Wirtschaft

Gas-Chef tritt überraschend zurück: Gibt es Risse in der polnischen Front gegen Nord Stream 2?

Der Vorstandsvorsitzende des polnischen Gasversorgers PGNiG, Jerzy Kwieciński, hat überraschend seinen Hut genommen. So hat das staatliche Unternehmen ein exklusives Interview, das die DWN mit dem Konzernboss geplant hatten, kurzerhand abgesagt. Eine Analyse der Hintergründe der plötzlichen Demission.
08.11.2020 15:42
Lesezeit: 3 min
Gas-Chef tritt überraschend zurück: Gibt es Risse in der polnischen Front gegen Nord Stream 2?
Nord Stream 2: Polen hat gerade Gazprom zu einer Milliarden-Strafe verdonnert. (Foto: dpa)

Der polnische Gaskonzern PGNiG ist ein wichtiger Akteur im schier ewigen Streit um die deutsch-russische Gaspipeline Nord Stream 2. Im exklusiven Interview war der Chef des Unternehmens, Jerzy Kwieciński, bereit, noch einmal den Standpunkt Polens in dieser Frage klar zu machen und uns detaillierte Einblicke in die Geschäfte zu geben.

Doch hat sich nun die Lage beim halbstaatlichen Versorger, der im Westen kaum bekannt ist, plötzlich verkompliziert: Der Pressesprecher sagte uns das Interview mit dem Hinweis ab, dass Kwieciński zurückgetreten sei. Einer offiziellen Information auf der Website des Unternehmens war zu entnehmen, dass die Demission aus „persönlichen Gründen“ geschehen sei.

Dieser völlig überraschende Rücktritt kann ein ernster Hinweis darauf sein, dass es hinter den Kulissen der amtierenden nationalkonservativen Regierung in Warschau mächtig gärt. Denn der Konzernchef hatte erst seit Januar des laufenden Jahres dieses Amt inne. Darüber hinaus war er seit der Machtübernahme der Partei PiS vor fünf Jahren ein wichtiges Mitglied der polnischen Führungsriege. So führte der Politiker beispielsweise zwischen 2018 und 2020 als Minister das Ressort für Investition und Entwicklung. Dabei handelt es sich um ein Schlüssel-Ministerium, das wichtige wirtschaftliche Kompetenzen auf sich vereint.

Das bedeutet, dass die politische Führungsriege in Polen doch nicht so fest im Sattel sitzt, wie es immer im Westen den Anschein hat. Erste Risse waren auch schon einmal Mitte September zu sehen, als die Regierungskoalition beim Streit um ein Tierschutzgesetz Gefahr lief, auseinander zu krachen.

Und ein möglicher Zwist innerhalb der polnischen Regierung schwächt das Land – und zwar nicht zuletzt beim Streit mit Russland und Deutschland gegen den Bau von Nordstream 2. Und gerade jetzt wäre eine Schwächung für die Polen besonders ungünstig, weil sie gerade Anfang Oktober zu einem massiven Schlag gegen ihre Gegner ausgeholt hatten:

So verhängten die polnischen Kartellbehörden UOKiK gegen Gazprom eine saftige Strafe von 29 Milliarden Złoty – also sechs bis sieben Milliarden Euro. Dies ist eine Summe, die selbst dieser milliardenschwere russische Konzern auch nicht einfach so aus der Portokasse zahlt – zumal das Unternehmen durch die Krise derzeit stark angeschlagen ist.

Die Demission des Gas-Bosses ist nicht zuletzt deswegen für das Land von Nachteil, weil der 61jährige Ingenieur in Fachkreisen als ausgewiesener Experte darin gilt, EU-Mittel zu akquirieren, die traditionsgemäß im polnischen Staatshaushalt eine wichtige Rolle spielen.

Deshalb setzt jede Regierung so jemanden gerne auf politisch wichtige Positionen wie den Vorstandsvorsitz des Gasversorgers PGNiG. Darüber hinaus hatte Kwieciński als Minister für Investition und Entwicklung auch die weitestgehende Akzeptanz der deutschen Investoren und Funktionären der deutschen Außenhandelskammern.

Denn sie traten mit dem polnischen Politiker oft gemeinsam bei Fach-Konferenzen und Tagungen auf. Gerade beim Streit um Nord Stream 2, der enorm politisch und emotional aufgeheizt ist, hätten solche Kontakte von Kwieciński sehr wertvoll sein können. Zumal er immer sehr ruhig und zurückhaltend auftritt – im Gegensatz zu anderen polnischen Politikern.

Dabei sieht es ganz danach aus, dass er wegen eines besonderen internen Konflikts den Hut nehmen musste, der sich gerade in Polen zusammenbraut und der im Westen bisher nur wenig beachtet worden ist.

PGNiG-Boss wehrte sich gegen neuen nationalen Energiechampion

So will die polnische Regierung einen neuen nationalen Energie-Champion schmieden, in den auch PGNiG integriert werden soll. Die Führungsrolle wird hier den Planungen zufolge der Ölkonzern PKN Orlen übernehmen, der bereits in einer umfangreichen Einkaufstour den einheimischen Konkurrenten Lotos und den Stromversorger Energa geschluckt hat.

Dieser Megakonzern wird über Umsätze von über rund 200 Milliarden Złoty verfügen – also etwa 44 Milliarden Euro. „Solche Konsolidierungen sind einfach notwendig, um mit solchen Giganten wie BP oder Shell zu konkurrieren – von den chinesischen Gesellschaften gar nicht zu sprechen“, sagte der polnische Ministerpräsident Mateusz Morawiecki.

Zur Einordnung: BP generierte 2019 einen Gesamterlös von umgerechnet 240 Milliarden Euro, und Shell erreichte Umsätze von 290 Milliarden Euro – also noch fünf bis sechs Mal mehr.

Allerdings soll in diesem neuen Megakonzern der polnische Ölkonzern PKN Orlen den Ton angeben, der wiederum von Daniel Obajtek geleitet wird – einem Manager, mit dem sich der PGNiG-Boss Kwieciński wohl persönlich nicht sonderlich vertragen hat.

„Anfänglich hat er den Plan noch akzeptiert, doch hat seine Begeisterung danach zunehmend nachgelassen. Denn er verfolgte mit PGNiG seine eigene Strategie, zu der auch Zukäufe von Versorgern in der Ukraine gehörten“, berichtet die konservative Tageszeitung „Rzeczpospolita“. „Schließlich sollte er auf Linie mit PKN Orlen getrimmt werden. Dann ist er zurückgetreten“, analysiert das Blatt.

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