbeitszeit- und Arbeitsschutzbedingungen haben Sondergenehmigungen für Wochenenden oder Feiertage zudem lediglich aufschiebende Wirkung, da sich der Freizeitausgleich nur in die kommende Woche verlagert", teilte das Unternehmen auf Anfrage mit.

Die Landwirte wiederum können nicht so schnell umsteuern, sagte der Vizepräsident des Bauernverbands niedersächsisches Landvolk, Jörn Ehlers. Die Zyklen von der Besamung der Sau bis zur Mast im Stall seien lang - "wir haben einen langen Bremsweg". Inzwischen reiche der Rückstau bis zu den Ferkelerzeugern, die auch ihre Tiere nicht mehr an die Mäster loswerden.

Der Markt sieht für Schweineerzeuger derzeit ohnehin finster aus. Nachdem die Afrikanische Schweinepest in Deutschland nachgewiesen worden ist, stehen viele Auslandsmärkte nicht mehr für den Export zur Verfügung - die Preise sinken. Aktuell liegt der Schlachtpreis bei 1,27 Euro pro Kilo. Ende 2019 lag der Durchschnittsschlachtpreis noch bei rund 2 Euro, vor allem wegen der großen Nachfrage aus China.

Nicht nur wegen der geringeren Produktionskapazität hat die Corona-Pandemie große Auswirkungen auf die Fleischbranche in Deutschland. Nachdem sich viele auf Werkvertragsbasis beschäftigte Schlachthofmitarbeiter mit Corona infiziert hatten, etwa beim Branchenführer Tönnies, will die Bundesregierung die Kerntätigkeiten in der Fleischwirtschaft wie Schlachten, Zerlegen und Verarbeiten künftig nicht mehr von betriebsfremden Beschäftigten ausführen lassen. Werkverträge und Leiharbeit sollen in der Branche von 2021 an verboten sein. Am Montag befasste sich der Bundestag in einer Öffentlichen Anhörung mit dem von Arbeitsminister Hubertus Heil (SPD) eingebrachten Arbeitsschutzkontrollgesetz.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Frühstartrente kommt: Bundestag beschließt 10 Euro für Kinder
16.10.2026

Mit der Frühstartrente will der Staat Kindern monatlich zehn Euro für ein langfristiges Aktiendepot geben. Wer zuerst von der...

DWN
Panorama
Panorama DWN-Podcast Folge 47: Die Woche im Rückblick – KW 42
16.10.2026

Unser neuer Podcast ist da: Die ganze Woche in wenigen Minuten. Der DWN-Wochenrückblick bringt die Themen, die zählen – eingeordnet,...

DWN
Politik
Politik Analyse: Europa steht geschlossen gegen China, verschärft aber den Konflikt um den Milliardenhaushalt
16.10.2026

Die EU sieht erste Fortschritte im Handelskonflikt mit China. Doch das Defizit wächst weiter, und Brüssel bereitet bereits neue...

DWN
Politik
Politik Deal um Verbrenner-Aus: Deutschland und Frankreich haben sich geeinigt
16.10.2026

Deutschland setzt sich dafür ein, dass weiter Neuwagen mit Verbrennungstechnologie zugelassen werden können. Frankreichs Präsident...

DWN
Finanzen
Finanzen Unser neues Magazin ist da: Steigende Zinsen, nervöse Börsen – Chancen für Ihr Kapital
16.10.2026

Das eigene Vermögen soll Sicherheit geben. Doch steigende Zinsen und nervöse Märkte machen derzeit Anlageentscheidungen schwieriger. Wer...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft IWF-Warnung: Warum der KI-Boom eine neue Krise auslösen könnte
16.10.2026

Die Weltwirtschaft wächst, doch unter der Oberfläche braut sich eine gefährliche Mischung zusammen: Staaten häufen Rekordschulden an,...

DWN
Finanzen
Finanzen Goldpreis-Prognose: Einer der größten Käufer beginnt zu verkaufen
16.10.2026

Jahrelang kauften Zentralbanken Gold in außergewöhnlichem Umfang. Nun schlägt mit Kasachstan einer der größten Käufer einen anderen...

DWN
Politik
Politik Wer ist wer in den Kriegen im Nahen Osten
16.10.2026

Zehn Punkte zu Staaten, Rebellen und politischen Gruppen, die für Kriege, Lieferwege und Energiepreise entscheidend sind.