Politik

China zwischen Bewunderung und Argwohn, Teil 2: Aufstieg zum wirtschaftlichen Konkurrenten des Westens

Lesezeit: 4 min
03.04.2021 14:19
Das Reich der Mitte wird das 21. Jahrhundert prägen wie kein anderes Land. Lesen Sie heute den zweiten Teil von Bernd Murawskis großer China-Analyse, die die Deutschen Wirtschaftsnachrichten über die Osterfeiertage veröffentlichen.
China zwischen Bewunderung und Argwohn, Teil 2: Aufstieg zum wirtschaftlichen Konkurrenten des Westens
Das "Beauty Crown Hotel" in der südchinesischen Touristen-Hochburg Hainan. (Foto: dpa)
Foto: Yue Zhiqiang

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Das ambivalente China-Bild westlicher Publikationen beruht merklich auf mangelnder Kenntnis der kulturellen und geschichtlichen Besonderheiten des Landes. Erklärungen bleiben bruchstückhaft und Ängste werden geschürt, was einer eurozentrischen Sichtweise geschuldet ist. Diese dreiteilige Analyse will anregen, China aus einer unbefangenen Perspektive zu betrachten.

Im diesem zweiten Teil werden die Entwicklungsetappen beschrieben, die Chinas wirtschaftlichen Aufstieg zu einem ernstzunehmenden Konkurrenten des Westens kennzeichnen. Der erste Teil, der sich mit den Unterschieden zwischen westlichem und chinesischem Menschenbild und darauf basierend der jeweiligen Gesellschaftssysteme befasst, haben wir gestern veröffentlicht. Der dritte Teil, den wir morgen veröffentlichen, thematisiert den Übergang vom „Turbo-Kapitalismus“ zum Sozialstaat und die Strategie der „dualen Kreisläufe“. Abschließend wird der Vorwurf hinterfragt, China würde eine globale Dominanz anstreben.

Die westliche Überlegenheit bis in die 80er Jahre

Seit dem Bestehen der Volksrepublik China war die Vertrauensbasis mehrmals gestört. Im Zuge der Konsolidierung administrativer Strukturen breiteten sich Korruption und Selbstgefälligkeit aus, was zu wachsender Unzufriedenheit und sinkender Leistungsbereitschaft der Bürger führte und die wirtschaftliche Entwicklung bremste. Die „Revolutionäre der ersten Stunde“ mit Mao Tse-tung an der Spitze sahen sich aufgefordert, ihre Autorität einzusetzen und Korrekturmaßnahmen zu ergreifen. Sowohl der „große Sprung nach vorn“ Ende der 50er Jahre als auch die Kulturrevolution von 1966 bis 1976 zielten vornehmlich auf die Wiederherstellung der moralischen Integrität der politischen Elite ab. Wegen der damit einhergehenden wirtschaftlichen Rückschläge bedurfte es bald einer weiteren Korrektur mit pragmatischem Gehalt, um das Vertrauen der Bürger wiederzuerlangen.

Ebenso wenig blieb der Westen von gesellschaftlichen Verkrustungserscheinungen verschont. Deren Aufbrechen durch die Protestbewegung der 60er und 70er Jahre erfolgte jedoch im Rahmen der vorgegebenen politischen Strukturen und mündete schließlich im „Marsch durch die Institutionen“. Im Gegensatz zu China gab es weder umfangreiche Säuberungen noch wirtschaftliche Kollateralschäden. Dies wurde berechtigterweise als Ausdruck der Überlegenheit des westlichen Systems begriffen.

Während der 80er Jahre entschied sich nicht nur die chinesische Führung für eine grundlegende wirtschaftliche Neuausrichtung, sondern ebenfalls die Regierungen der westlichen Welt. Die jeweiligen Wertesysteme blieben zwar in ihren Grundfesten erhalten, sie wurden jedoch auf die neuen Herausforderungen hin justiert. Während die Umorientierung Chinas eine Vielzahl positiver Impulse brachte, war die im Westen vollzogene neoliberale Wende das Startsignal für wirtschaftliche Stagnation und eine wachsende Unzufriedenheit der Bürger.

Die neoliberale Wende und ihre Folgen

Gemäß der Annahme von Adam Smith, dass der wirtschaftliche Erfolg Einzelner den allgemeinen Wohlstand anheben würde, überließen die Führungen der westlichen Staaten der „unsichtbaren Hand“ des Marktes und der Privatinitiative ein immer größeres Wirkungsfeld. Zwingend folgte ein Machtverlust politischer Instanzen. Staaten gerieten in Konkurrenz zueinander und sahen sich veranlasst, potentielle Investoren durch Vorleistungen, Steuerermäßigungen, günstige Kredite und Bürgschaften zu ködern. Damit Großsteuerzahler ihre Vermögen nicht in Steueroasen verschieben, wurden sie durch geringere Steuersätze und Verzicht auf Vermögensbesteuerung günstig gestimmt.

