Deutschland

In Deutschland schlägt die Geburtsstunde einer „deutschen Nationalkirche“

In Deutschland könnte in den kommenden Jahren eine deutsch-katholische Nationalkirche entstehen, die sich vom Vatikan abkoppelt. Der Grundstein ist längst gelegt.
09.01.2021 13:48
Aktualisiert: 09.01.2021 13:48
Lesezeit: 3 min
In Deutschland schlägt die Geburtsstunde einer „deutschen Nationalkirche“
13.07.2018, Baden-Württemberg, Bad Wurzach: Hunderte Reiter reiten beim Blutritt vom Zentrum der Kurstadt zum Gottesberg. (Foto: dpa) Foto: Felix Kästle

Am 1. Dezember 2019, also kurz vor Beginn der Corona-Pandemie, wurde in der römisch-katholischen Kirche Deutschlands der sogenannte „Synodale Weg“ initiiert. Der Präsident des Zentralkomitees der deutschen Katholiken (ZdK), Thomas Sternberg, rief im Dezember 2020 zu einer entschlossenen Reform der Kirche auf: „Wir müssen uns immer klar sein: Es ist für ganz viele wirklich die letzte Chance, hier deutlich zu machen, dass dieser Apparat reformierbar und veränderbar ist, nachdem es 40 Jahre lang einen erschreckenden Stillstand gegeben hat“, sagte Sternberg bei einer online abgehaltenen Fortsetzung der ZdK-Herbstvollversammlung. Vizepräsidentin Karin Kortmann sagte, der Reformprozess habe bereits in wenigen Monaten zu einem Aufbruch in der katholischen Kirche in Deutschland geführt.

Der Reformprozess konzentriert sich auf die Themen Umgang mit Macht, Position der Frauen in der Kirche, die vorgeschriebene Ehelosigkeit der Priester (Zölibat) und die kirchliche Sexualmoral. Das klingt alles zunächst positiv. Doch Kardinal Rainer Maria Woelki kritisiert, dass der „Synodale Weg“ das Potenzial in sich berge, sich von der Universalkirche abzukoppeln, um eine „deutsche Nationalkirche“ zu gründen. Es drohe ein Schisma. Woelki kritisierte den theologischen Standard einiger Arbeitspapiere, die für den Synodenpfad vorbereitet wurden, und sagte: „Die ganze Welt schaut gerade auf die Kirche in Deutschland und auf diesen Synodenpfad, also können wir uns nicht einfach erlauben, uns theologisch in Verlegenheit zu bringen durch Unfähigkeit“, zitiert der „National Catholic Reporter“ (NCR) Woelki. Die katholische Wochenzeitung Die Tagespost berichtete am 17. September, dass 53 Prozent der deutschen Katholiken angaben, nicht am Synodenweg interessiert zu sein.

Bischof Heinz Josef Algermissen hatte zuvor gesagt, dass Papst Franziskus eine „dramatische Sorge“ im Zusammenhang mit dem Sonderweg der deutschen Katholiken habe, berichtet die Zeitung „Crux“. „Manchmal bin ich sehr traurig, wenn ich eine Gemeinschaft sehe, die mit gutem Willen einen falschen Weg einschlägt, weil sie glaubt, die Kirche durch Versammlungen zu führen, als wäre es eine politische Partei“, so der Papst.

Kardinal Woelki vertritt die Ansichten des Papsts, weshalb er durch die Vertreter des „Synodalen Wegs“ attackiert wird. Der Vorsitzende des Diözesanrates der Katholiken im Erzbistum Köln, Tim Kurzbach, sagte, dass der „Synodale Weg“ nicht zu stoppen sei. „Kirche und Leben“ wörtlich: „Nur eine kleine Gruppe von ,Traditionalisten‘, sei ,damit überfordert, dass beim Synodalen Weg auf einmal jeder und jede mit gleichem Recht sprechen‘ könne. Diese ,Minderheit‘ wolle ,auf dem Weg niemanden überzeugen, sondern nur ihren eigenen Weg akzeptieren‘, schreibt der Solinger Oberbürgermeister (Tim Kurzbach, Anm.d.Red.).“

Über Woelki führt Kurzbach aus: „Ich fürchte, er zerstört die Autorität seines bischöflichen Amtes, indem er nicht mit guten Argumenten in der Versammlung zu überzeugen versucht, sondern sich anschließend darüber empört, dass er nicht von Amts wegen mehr Macht hat“. Die „angstfreien Diskussionen“ in Frankfurt hätten „die scheinbare Macht auch eines Kölner Kardinals entzaubert“, so Kurzbach.

