Deutschland

Bundesregierung schwört Bevölkerung auf fortgesetzten Lockdown ein

Die Mehrheit der Deutschen plädiert für Lockerungen, doch die Bundesregierung und ihre Experten halten dagegen und schließen ein baldiges Ende des Lockdowns aus.
26.02.2021 16:29
Aktualisiert: 26.02.2021 16:29
Lesezeit: 2 min

Die Bundesregierung dämpft Hoffnungen auf schnelle und umfassende Lockerungen der Corona-Beschränkungen. Trotz langer Wochen im Lockdown, erster Impferfolge bei den Alten und neuer Testmöglichkeiten empfehle er «größtmögliche Umsicht und Vorsicht», sagte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) am Freitag in Berlin. Zunächst müsse etwa beobachtet werden, ob die Öffnungen von Schulen und Kitas die Ansteckungszahlen nach oben treiben oder nicht. Der angestrebte Wert von maximal 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohnern binnen sieben Tagen sei vielerorts nicht erreicht - und für viele Länder derzeit auch nicht erreichbar.

Auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte tags zuvor betont, trotz der neuen Selbsttests, die bald überall in den Handel kommen, könne man weder auf Infektionszahlen als Maßstab verzichten noch sofort öffnen.

Der bayerische Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder warnte ebenfalls vor «unüberlegten Experimenten» und «Öffnungshektik». Die weitere Corona-Strategie von Bund und Ländern müsse auch einen Sicherheitspuffer für die ansteckenderen Virusvarianten beinhalten, sagte er der Deutschen Presse-Agentur vor den Beratungen der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten an diesem Mittwoch. «Denn eines ist klar: Es kann schnell gehen. Heute alles gut, morgen ist man Hotspot.» Regionale Öffnungsmodelle seien zwar sinnvoll. «Aber ich bin sehr zurückhaltend und skeptisch, jetzt einfach alles den Ländern freizugeben», sagte er.

Unter anderem der Handel fordert, die Wiedereröffnung der Innenstädte nicht vom angestrebten Wert von 35 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner und Woche abhängig zu machen. Auch die Gastronomie und andere Branchen verlangen Lockerungen. Mehrere Bundesländer wollen Anfang kommender Woche nicht nur Friseurläden öffnen, sondern auch Gartenmärkte und Blumenläden.

Die Mehrheit der Deutschen möchte umgehend Lockerungen der Corona-Maßnahmen. Nach dem neuen ZDF-«Politbarometer» finden 56 Prozent der Befragten, dass jetzt gelockert werden sollte. 41 Prozent sind dagegen, 3 Prozent antworteten mit «Weiß nicht».

Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, sagte, bei den Infektionszahlen gebe es deutliche Signale einer Trendumkehr zum Schlechteren. «Wir müssen alle Maßnahmen weiter konsequent umsetzten, ansonsten steuern wir in eine dritte Welle hinein», mahnte er. Varianten des Virus breiteten sich rasch aus. Eine, nämlich die Mutante B.1.1.7, sei deutlich ansteckender und gefährlicher.

Die Gesundheitsämter meldeten dem RKI binnen eines Tages 9997 Corona-Neuinfektionen, zudem wurden 394 weitere Todesfälle verzeichnet, wie aus den Zahlen vom Freitag hervorgeht. Vor genau einer Woche waren es 9113 Neuinfektionen und 508 neue Todesfälle.

Die Impfkampagne hierzulande kommt nach Spahns Worten in Fahrt. Bis Ende kommender Woche würden rund elf Millionen Impfdosen an die Länder ausgeliefert sein, sagte er. Schon jetzt seien rund 5,7 Millionen Impfungen verabreicht. Die erste Dosis haben 4,5 Prozent der Bevölkerung bekommen - darunter knapp 800.000 von insgesamt rund 900.000 Pflegeheimbewohnern. 2,4 Prozent der Menschen in Deutschland haben bereits die zweite Dosis erhalten.

