Weltwirtschaft

Keine Ende in Sicht: Die Rohstoffpreise steigen immer weiter - und treiben die Inflation

Lesezeit: 6 min
04.07.2021 17:21  Aktualisiert: 04.07.2021 17:21
Der massive Anstieg der Rohstoffpreise seit dem letzten Jahr erinnert an den Beginn des letzten Superzyklus zu Beginn des Jahrtausends.
Keine Ende in Sicht: Die Rohstoffpreise steigen immer weiter - und treiben die Inflation
Der ausgelastete Markt macht es nötig, dass selbst ältere Schiffe in Betrieb gehalten werden müssen. (Foto: dpa)

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Die steigenden Rohstoffpreise sind eine der wichtigsten ökonomischen Entwicklungen der letzten Monate. Bereits seit Mitte letzten Jahres hält der Preisschub die Wirtschaft in Atem. Denn praktisch alle Rohstoffpreise verzeichnen im Jahresvergleich Anstiege von über 50 Prozent.

Die Rohstoffpreise haben einen erheblichen Einfluss auf die Lebenshaltungskosten, da sie die Preise für Brennstoffe, Energie, Lebensmittel und Bauvorhaben maßgeblich beeinflussen. Zudem bietet der laufende Rohstoff-Boom Investment-Chancen und wirft dringende Fragen im Hinblick auf Deutschlands Abhängigkeit von zu importierenden Rohstoffen auf.

Doch wer sind eigentlich die riesigen globalen Konzerne, welche die dringend benötigten Rohstoffe aus der Erde holen, wie arbeiten sie, und wie werden die Rohstoffe gehandelt? Welche Folgen hat der starke Anstieg der Rohstoffpreise und was lässt sich daraus möglicherweise für die Zukunft der Weltwirtschaft ablesen? Droht notwendigerweise eine starke Inflation oder gar eine Hyperinflation oder ein Crash des Geldsystems? Das sind einige der Fragen, denen wir in der aktuellen Ausgabe unseres Magazins mit dem Titel "Rohstoffe: Steht die Welt vor einer neuen Krise?" nachgehen wollen.

Im Mai ist der Bloomberg Commodity Spot Index, der die Preise für 23 Rohstoffe abbildet, auf den höchsten Stand seit 2011 gestiegen. Dieser Anstieg ist umso bemerkenswerter, als der Index noch im März letzten Jahres auf ein Vier-Jahres-Tief gefallen war. Doch seitdem haben sich Rohstoffe massiv verteuert. Denn einige große Volkswirtschaften haben sich vom Einbruch im letzten Jahr erholt. Da die Produktion wieder anzieht, sind zum Beispiel Metalle wieder stärker gefragt. Und dass wieder mehr Autofahrer auf den Straßen unterwegs sind, trägt zum Anstieg der Energiepreise bei.

Auch meldeten die Getreidehändler im Mai historische Preisanstiege. Die Preise für Getreide wie Mais, Weizen und Zucker sind auch wegen der Trockenheit in Brasilien, den USA und Europa so stark gestiegen. Vor allem die starke Nachfrage aus China verschlingt derzeit die Vorräte. Indes haben Hedge-Fonds ihre bullischen Wetten auf Rohstoffe verstärkt, was auf eine kommende stärkere Inflation hindeutet. Die rasant steigenden Rohstoffkosten verteuern praktisch alle Waren, von Häusern über Lebensmittel bis hin zu Gütern des täglichen Bedarfs. Dies schürt die Angst vor einer Inflation und ist darüber hinaus ein Dämpfer für das Wirtschaftswachstum.

Ein entscheidender Treiber der Rohstoffpreise sind auch die staatlichen Konjunkturprogramme, die längst nicht mehr in Milliarden, sondern in Billionen Dollar beziffert werden, sowie die Zusagen der Politik, im großen Stil in vermeintlich klimaschonende Technologien zu investieren. Denn um Solaranlagen, Windturbinen und Elektrofahrzeuge zu produzieren, bedarf es enormer Mengen Rohstoffe. Das für die extremen Ausgabenprogramme im Zuge von Corona nötige Geld wird von den Zentralbanken gedruckt, und die dadurch stark erhöhte Nachfrage treibt die Rohstoffpreise.

Rohstoffe könnten in den kommenden sechs Monaten um weitere 13,5 Prozent steigen, wobei Öl einen Preis von 80 Dollar pro Barrel und Kupfer einen von 11.000 Dollar pro Tonne erreichen könnte, sagte Goldman Sachs in einem Bericht von Ende April. Die Nachfrage nach Rohöl wird der US-Investmentbank zufolge in den nächsten sechs Monaten so stark ansteigen wie niemals zuvor, da sich die Mobilität infolge der verstärkten Impfungen weltweit wieder erhöhen werde.

„Der Anstieg der Rohstoffpreise im vergangenen Jahr garantiert nun eine höhere Warenpreisinflation in diesem Sommer“, sagte der Datenanbieter IHS Markit in einem Bericht vom 29. April. In den nächsten Monaten würden die Inflationsraten in mehreren großen Staaten auf Stände ansteigen, wie man sie seit fast zehn Jahren nicht mehr gemessen hat.

