Politik

Falsche Propheten: Pharma-Lobby blockiert Produktion von generischen Corona-Impfstoffen

Menschenrechtsorganisationen und diverse Länder wollen eine vorübergehende Aussetzung einiger Regeln zum Schutz des geistigen Eigentums, damit Corona-Impfstoffe schnell und günstig produziert werden können. Doch die Pharma-Lobby verhindert das mit allen Mitteln.
26.04.2021 18:15
Aktualisiert: 26.04.2021 18:15
Lesezeit: 3 min
Falsche Propheten: Pharma-Lobby blockiert Produktion von generischen Corona-Impfstoffen
«The Three Vaccines» (Die Drei Impfstoffe), ein Graffiti des italienischen Künstlers TVBoy, Salvatore Benintende, stellt in Anlehnung an «Die drei Grazien» vom italienischen Maler Raffael drei Corona-Impfstoffe als Frauen dar: «Moderna», «Pfizer» und «Astraeneca». (Foto: dpa) Foto: Matthias Oesterle

Die Pharma-Lobby investiert Ressourcen in den wachsenden politischen Kampf um generische Coronavirus-Impfstoffe. Ein Generikum ist in diesem Fall ein Impfstoff, das wirkstoffmäßig mit einem bereits früher zugelassenen Impfstoff übereinstimmt.

Neu eingereichte Offenlegungsformulare aus dem ersten Quartal 2021 zeigen, dass über 100 Lobbyisten mobilisiert wurden, um mit Gesetzgebern und Mitgliedern der Biden-Regierung Kontakt aufzunehmen. Die Pharma-Lobbyisten forderten die Mitglieder der Regierung auf, sich gegen einen vorgeschlagenen vorübergehenden Verzicht der Welthandelsorganisation (WTO) auf Rechte an geistigem Eigentum zu wehren, der Corona-Impfstoffe zulassen und global produzieren lassen würde.

Mehrere von Pharmaunternehmen finanzierte Handelsgruppen haben sich ebenfalls stark darauf konzentriert, den Vorschlag zu vereiteln. Die US-Handelskammer, der Business Roundtable und die International Intellectual Property Alliance, die alle Geld von Pharmaunternehmen erhalten, haben Dutzende Lobbyisten entsandt, um sich der Initiative zu widersetzen, enthüllt der investigative Journalist Lee Fang in einem Beitrag für „The Intercept“.

In der vergangenen Woche veröffentlichte US-Senator Thom Tillis einen Brief, in dem er forderte, dass die Regierung „sich jeglichen Bemühungen zum Verzicht auf Rechte an geistigem Eigentum widersetzt“. Howard Dean, der frühere Vorsitzende des Demokratischen Nationalkomitees, hat den Generika-Vorschlag ebenfalls kritisiert und viele der Argumente der Pharmaindustrie wiederholt.

Derzeit gehen nur ein Prozent der Coronavirus-Impfstoffe in Länder mit niedrigem Einkommen, und Prognosen zufolge wird ein Großteil der Weltbevölkerung möglicherweise erst 2023 oder 2024 geimpft. Als Reaktion darauf hat eine von Indien und Südafrika angeführte Koalition von Ländern eine Petition bei der WTO eingereicht, um die Rechte an geistigem Eigentum an Medizinprodukten im Zusammenhang mit Coronaviren vorübergehend aussetzen zu lassen, damit Generika schnell hergestellt werden können. „Patente sollten aufgehoben werden, technologisches Wissen sollte frei und offen geteilt werden und ein Profitieren von dieser Pandemie verboten werden“, heißt es laut dem „Ärzteblatt“ in der Petition.

Die Ausnahmeregelung fordert eine Aussetzung der Durchsetzung des geistigen Eigentums gemäß dem TRIPS-Vertrag (Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights). Wenn dies gewährt wird, könnten lokalen pharmazeutischen Betrieben Zwangslizenzen zur Herstellung von Coronavirus-Impfstoffen erteilt werden, ohne dass die Gefahr besteht, vom Lizenzinhaber verklagt zu werden.

Doch die großen Pharma-Konzerne versuchen dies mit aller Macht zu verhindern. „Die Verknappung von Impfstoffen ist nicht auf geistiges Eigentum zurückzuführen, sondern auf bedauerliche Produktions- und Vertriebsherausforderungen“, schrieb Michelle McMurry-Heath, die Präsidentin der „Biotechnology Innovation Organization“, die Moderna, Pfizer und Johnson & Johnson vertritt, für das Blatt „The Economist“.

Die Petition, so argumentiert sie, gehöre zu den leeren Gesten, die die Kosten und die Verantwortung wieder auf den Schoß der bedürftigsten Länder legen. Eine bessere Lösung, so McMurry-Heath, wäre die Fortsetzung des Ansatzes von COVAX, einer gemeinnützigen Organisation, die von Bill Gates unterstützt wird und den Kauf und die Spende von Impfstoffen für die Entwicklungsländer erleichtert.