Spahn hielt die Länder an, ihre Impfkapazitäten zügig aufzustocken. «Noch liegt zu viel Impfstoff im Kühlschrank», rügte er. Und so bald wie möglich sollten auch Arztpraxen in die Impfungen einbezogen werden. Dazu liefen Gespräche mit Großhändlern, Ärzten und Apothekern, etwa über Logistik und Vergütung. Schon jetzt hätten die Länder die Möglichkeit, Ärzte einzubinden, etwa speziell für Krebspatienten.

Zu den neuen Corona-Selbsttests sagte Spahn, diese könnten dem Einzelnen «mehr Trittsicherheit» geben. Er erwarte, dass sie Teil des Alltags und zur Routine würden - etwa vor Besuchen in Restaurants oder bei Konzerten. Die PCR-Tests, also Labortests, blieben aber «der Goldstandard», weil sie genauer seien.

Ähnlich äußerte sich RKI-Präsident Wieler. «Selbsttests sind keine Wunderwaffe», sagte er. Die Erwartung, dass man sich für bestimmte Situationen «freitesten» könne, sei nicht hundertprozentig zu erfüllen. Ein negatives Ergebnis sei eine Momentaufnahme und schließe eine Infektion nicht aus. Deshalb sei es wichtig, sich und andere auch weiter durch Abstandhalten, Maskentragen, Hygiene und Lüften zu schützen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Zufall mit System: Die entscheidende Rolle von RNGs im Gaming

Viel mehr als Würfel-Glück: Erfahre, wie Zufallsgeneratoren von Slot-Klassikern bis hin zu KI-Welten für Fairness, Immersion und echten...

DWN
Finanzen
Finanzen ChatGPT geht an die Börse
09.06.2026

Der ChatGPT-Entwickler OpenAI steuert auf die Börse zu. Zugleich macht das Unternehmen aber deutlich, dass es sich für diesen Schritt...

DWN
Politik
Politik Analyse: Nein, es gibt keine Aussicht auf Frieden in der Ukraine
09.06.2026

Weder militärisch noch diplomatisch gibt es eine Aussicht auf einen Waffenstillstand, geschweige denn auf Frieden im Krieg zwischen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Chinas Außenhandel gewinnt trotz Iran-Unsicherheit an Fahrt
09.06.2026

Chinas Exporte legen erneut kräftig zu. Der Außenhandel bleibt eine zentrale Stütze der Wirtschaft – und verschärft zugleich...

DWN
Politik
Politik EU plant Einreiseverbot für russische Ukraine-Kämpfer
09.06.2026

Ursula von der Leyen will mit neuen Sanktionen den Druck auf Russland weiter erhöhen. Diesmal rücken auch Soldaten in den Fokus – und...

DWN
Finanzen
Finanzen SpaceX & Co: Warum sie trotz Kurswachstum nicht jetzt einsteigen sollten
09.06.2026

Das Ende einer neunwöchigen Aufwärtsbewegung der Indizes und die schlechteste Woche für Bitcoin seit 2022.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Chefs, Stress und Traurigkeit: Wie unglücklich wir bei der Arbeit sind – und welche Lösungen es gibt
09.06.2026

Viele Beschäftigte sind der Meinung, jederzeit einen neuen Job finden zu können. Trotzdem wechseln nur wenige ihren Arbeitgeber, obwohl...

DWN
Politik
Politik Irland gerät wegen Russland-Exporten unter Druck
09.06.2026

Ein irisches Werk liefert offenbar Aluminiumoxid an einen russischen Konzern, dessen Produkte laut Recherchen in der Rüstungsindustrie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Entlassungswelle: Kurz und schmerzhaft – wie Kündigungen in Deutschland ablaufen
09.06.2026

Kündigungen in Deutschland nehmen stark zu und viele Arbeitnehmer trifft eine Entlassung überraschend, schnell und oft ohne Abfindung....