Woelki kritisiert in einem Interview mit „Katholisch.de“: „Ich habe im Vorfeld bereits davor gewarnt, dass wir möglicherweise einen deutschen Sonderweg beschreiten. Das ist in Abrede gestellt und mir zum Vorwurf gemacht worden. Wir müssen es jetzt abwarten. Am Ende wird die Geschichte zeigen, wer Recht behalten hat. Ich glaube, dass viele Argumente, die bei der ersten Synodalversammlung vorgebracht worden sind, mit dem Glauben und der Lehre der Universalkirche nicht vereinbar sind. Mein Eindruck ist, dass vieles, was zur theologischen Erkenntnislehre gehört, hier bei uns nicht mehr geteilt wird, und man stattdessen glaubt, die Kirche ganz neu und anders gestalten zu können. Der Blick auf die Tradition der Kirche spielt da keine große Rolle mehr.“

Dass in der römisch-katholischen Kirche Deutschlands ein Machtkampf stattfindet, lässt sich am jüngsten Beispiel verdeutlichen. Das Erzbistum Köln hat einem Pfarrer nach Kritik an Kardinal Rainer Maria Woelki mit Konsequenzen gedroht. Pfarrer Klaus Koltermann aus Dormagen hatte Woelki vorgeworfen, jede „Glaubwürdigkeit verspielt“ zu haben. Woelki wird seit Monaten auch von anderen katholischen Bischöfen massiv kritisiert, weil er ein von ihm selbst in Auftrag gegebenes Missbrauchsgutachten zurückhält. Dafür führt er rechtliche Bedenken an.

Nach seiner Kritik erhielt Koltermann einen zweiseitigen Brief vom Generalvikariat des Erzbistums. Darin schreibt Personalchef Mike Kolb: „Ich weise Dich darauf hin, dass Deine im Zeitungsartikel beschriebenen Äußerungen sowie entsprechende öffentliche Stellungnahmen - soweit zutreffend - möglicherweise schwerwiegende Verstöße gegen Deine Dienstpflichten als leitender Pfarrer darstellen (...) Diese Äußerungen können Maßnahmen nach sich ziehen.“ Ein „öffentliches Eintreten gegen die Katholische Kirche, das Erzbistum Köln oder dessen Amtsträger“ sei mit den „Loyalitätsobliegenheiten“ eines Pfarrers nicht vereinbar. Koltermann wird eine Frist bis zum 8. Januar gesetzt, um eine schriftliche Stellungnahme abzugeben. Der „Kölner Stadt-Anzeiger“ hatte in seiner Samstagsausgabe zuvor darüber berichtet.

Pfarrer Koltermann führt in seiner Antwort an Kolb aus, der Beweggrund für seine Kritik sei die „Unruhe treuester Katholiken“ hinsichtlich des Auftretens von Woelki in der Missbrauchskrise. Sein Gewissen habe ihn dazu gebracht, in dieser zentralen Frage Position zu beziehen. „Bekanntlich lehrt unsere Kirche, dass jede und jeder unbedingt seinem Gewissen zu folgen hat“, so Koltermann.

Die Reformbewegung „Wir sind Kirche“ solidarisierte sich mit dem Dormagener Pfarrer. „Wir sind Kirche“-Sprecher Christian Weisner verwies darauf, dass auch der Münchner Kardinal Reinhard Marx das Verhalten Woelkis als „verheerend“ bezeichnet hatte. Es könne nicht sein, dass Koltermann wegen seiner Kritik an Woelki vorgeworfen werde, gegen die katholische Kirche zu agieren. „Kritik an der Leitung wird in autoritären und diktatorischen Staaten mit Kritik am System gleichgesetzt und strafrechtlich verfolgt“, so Weisner. Die Kölner Kirchenführung wolle „mit Gewalt jeden Widerspruch niederwalzen“.

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