Globale Aktivisten für öffentliche Gesundheit bleiben jedoch skeptisch. „Die Lobbyisten der Pharmaunternehmen sagen, dass der TRIPS-Verzicht das Angebot an Impfstoffen nicht erhöhen wird, aber wenn das stimmt, warum lehnen sie es ab? Weil sie glauben, dass in Wirklichkeit die Produktion gesteigert wird“, so James Love, Direktor von Knowledge Ecology International, einer Gruppe, die die Petition zum Verzicht unterstützt. Love wörtlich: „Der Verzicht (vorübergehender Verzicht auf das geistige Eigentum, Anm.d.Red) selbst ist aus rechtlicher Sicht am wichtigsten, um zwei restriktive Bestimmungen zu beseitigen, die sich beide mit Exporten befassen. Aus politischer Sicht ist es wichtiger, grünes Licht für die Nutzung der bestehenden Zwangslizenzbehörde zu geben und die Impfstoffhersteller unter Druck zu setzen, um mehr freiwillige Vereinbarungen zu treffen.“

Während der freiwillige COVAX-Ansatz darauf abzielt, zwei Milliarden Impfstoffdosen bereitzustellen, wurde die Initiative von Verzögerungen und Unterfinanzierung geplagt und hat nur 40 Millionen Dosen ausgeliefert, berichtet die Weltgesundheitsorganisation (WHO) auf ihrer Webseite. Brook K. Baker, ein Rechtsprofessor an der Northeastern University und Senior Policy Analyst bei Health GAP, stellte ebenfalls fest, dass die Pharmaindustrie offenbar eine „Gegenoffensive“ gegenüber den wachsenden Forderungen nach dem TRIPS-Verzicht macht.

„Diese Industrie wird alles tun, um ihr geistiges Eigentum und ihre Geschäftsgeheimnisse zu schützen, auch wenn sie den Impfstoffbedarf in Entwicklungsländern nicht decken kann und auch nicht wird“, so Baker.

Die NGO „Corporate Europe Observatory“ kritisiert: „Die eigennützigen Argumente, die große Pharma-Lobbyisten bei Treffen mit der Europäischen Kommission zur Verteidigung der Monopolrechte für geistiges Eigentum an Impfstoffen vorbrachten, sind nachweislich falsch.“

Als Lobby-Organisation der Pharma-Industrie in „Europa ist die European Federation of Pharmaceutical Industries and Associations“ (EFPIA) zu identifizieren. Problematisch ist auch, dass die aktuelle Direktorin der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA), die für die Impfstoffzulassung verantwortlich ist, zuvor für die EFPIA tätig gewesen ist (HIER).

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street schließt tiefer, da Schwäche im Tech-Sektor das Anlegervertrauen erschüttert
28.04.2026

Wachsende Unsicherheiten und unerwartete Wendungen halten die Finanzwelt in Atem – was Anleger jetzt über die aktuellen Marktbewegungen...

DWN
Technologie
Technologie USB-C wird Pflicht: EU zwingt Laptop-Hersteller zum neuen Standard
28.04.2026

Die EU schreibt USB-C ab heute als Pflichtanschluss für alle neuen Laptops vor und beendet damit eine jahrelange Übergangsphase. Für...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Atomaktien im Aufwind: Energiekrise setzt US-Börsen unter Druck
28.04.2026

Die US-Börsen stehen trotz geopolitischer Spannungen auf hohem Bewertungsniveau, während Atomaktien durch neue Sorgen um die...

DWN
Politik
Politik Richard Moore sieht globale Risiken: Spannungen setzen Europa unter Druck
28.04.2026

Die Aussagen von Ex-MI6-Chef Richard Moore zeichnen ein ungewöhnlich offenes Bild der aktuellen Weltlage zwischen Ukrainekrieg,...

DWN
Politik
Politik Vereinigte Arabische Emirate verlassen Opec
28.04.2026

Die massiven Einnahmen aus dem Ölexport haben den Emiraten über Jahrzehnte Macht und Wohlstand verschafft. Nun kündigen sie den Austritt...

DWN
Panorama
Panorama Weniger Zuckerbrot, mehr Peitsche: Regierung plant Zuckerabgabe und höhere Steuern
28.04.2026

Die Bundesregierung greift zu neuen Einnahmequellen und plant eine Zuckerabgabe – während Ausgaben und Schulden steigen. Gleichzeitig...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Aldi Süd baut mehr als 1.200 Stellen ab
28.04.2026

Aldi Süd treibt den Umbau voran und streicht 1.250 Stellen – vor allem in der IT. Der Einschnitt zeigt, wie hart selbst Discounter...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Thomas Schäfer vor Bewährungsprobe: Volkswagen Pkw kämpft mit Kostendruck
28.04.2026

Volkswagen Pkw steht vor einem tiefgreifenden Umbau, der Kosten, Elektromobilität und wachsenden Wettbewerbsdruck aus China zugleich...