Finanzen

Zentralbanken im Endspiel: Corona öffnet alle Schleusen

Die Corona-Pandemie dient den Zentralbanken als willkommener Anlass, ihre ultralockere Geldpolitik massiv auszuweiten. Ein Ausweg aus der geldpolitischen Sackgasse, in die sich die Notenbanken damit manövrieren, ist nicht in Sicht.
Autor
avtor
09.12.2020 09:00
Lesezeit: 5 min
Zentralbanken im Endspiel: Corona öffnet alle Schleusen
21.07.2018, Argentinien, Buenos Aires: Taro Aso, Finanzminister von Japan, Christine Lagarde (M), damals Direktorin des Internationalen Währungsfonds, und Jerome Powell, Präsident der Federal Reserve, sitzen für ein Gruppenfoto beim Treffen der G20-Finanzminister zusammen.(Foto: dpa) Foto: Claudio Santisteban

Die Leitzinsen, die weltweit in Folge der Finanzkrise von 2008 auf historische Tiefstände gesenkt wurden, werden auch in absehbarer Zeit nicht mehr steigen. Das geht aus einer Umfrage unter Volkswirten hervor, die von der Nachrichtenagentur Reuters unter 44 Ökonomen durchgeführt wurde. Sie rechnen fest damit, dass der Zinsatz, der die Versorgung von Geschäftsbanken mit Geld regelt, auch im ersten Quartal 2022 noch bei 0,0 Prozent liegen wird. Dieses Rekordtief der Leitzinsen hat bereits seit März 2016 Bestand.

Auch den Einlagenzins in Europa sehen die Ökonomen bis zum ersten Quartal 2022 weiterhin bei minus 0,5 Prozent. Der Einlagenzins war durch die EZB erstmals 2014 unter Null gesenkt worden. Ein negativer Einlagenzins bedeutet, dass Geschäftsbanken Strafzinsen zahlen müssen, wenn sie Gelder bei der Zentralbank lagern. Damit will die EZB die europäischen Banken dazu bringen, dass Geld im Wirtschaftskreislauf zu halten – bisher mit bescheidenem Erfolg.

EZB bereitet sich auf drastische Schritte vor

Die nächste EZB-Sitzung zu Leit- und Einlagenzinsen findet am 10. Dezember statt. Die meisten Experten rechnen damit, dass die Zentralbank angesichts der zweiten Pandemiewelle ihre Geldschleusen noch weiter öffnet. Schon im März 2020 beschloss die EZB ein 750 Milliarden schweres Anleihekaufprogramm namens „Pandemic Emergency Purchase Programme“ (PEPP) zur Bekämpfung der wirtschaftlichen Folgen der Pandemie. Im Juni 2020 wurde PEPP dann um weitere 600 Milliarden Euro auf nun mehr 1.350 Milliarden Euro aufgestockt.

Hinzu kommt das laufende „Asset Purchase Programme“ (APP), bei dem EZB und nationale Notenbanken im Euroraum gemeinsam Wertpapiere aufkaufen. Das Programm wurde 2015 ins Leben gerufen und seitdem (mit kurzer Pause zwischen Januar und Oktober 2019) kontinuierlich genutzt. Im November 2019 beliefen sich die monatlichen Nettokäufe von Wertpapieren noch auf 20 Milliarden Euro. Im März 2020 wurden sie dann um 120 Milliarden Euro ausgeweitet. Marktbeobachter rechnen damit, dass beide Programme weiter aufgestockt oder zumindest verlängert werden könnten. Bisher soll PEPP bis Ende Juni 2021 laufen. Außerdem rechnen sie mit einer Erhöhung der Geldspritzen für Geschäftsbanken (TLTRO).