Zwar haben sich Rohstoffe bereits stark verteuert und werden sich wohl auch weiter verteuern, doch ist dies nicht unbedingt der Beginn eines weiteren Superzyklus, also einer längeren Periode mit hohen Rohstoffpreisen. Während des letzten Superzyklus im ersten Jahrzehnt des Jahrhunderts trieb Chinas rasante Industrialisierung die Rohstoffpreise in die Höhe. In den nächsten Jahren hingegen wird die Nachfrage nach Rohstoffen nicht derart stark steigen, da reichlich freie Kapazitäten die Energiepreise in Schach halten dürften, schreibt Stephen Hare von "Oxford Economic" in einem Bericht vom April.

Ähnlich sehen es auch die Analysten von JPMorgan Chase. Sie schreiben, dass die Welt bald beginnen werde, sich von Gütern auf Dienstleistungen umzustellen, was die Nachfrage nach Metallen für die Herstellung von Haushaltselektronik und Küchengeräten reduzieren werde. Eisenerz, das vor kurzem einen Rekordwert erreichte, könnte laut "Capital Economics" bis zum Jahresende sogar um etwa 20 Prozent von den aktuellen Niveaus zurückgehen, und Kupfer, das im April die Marke von 10.000 Dollar pro Tonne überschritten hat, werde im vierten Quartal auf etwa 8.250 Dollar fallen.

Die zuletzt starke Nachfrage nach Rohstoffen hat dazu geführt, dass die Schifffahrt so teuer geworden ist wie seit zehn Jahren nicht mehr. Denn riesige Mengen Sojabohnen oder Holz konkurrieren mit ebenfalls stark nachgefragter Kohle und mit Eisenerz. Noch vor einem Jahr lag die Schifffahrt auf den Knien. Nun hat der Rohstoffboom die Branche wiederbelebt.

„Die Industrie füllt ihre Lager sowohl mit Fertigprodukten als auch mit Rohstoffen auf, was die Frachtbewegungen ankurbelt. Die Volumina liegen über dem Niveau vor der Pandemie“, zitiert Bloomberg Burak Cetinok, den Leiter der Forschungsabteilung bei der Arrow Shipping Group. „In den letzten zwölf Monaten wurde die Nachfrage nach Massengutfrachtern vor allem von China angetrieben, aber jetzt hat sich auch der Rest der Welt mit einer starken Erholung der Nachfrage nach industriellen Rohstoffen angeschlossen.“

Der Baltic Dry Index, ein Maß für die Kosten des Transports von landwirtschaftlichen Erzeugnissen bis hin zu Rohstoffen, erreichte im Mai ein neues 11-Jahres-Hoch. Das Wachstum im Bauxit-, Kohle- und Getreidehandel, unterstützt durch die anziehende globale und chinesische Nachfrage nach kleineren Erzen und anderen Massengütern, wird das Angebot an verfügbaren Schiffen knapp halten und kurzfristig die Preise im Frachtmarkt anheizen, sagt Abhinav Gupta, ein Analyst bei Braemar ACM Shipbroking.

Die starke Nachfrage nach Rohstofftransporten hat die Kosten in die Höhe getrieben und somit auch den Baltic Dry Index, der die wichtigsten Klassen des Rohstofftransports abdeckt. „Der Index ist bemerkenswert gestiegen, unterstützt durch das Wachstum des Seehandels mit Rohstoffen, das die Rallye der Frachtraten für alle Segmente der Trockenschifffahrt, insbesondere für größere Schiffe, angeheizt hat“, so Gupta.

Der Aufschwung markiert eine deutliche Trendwende in einem Bereich der Schifffahrtsindustrie, in dem die Preise vor weniger als zwölf Monaten auf ein Vier-Jahres-Tief gefallen waren. Während der Finanzkrise hatten die Reedereien enorme Überkapazitäten aufgebaut, was die Frachtraten in der Folge niedrig hielt.

Doch im Moment ist der Markt so stark, dass die Eigner selbst ältere Schiffe in Betrieb halten, die sonst vielleicht abgewrackt worden wären, sagt Peter Sand, Chefanalyst für Schifffahrt bei Bimco, dem weltweit größten internationalen Schifffahrtsverband. „Derzeit läuft für die Massengutfrachter alles in die richtige Richtung“, so Sand. Chinas Einkäufe würden darüber entscheiden, wie lange der Rohstoff-Boom anhält.

Sollten sich die Rohstoffpreise irgendwann wieder abkühlen, so könnten die Frachtpreise einer der ersten Indikatoren dafür sein, sagt Colin Hamilton, Analyst bei BMO Capital Markets, und weiter: „Wir betrachten den Frachtmarkt als einen wichtigen Markt, den wir inmitten hoher Preise auf Anzeichen eines möglichen Nachfrageeinbruchs beobachten sollten.“


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