Politik

Keine Konfrontation mehr: Der Westen sollte China entgegenkommen

In einem meinungsstarken Artikel schreiben Andrew Sheng und Xiao Geng, dass die USA 330 Millionen Einwohner haben, aber auch für die restlichen 7,5 Milliarden die Regeln festlegen wollen. Amerika müsse sich endlich verhandlungsbereit zeigen, betonen sie - und fordern Verhandlungen mit China statt Konfrontation.
18.07.2021 10:00
Lesezeit: 4 min
Keine Konfrontation mehr: Der Westen sollte China entgegenkommen
Der mit knapp vier Milliarden Dollar teuerste Bahnhof der Welt, der "Oculus" in New York, leuchtet am 12. Februar dieses Jahres anlässlich des bevorstehenden chinesischen Neujahrsfests in Rot und Gold (die Farben der chinesischen Flagge). (Foto: dpa) Foto: Wang Ying

In ihrer jüngsten Verlautbarung haben die NATO-Staatschefs erklärt, China sorge für „systemische Herausforderungen der regelbasierten internationalen Ordnung“. Die Antwort der chinesischen EU-Vertretung war klar: „Wir stellen keine ‚systemische Herausforderung’ für irgendjemanden dar, aber wenn jemand eine ‚systemische Herausforderung’ für uns sein will, werden wir nicht gleichgültig bleiben.“ Eine solche konfrontative Rhetorik ist unnötig, und der größte Teil der Weltbevölkerung will wahrscheinlich nicht, dass sie eskaliert. Aber eine Eskalation ist genau das, was von Tag zu Tag wahrscheinlicher wird.

Dies liegt größtenteils daran, dass China einer der wenigen Politikbereiche ist, in denen US-Präsident Joe Biden den Ansatz seines Vorgängers Donald Trump weitgehend übernommen hat: strenger Wettbewerb, Zusammenarbeit nur wenn unbedingt notwendig und Konfrontation wenn nötig. Also scheint China, wie seine Antwort auf die NATO-Verlautbarung andeutet, seine eigene dreistufige Reaktion entwickelt zu haben: nicht nach einem Kampf suchen, keine Angst haben, zu kämpfen, und zu kämpfen, wenn nötig.

Die NATO ist keinesfalls das einzige Forum, in dem Biden den US-Ansatz vorantreibt. Auch auf dem jüngsten G7-Gipfel und bei einem Treffen mit EU-Staatschefs hat er versucht, seine Verbündeten zu überreden, eine gemeinsame Front gegen China (und Russland) aufzubauen.

US-Senator Bernie Sanders hat das Problem erkannt: Kürzlich warnte er, die politische Elite der USA schlage, wenn sie China als existenzielle Bedrohung bezeichnet, „die Trommeln“ für einen neuen Kalten Krieg, bei dem es keinen Gewinner geben wird. Wie er es ausdrückt, wäre die Ausrichtung der US-Außenpolitik auf eine „globale Nullsummenkonfrontation mit China politisch gefährlich und strategisch kontraproduktiv“.

Tatsächlich ist der amerikanische Ansatz gegenüber China fehlerhaft – er wurzelt in einem anhaltenden Glauben an das Konzept einer absoluten nationalen Sicherheit. Dies mag zwar für die Vereinigten Staaten in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg – als das Land an der Spitze einer unipolaren Weltordnung stand – ein vernünftiges Ziel gewesen sein, ist aber im heutigen multipolaren System nicht mehr realistisch.

In der heutigen Welt ist der Versuch, Länder mit unterschiedlichen Werten oder Systemen „einzuhegen und zu konfrontieren“, anstatt eine neue Weltordnung auszuhandeln, in der auch sie ihren Platz haben, ein sicherer Weg in den Konflikt. Auf jeden Fall behindert dieser Ansatz die Möglichkeit, bei gemeinsamen Problemen wie dem Klimawandel zusammen hilfreiche wirtschaftliche Maßnahmen zu treffen. Wie ein Sprecher der chinesischen Botschaft in London nach dem G7-Gipfel bemerkte: „Die Tage, in denen globale Entscheidungen von einer kleinen Gruppe von Ländern diktiert wurden, sind längst vorbei.“

Aber das Problem liegt tiefer: Sogar innerhalb dieser „kleinen Gruppe von Ländern“ spiegeln Entscheidungen wie das Werben für einen Konflikt mit China nicht notwendigerweise den Willen der Mehrheit wider. Wie Joseph E. Stiglitz einmal bemerkt hat, wirken die USA heute nicht mehr wie eine repräsentative Demokratie, sondern eher wie eine Plutokratie – in der das oberste Prozent der Einkommensverdiener einen Großteil der öffentlichen Politik zu ihren Gunsten beeinflussen kann.

