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Mutationen verbreiten sich rasend schnell: Was ist jetzt die richtige Strategie?

Im zweiten Teil seiner großen Corona-Analyse kommt DWN-Autor Michael Bernegger zu einem erschreckenden Fazit.
28.03.2021 11:00
Lesezeit: 4 min
Mutationen verbreiten sich rasend schnell: Was ist jetzt die richtige Strategie?
Der Taifun «Maria» wirbelt mit Geschwindigkeiten von 160 bis fast 200 Kilometer die Stunde riesige Wellen auf. (Foto: dpa)

Hinter diesem teilweise von der angewandten Messtechnik und damit der offiziellen Statistik verzerrtem Erscheinungsbild der offiziell registrierten Fallzahlen vollzieht sich eine dramatische und möglicherweise folgenschwere Entwicklung.

Die aktuelle Phase der Pandemie repräsentiert eine neue Eskalationsstufe mit zunächst im Vereinigten Königreich, in Südafrika und in Brasilien aufgetretenen Mutationen. Erhebliche Veränderungen des Spike-Proteins erlauben dem Virus, sich fester einzubinden und besser und schneller in die Lunge zu gelangen. Die Folgen sind:

  • Deutliche erhöhte Ansteckungsziffern, deutlich erhöhter viraler Ausstoß.
  • Noch nichts Gesichertes ist über die Mortalität bekannt, zu wenig über die Krankheitsbilder. Da aber die Lungeninfektion viel häufiger auftritt, kommt es vermutlich auch zu mehr und schwereren Erkrankungen.
  • Neues Phänomen: Kinder und jüngere Erwachsene sind von erhöhten Ansteckungsraten betroffen, auch mit Einlieferungen in Spitäler.
  • Neues Phänomen: Reinfektionen sind vor allem bei der brasilianischen Variante offenbar verbreitet.
  • Das Risiko besteht darin, dass die erhöhten Ansteckungsziffern bei einem bereits sehr stark ausgelasteten oder sogar strapazierten Gesundheitssystem, vor allem in Spitälern, schneller zu massiven Überlastungen führen. Damit geht dann das Risiko stark erhöhter Mortalität und schwerer Krankheitsverläufe mit bleibenden Schäden einher.

Die drei neuen Varianten (GB, Südafrika, Brasilien) stehen aber keineswegs allein. In den Vereinigten Staaten haben sich eine Kalifornien-, eine Ohio- und eine New-York Variante gebildet, die alle spezifische Merkmale des Spike-Proteins aufweisen. Von japanischen Touristen aus Brasilien eingeschleppt, hat sich eine japanische Variante ausgebildet. Und von Japan aus hat sich eine neue Variante in den Philippinen etabliert, die der Spezialist William Haseltine als Variante dritter Generation der gefährlichen, weil Immunabwehr umgehenden brasilianischen Variante bezeichnet. Nicht alle diese Varianten sind gleich ansteckend oder gefährlich. Ein Rückblick auf ein Jahr Coronavirus-Pandemie offenbart, so seine Schlussfolgerung, dass die Entwicklung entgegen der Erwartungen von Virologen und Epidemiologen verlaufen sei. Einmal ist das Tempo der Mutationen von SARS-COV19 viel höher als bei den anderen, bisher bekannten Coronavirus-Varianten und entspricht durchaus demjenigen der Grippe. Und zum zweiten ist die Richtung verschieden. Ursprünglich war von den meisten Spezialisten erwartet worden, dass sich mit der Ausbreitung des Virus dieser sich allmählich abschwächt und progressiv harmloser wird. Dies ist bisher definitiv nicht der Fall und offenbar auch nicht zu erwarten.

Die Ursachen für die Mutationen sind nicht restlos geklärt. Aber einige Punkte scheinen zentral:

  • Das Virus ist hoch ansteckend, und es genügen wenige unkontrollierte Kontakte, damit es sich schnell ausbreiten kann, dies auch international.
  • Die Bedingungen für Mutationen sind offenbar in Industrie- wie in Schwellenländern günstig. In Schwellenländern sorgen räumliche Enge aufgrund einer hoch konzentrierten, in Riesen-Städten dicht gedrängten Bevölkerung, Massenarmut, mangelnde Hygiene, mangelnde Gesundheitsversorgung für günstige Bedingungen, dass sich das Virus immer wieder replizieren kann. In den USA und in Europa ist es die hohe Mobilität der Bevölkerung, die außerdem im Unterschied zu Asien nicht Pandemie-erprobt ist und vor allem keiner koordinierten Politik folgt beziehungsweise mangels Führung folgen kann.
  • Die Pandemie ist eine weltweite und keine regional beschränkte Entwicklung. Sie sorgt immer wieder für Schwachpunkte im globalen Kontext. Neben den erwähnten strukturellen Faktoren können eine verfehlte Politik wie in Brasilien und den Vereinigten Staaten für Ansatzpunkte sorgen, sich anzupassen und von dort aus regional oder global auszubreiten.
  • Ein zentraler Mechanismus der Mutation scheint eine erfolgreiche lokale oder regionale Teil-Immunität zu sein. Sie zwingt das Virus, sich anzupassen und neue Wege zur Replikation und Ausdehnung zu suchen und zu finden.

