Finanzen

BIZ: Finanzmärkte haben sich von der Realwirtschaft abgekoppelt

Lesezeit: 2 min
13.12.2020 11:03
Dem jüngsten Quartalsbericht der „Zentralbank der Zentralbanken“ zufolge haben sich die Finanzmärkte weitgehend von der realen Situation der Volkswirtschaften abgekoppelt. Bei Anleihen gebe es einen starken Zufluss in riskante Papiere.
BIZ: Finanzmärkte haben sich von der Realwirtschaft abgekoppelt
Eine Anzeige an der New Yorker Börse verkündet neue Allzeithochs. (Foto: dpa)

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Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) warnt angesichts der Börsenhoffnungen auf einen baldigen Einsatz von Corona-Impfstoffen vor Übertreibungen an den Finanzmärkten. Die Märkte bewegten sich aufgrund der Impfstoff-Euphorie zwar in die richtige Richtung, sagte der Leiter der Währungs- und Wirtschaftsabteilung der BIZ, Claudio Borio, zur Veröffentlichung ihres jüngsten Quartalsberichts. „Die Bewertungen liegen jedoch wieder über oder nahe den vor der Pandemie verzeichneten Niveaus, als überzogene Bewertungen bereits ein Thema waren,“ warnte er. Es bestehe ein Missverhältnis zwischen den Kursen riskanter Wertpapiere und dem Wirtschaftsausblick.

Notenbanken haben aus Sicht der BIZ mit ihrer konjunkturstützenden Geldpolitik weltweit die Renditen der Staatsanleihen niedrig gehalten. Titel im Volumen von 17,5 Billionen Dollar wiesen nach BIZ-Berechnungen sogar inzwischen negative Renditen aus. Auf der Suche nach lukrativen Anlagemöglichkeiten seien Investoren dadurch gedrängt worden, auf riskantere Wertpapiere zu setzen.

Gefahren sieht die Notenbank der Notenbanken vor dem Hintergrund der Corona-Krise bei der Verschuldung von Unternehmen in den Industrienationen. Firmen haben laut BIZ im laufenden Jahr angesichts des sehr günstigen Zinsumfelds Anleihen im Rekordtempo emittiert - vor allem Titel mit langen Laufzeiten. Bei Hochzinsanleihen habe sich die Ausgabe von Papieren mit Laufzeiten von mehr als zehn Jahren binnen Jahresfrist sogar mehr als verdoppelt. Die Auszahlung von Dividenden sei dagegen prozentual zweistellig gesunken.

Solche Strategien könnten Unternehmen aber nur teilweise schützen, hieß es im Quartalsbericht. Mit einer Erhöhung der Barmittel könnten zwar Liquiditätsrisiken abgefedert werden, aber dies helfe wenig, um die Lasten eines höheren Schuldendienstes zu verringern. Und dies sei ein Schlüsselfaktor für Solvenzprobleme. Firmen würden so anfälliger, wenn die Nachfrage schwächelt oder sie mit finanziellen Schocksituationen zurecht kommen müssten. Die Renditenaufschläge von Unternehmensanleihen seien weiter gesunken und hätten fast das vor der Pandemie verzeichnete Niveau erreicht. Banken hätten aber ihre Standards für die Vergabe von Krediten verschärft.

US-Staatsanleihen: Noch immer sicherer Hafen, aber weniger als früher

US-Staatsanleihen haben einer Untersuchung der BIZ zufolge ihren Status als sicherer Anlagehafen etwas eingebüßt. Dies sei zum einen auf die schwindenden Möglichkeiten der US-Notenbank Fed zu weiteren geldpolitischen Lockerungen zurückzuführen, teilte die BIZ in ihrem Quartalsbericht mit. Hinzu kämen strukturelle Änderungen des amerikanischen Anleihenmarktes.

Ausgangspunkt der Untersuchung ist die Beobachtung, dass sich Aktienkurse und Anleihekurse in den vergangenen Jahren vermehrt in die gleiche Richtung bewegt hätten. Dies spreche dafür, dass US-Staatsanleihen einen Teil ihrer Absicherungsfunktion verloren hätten. Diese Funktion hätten US-Bonds vor allem nach der Jahrtausendwende innegehabt. Seit dem Jahr 2018 habe sich diese Funktion aber abgeschwächt.

Wie die Untersuchung zeigt, haben sich amerikanische Aktien- und Anleihekurse bis in die 1980er Jahre meist in dieselbe Richtungen bewegt. Die BIZ erklärt dies damit, dass Rezessionen seinerzeit meist durch eine straffe Fed-Politik infolge hoher Inflationsraten ausgelöst worden seien. Die geldpolitische Straffung und die Rezession hätten die Aktienkurse belastet, während die hohe Inflation die Anleihekurse fallen und die Anleiherenditen steigen ließ.

In den folgenden Jahrzehnten habe sich der Zusammenhang jedoch geändert, da Rezessionen vermehrt durch das Platzen von Finanzblasen ausgelöst worden seien. Dies sei meist mit einer Lockerung der Geldpolitik einhergegangen. In dieser Zeit hätten die Rezessionen die Aktienkurse belastet, die Anleihekurse seien jedoch wegen der lockeren Geldpolitik gestiegen und die Anleiherenditen gefallen.

Seit etwa drei Jahren jedoch habe sich dieser Zusammenhang fallender Aktien- und steigender Anleihekurse abgeschwächt. Die BIZ erklärt das Phänomen zum einen mit dem schwindenden Spielraum der Federal Reserve für geldpolitische Lockerungen.

Zum anderen habe sich die Zusammensetzung der Marktteilnehmer auf dem US-Anleihemarkt geändert: Seit der großen Finanzkrise 2008 hätten sich einige Händler ("Market Maker"), die bis dahin für eine Glättung der Kursentwicklung gesorgt hätten, Zug um Zug von dem Markt zurückgezogen. Dafür seien andere Marktteilnehmer wie Hedge Fonds in Erscheinung getreten. Diese jedoch hätten die Markttrends eher verstärkt als diese zu glätten.


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