Ein Wachstum der Einkommens- und Vermögensunterschiede war die unausweichliche Folge. Da reiche Privathaushalte ihr Konsumvolumen nicht steigerten, weil dieses ja bereits ein maximales Niveau erreicht hatte, führte die Umverteilung von Arm zu Reich zu einem tendenziellen Nachfrageschwund der Endverbraucher. Eine Ausweitung der Produktion lohnte sich immer weniger, sodass Investitionen vorrangig dem Zweck von Kosteneinsparungen dienten, was die Lage weiter verschärfte. Die Wirtschaft begann zu stagnieren, die Mittelschicht erodierte, öffentliche Haushalte gerieten unter wachsenden Finanzdruck und gesellschaftliche Leistungen wurden reduziert, was an den Grundlagen des westlichen Gesellschaftsmodells nagte.

Der Gelbwesten-Aufstand in Frankreich, die Querdenker-Demonstrationen in Deutschland und vielfältige Proteste in der gesamten westlichen Welt signalisieren neben dem Vormarsch rechtspopulistischer Parteien eine wachsende Unzufriedenheit. Zu den am härtesten betroffenen Staaten gehören bezeichnenderweise die Wegbereiter des Neoliberalismus unter dem Gespann Reagan-Thatcher: Die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und die Brexit-Entscheidung der britischen Bürger sind ein unverkennbares Zeugnis.

Grundlagen des chinesischen Aufstiegs

Die chinesische Führung hat das Heft des Handelns in keiner Phase aus der Hand gegeben, wenn sie auch nach der wirtschaftlichen Öffnung mit neuen Partnern kooperieren musste. Der Aufstieg des Landes begann mittels einer ausgeprägten Exportorientierung nach dem Vorbild der „asiatischen Tiger“. Diese stützte sich wesentlich auf die geschäftlichen Kontakte und Marketing-Erfahrungen chinesisch-stämmiger Experten aus Hongkong, Taiwan und Singapur. Nur allmählich gelang es Festlandchinesen, Einfluss auf die Exportproduktion und die Handelsbeziehungen zu bekommen.

China konnte sich fortan dem Druck global agierender Kapitalgesellschaften weitgehend entziehen. Als 1997 die Asien-Krise ausbrach, war das Land dank hoher Devisenreserven nur wenig betroffen und konnte in der Folgezeit die Exporte wesentlich steigern. Einen weiteren Schub bewirkte der Eintritt in die Welthandelsorganisation im Jahr 2001. Der wachsende Mittelzufluss ermöglichte die Realisierung ehrgeiziger Infrastrukturvorhaben, was ausländische Investoren trotz Auflagen und Restriktionen zu einem verstärkten Engagement animierte. Einheimische Unternehmen wuchsen zu Kapitalriesen und erschlossen neue Wirtschaftsbereiche, Technologieparks wurden errichtet, Produktionsstätten wurden ins chinesische Hinterland verlagert.

Der „Turbo-Kapitalismus“ war nicht mehr zu stoppen. Die damit einhergehenden immensen Belastungen für die Bürger wurden von der kommunistischen Führung für unvermeidlich gehalten, da es sich nach ihrem Verständnis um eine notwendige Zwischenetappe handelte: Aus marxistischer Sicht galt es, die „ursprüngliche Kapitalakkumulation“ nachzuholen. Linke Kritik am „Sozialismus chinesischer Prägung“ wurde mit der Begründung zurückgewiesen, dass gleichwohl im Frühstadium des Kapitalismus feudale Strukturen weiterexistierten.

Wolfram Elsner ist in seiner Beurteilung zuzustimmen, dass sich China letztlich keine Alternative bot, um den Vorsprung des Westens aufzuholen und die Grundlage für eine prosperierende Gesellschaft zu schaffen. Aus Sicht der politischen Elite war Eile erforderlich, da das westliche Entgegenkommen mit der Hoffnung verbunden war, den dominanten Einfluss der kommunistischen Partei zurückdrängen zu können. Hierbei kommt den Ereignissen im Jahr 1989, die fälschlicherweise als „Tian’anmen-Massaker“ tituliert werden, eine Schlüsselbedeutung zu.

Aus später veröffentlichten Dokumenten geht hervor, dass die damaligen Protestaktionen vom Westen nicht nur unterstützt und propagandistisch begleitet, sondern auch gesteuert wurden. Zu diesem Zweck wurden die historisch ersten NGOs ins Leben gerufen, welche sich auf das von Gene Sharp entwickelte Konzept „friedlicher Revolutionen“ und „gewaltfreien Widerstands“ stützten. In einem zentralistisch organisierten Staat galt die Einnahme der Landeshauptstadt als entscheidender Schritt für einen Regierungssturz. Was in China misslang, wurde anderswo erfolgreich umgesetzt, zuletzt im Jahr 2014 in der Ukraine.

ZUM AUTOR: Bernd Murawski studierte an der FU Berlin Politische Wissenschaft und Mathematik mit den Schwerpunkten Wirtschafts- und internationale Politik sowie Statistik. Nach dem Studienabschluss siedelte er nach Finnland über, wo er als IT-Projektmanager arbeitete. Seit 2014 hat er über einhundert Artikel zu aktuell-politischen und Wirtschaftsthemen verfasst, die auf mehreren Internet-Portalen veröffentlicht wurden.

Lesen Sie morgen:

  • Wie China sich in einen Sozialstaat verwandelt
  • Wie China sich für amerikanische Sanktionen wappnet
  • Wie China Menschenrechte anders interpretiert als der Westen


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