Aussagen des Chefvolkswirts der EZB, Philip Lane, zufolge sei die EZB bereit, sogar noch einen Schritt weiterzugehen. Anleihekäufe und Geldspritzen für Banken seien zwar geeignete Mittel zur Bekämpfung der Pandemie-Folgen, doch es gäbe noch weitere Instrumente. So sei etwa eine weitere Zinssenkung denkbar. „Wir glauben immer noch, dass eine Senkung der Zinssätze eine gangbare Option ist“, sagte Lane im Interview mit der französischen Zeitung Les Echos. Lane rechnet nicht mit einer wirtschaftlichen Erholung vor Herbst 2022.

Fed nutzt Corona, um ultralockere Geldpolitik auszuweiten

Die EZB folgt in ihrem Handeln der amerikanischen Notenbank. Im März 2020, auf dem Höhepunkt der ersten Corona-Welle, kündigte die Federal Reserve (Fed) ein 700-Milliarden-Dollar schweres Notfall-Programm („Quantitative Easing 4“, QE 4) zur Stützung der Finanzwirtschaft an, wie es auch schon nach der Finanzkrise 2008 bis 2015 zum Einsatz kam. Mit QE 4 kaufte die Fed in nur wenigen Monaten Vermögenswerte auf den Finanzmärkten in Höhe von 2 Billionen US-Dollar auf und blähte ihre Bilanz damit auf über 7 Billionen US-Dollar auf.

Kurz nach der US-Wahl Anfang November verkündete die US-Notenbank, die Leitzinsen zwischen 0 und 0,25 Prozent zu belassen. Neben den weiterhin niedrigen Zinsen verlängerte die Fed die QE-Programme bis mindestens Ende März 2021. Ursprünglich sollten diese Programme zum Ende des Jahres auslaufen. Darüber hinaus bekräftigte Notenbankchef Powell laut Handelsblatt, „die volle Bandbreite der Instrumente zu nutzen“ und ließ damit die Tür auf weitere Notfall-Programme angesichts der Pandemie-Folgen offen. Powell hatte auch mahnende Worte für die US-Regierung parat. „Ich denke, wir werden einen starken Aufschwung erleben“, wenn es Unterstützung seitens der Fiskalpolitik gebe. „Ich weiß nicht, wie wir noch deutlicher werden können.“ Powell fordert seit April stärkere Anstrengungen der US-Regierung in Form von Konjunkturpaketen.

Auch die designierte Finanzministerin der Regierung Biden, Ex-Notenbankchefin Janet Yellen, warnte bereits vor den Folgen für die US-Wirtschaft, sollte nicht umgehend gegengesteuert werden. Die 74-jährige Ökonomin fürchtet eine drohende Abwärtsspirale aus Firmenpleiten, Arbeitslosigkeit, Privatinsolvenzen und Räumungsklagen. In Washington mehren sich bereits Stimmen, die noch mehr Macht für die Fed fordern. Eine konkrete Forderung lautet etwa, der Kongress solle der Notenbank die Möglichkeit geben, über ein Auszahlvolumen von mindestens einem Prozent der amerikanischen Wirtschaftsleistung (rund 205 Milliarden US-Dollar) zu verfügen, etwa wenn bestimmte Arbeitslosigkeits- oder Inflationsniveaus unter- bzw. überschritten würden.

Die nächste Sitzung des Federal Open Market Committee (FOMC) findet am 16. Dezember statt. Dort berät die US-Notenbank über das weitere Vorgehen ihrer Geldpolitik. Marktbeobachter gehen davon aus, dass die Fed an ihrer ultralockeren Geldpolitik festhalten wird und sehen sogar Chancen, dass sie noch ausgeweitet wird. Möglich seien sowohl Verlängerungen der Aufkaufprogramme als auch eine weitere Aufstockung. Als Grund sehen sie die steigende Zahl an Covid-Infektionen in den USA sowie das Ausbleiben weiterer Staatshilfen. Eine Einigung über ein weiteres Konjunkturpaket scheiterte zuletzt kurz vor der Wahl.