Der aktuelle Stand im globalen Kontext

Im globalen Kontext sind bisher vor allem Brasilien und einige seiner Nachbarländer wie Peru oder Chile sowie erhebliche Teile Europas von dieser neuen Welle betroffen. In Europa ist es vor allem die britische Variante, welche sich rasend schnell durchgesetzt hat. In Frankreich waren noch Anfangs Januar erst ein Prozent aller Fälle dieser Variante zuzuordnen, jetzt ist sie dominant und hat einen neuerlichen Schub der Fallzahlen ausgelöst. Berücksichtigt man, dass die Fallzahlen seit Beginn der Pandemie und je nach Land verschieden bis Mitte Januar teilweise überhöht ausgewiesen wurden, so ist das heutige Bild sogar miserabel. Nach einem vollen Jahr der Pandemie sind wir mit einer neuen Welle konfrontiert, die von einem viel höheren Niveau als letzten Sommer ausgeht, und die erheblich ansteckender ist, und möglicherweise schwerere Krankheitsverläufe und höhere Mortalitätsraten mit sich bringen könnte. Kaum haben Länder einigermaßen erfolgreich die letzte Welle unter Kontrolle gebracht, so startet die neue Welle mit hohem Tempo. Die Konsequenz dürfte sein, dass schon mit weniger hohen registrierten Fallzahlen als in der Vergangenheit schnell die Grenzen der Kapazität erreicht sein werden.

Dies betrifft eine Wirtschaft und Gesellschaft, die – anders als vor einem Jahr – bereits beide massiv Corona-geschädigt sind. Vor allem in für Frankreich, teilweise aber auch für Deutschland, zentralen Wirtschaftszweigen wie Transport, Tourismus, Kultur und Einzelhandel. Diese Wirtschaftsbereiche sind durchsetzt von vielen Klein- und Mittelunternehmen. Viele von ihnen haben ihr Eigenkapital aufgebraucht oder sind nahe daran. Eine neuerliche Verschärfung der Krise mit weitergehenden Lockdowns wird einen Sturm von Geschäftsaufgaben, Bankrotten, persönlichen Dramen und Folgewirkung - Arbeitslosigkeit, Kreditkrisen, zerrüttete Staatsfinanzen, potentielle politische Destabilisierung - zeitigen. Die Strategie mit Lockdowns funktioniert nur kurzfristig, um die Fallzahlen temporär zu senken. Dies aber um den Preis enorm hoher wirtschaftlicher, psycho-sozialer und medizinischer Kosten.

Frankreich steht in Europa nicht allein da, Italien ist in einer ähnlichen Lage. Bitter ist die Lage auch in Ostmitteleuropa, in der Tschechischen Republik, in Polen, Ungarn, der Ukraine, der Slowakei. In der Türkei kombiniert sich eine desaströse, von Präsident Erdogan kunstvoll inszenierte Währungskrise mit einer neuen Welle der Ansteckungen. Diese Länder sind vor allem in der zweiten Welle bereits hart getroffen worden und stehen jetzt noch schlechter da, berücksichtigt man die Effekte der Verzerrung. In vielen übrigen Ländern Kontinentaleuropas steigen die Fallzahlen wieder, teils leicht, teils bereits heftig. Global gesehen dürfte jetzt die südliche Halbkugel mit dem Ende der Sommersaison dort eine neue Welle erleben.

Die EU sieht keinen anderen Ausweg und sucht ihr Heil genauso wie die Vereinigten Staaten in einer raschen Durchimpfung der Bevölkerung. Bis dahin sollen mit länder- und regionen-spezifischen Lockdowns die Fallzahlen unter Kontrolle gehalten werden. Mit Risiken und Nebenwirkungen dieser Strategie werden wir uns in den nächsten Artikeln unserer Serie beschäftigen. Die Grundlagen haben dazu wir mit diesem zweiteiligen Artikel gelegt.

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