Zentralbanken manövrieren sich in eine Sackgasse

Die Zentralbanken haben schlicht keinen Ausweg mehr aus ihrer ultralockeren Geldpolitik. Corona wird nur als Vorwand genutzt, um diese Tatsache zu verschleiern. EZB und Fed haben die Geldmenge immer weiter ausgedehnt, ohne dass das Kapital in nennenswertem Ausmaß in der Realwirtschaft angekommen wäre. Diese Geldpolitik hat zwar das 2008 am Rande des Kollaps stehende Wirtschaftssystem vorerst gerettet, doch zu einem enorm hohen Preis. Inzwischen sind die Finanzmärkte von den milliardenschweren Anleihe- und Wertpapierkäufen der Zentralbanken abhängig. Eine Umkehr hätte weitreichende Folgen, die aller Voraussicht nach einen schweren Wirtschaftscrash nach sich ziehen würden.

Zwar blieb die Inflation der Konsumgüter bisher aus (ein Indikator, den die Zentralbanken immer wieder für die Ausweitung ihrer Geldpolitik anführen). Doch dafür erleben wir die Inflation an den Finanzmärkten. Die Billionen US-Dollar und Euro, mit denen EZB und Fed in den vergangenen Jahren die Märkte geflutet haben, hat zu einer Teuerung von Vermögenswerten geführt, wie wir sie seit Jahrzehnten nicht erlebt haben. Die Aktienpreise haben ihre kurzzeitigen Verluste nach dem Corona-Schock längst wieder aufgeholt, obwohl die Realwirtschaft nach wie vor unter den Folgen der Pandemie leidet. Staatsanleihen weisen teilweise negative Renditen aus, Investoren müssen also draufzahlen, um beispielsweise Deutschland Geld zu leihen.

Dass die Zentralbanken nicht mehr aus dieser geldpolitischen Sackgasse herausfinden, verdeutlicht am besten der Markt für Unternehmensanleihen. Einer OECD-Studie an den globalen Unternehmensanleihemärkten zufolge, hat sich das Marktvolumen in den letzten zehn Jahren auf rund 14 Billionen Dollar verdoppelt. Das allein für sich genommen ist noch nicht beunruhigend. Doch während der Handel mit Unternehmensanleihen in den letzten zehn Jahren florierte, nahm die Qualität der gehandelten Anleihen deutlich ab. Der Hauptgrund hierfür liegt in der Geldpolitik der Notenbanken, die es ermöglicht hatte, dass sich selbst Firmen mit zweifelhafter Bonität auf den Kapitalmärkten refinanzieren können.

Eine unterstützende Rolle spielen Rating-Agenturen, die es auch Firmen mit einer BBB-Bewertung erlauben, sich zu refinanzieren, obwohl ihre Verschuldung in den vergangenen Jahren stark gestiegen ist. Dadurch werden Firmen künstlich am Leben erhalten, die nicht effizient wirtschaften. Eine notwendige Marktbereinigung wird so verhindert.

Angesichts dieses Trends kommentiert die Neue Züricher Zeitung (NZZ), „Yellen, Draghi und Co. haben ein Monster geschaffen“. Es gebe „immer mehr Ramsch bei neuen Firmenbonds“. Die Situation gehe solange gut, bis „sich die Bonitätssenkungen häufen und eine lawinenartige Verkaufswelle auslösen“.

Deutliche Worte für diese Geldpolitik fand bereits im März 2020 William White, Chefökonom der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ), die auch als „Zentralbank der Zentralbanken“ bezeichnet wird. Damals waren die Finanzmärkte in Folge der Pandemie gerade eingebrochen und die Notfall-Programme der Regierungen und Zentralbanken aufgelegt worden. White fürchtete, dass die Maßnahmen der Notenbanken nicht rückgängig zu machen seien, getreu dem Motto, dass es nichts so Dauerhaftes wie eine temporäre Lösung gebe.

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André Jasch

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André Jasch ist freier Wirtschafts- und Finanzjournalist und lebt in Berlin.  

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