Bringt das oberste Prozent eines Landes, das gerade mal knapp über vier Prozent der Weltbevölkerung vertritt, die zwei weltgrößten Volkswirtschaften in Konflikt miteinander, wird die ganze Welt erheblich darunter leiden, und die überwiegende Mehrheit der Menschen hat dabei kein Mitspracherecht. Würden die USA und ihre westlichen Verbündeten ernsthaft an Demokratie glauben, sollten sie diesen Umstand inakzeptabel finden.

Ein besserer Ansatz – der auch die Werte widerspiegelt, die die westlichen liberalen Demokratien laut ihrer Aussage achten – würde die Interessen der „einen Erde“ berücksichtigen, die nicht nur die gesamte Menschheit umfasst, sondern auch den Planeten, von dem wir abhängen. Dies bedeutet, unsere Perspektive über die nationale Sicherheit hinaus zu erweitern, um globale Sicherheit – das heißt den größten Vorteil für die größte Anzahl – anzustreben. Und darüber hinaus zu gewährleisten, dass alle Menschen hinsichtlich unserer gemeinsamen Zukunft ein Mitspracherecht haben.

Wir argumentieren nicht für eine Weltregierung. Die Natur- und Sozialwissenschaften haben bewiesen, wie empfindlich Monokulturen sind. Ebenso wie in der Natur bringt die Vielfalt der menschlichen Zivilisation Stabilität und Fortschritt. Sogar Wettbewerb kann eine gute Sache sein, aber nur dann, wenn er durch effektive Zusammenarbeit ergänzt wird und Gewalt gegen Menschen oder die Umwelt vermeidet.

Wie also könnte ein System der Einen Erde verwirklicht werden? Entscheidend sind Feedback-Mechanismen von unten nach oben, die durch Technologie möglich werden. Das Ziel muss sein, die Bunker zu brechen, die die globale Elite mit ihrer abstrusen Rhetorik seit langer Zeit errichtet. So könnten mehr Menschen – mit Fachkenntnissen in mehr Bereichen – zur Debatte beitragen.

Der Nutzen eines solchen Ansatzes wird durch die Spannungen offensichtlich, die zwischen traditionellem wirtschaftlichen Denken – das sich auf immer mehr Konsum, Investitionen und Wachstum konzentriert – und ökologischen Notwendigkeiten wie der Verringerung von Treibhausgasen und dem Schutz der Artenvielfalt bestehen. In einem System der Einen Erde kann mehr von „einer guten Sache“ häufig sehr schlecht sein.

Dieser überkommene, trennende Ansatz spiegelt sich auch in dem oberflächlichen Narrativ wider, die USA und China seien in einem „Zusammenprall der Zivilisationen“ gefangen. Kaiserreiche prallen zusammen, aber Zivilisationen sollten „zivil“ miteinander umgehen – nicht zuletzt, weil wir alle die gleiche Erde miteinander teilen.

Dazu müssen die Politiker über einen engen Fokus auf nationale Sicherheit hinausgehen und umfassende, inklusive Diskussionen darüber führen, wie globale Sicherheit in Form von Frieden, Stabilität, angemessener Ernährung und ökologischer Nachhaltigkeit erreicht werden kann. Aber zuerst müssen die USA damit aufhören, China einzuhegen, und damit beginnen, das Land einzubeziehen.

Aus dem Englischen von Harald Eckhoff

Copyright: Project Syndicate, 2021.

www.project-syndicate.org

Zu den Autoren:

Andrew Sheng lehrt am "Asia Global Institute" der Universität Hong Kong. Er hat hochrangige Positionen in der Wirtschaft von China, Hong Kong sowie Malaysia innegehabt. 2013 wurde er vom "Times Magazine" in dessen Liste der "100 einflussreichsten Menschen der Welt" aufgenommen.

Xiao Geng ist Leiter des Think Tanks "Hong Kong Institution for International Finance" sowie Direktor des "Instituts zur Erforschung der Maritimen Neuen Seidenstraße" der Universität Peking.

Lesen Sie am nächsten Sonntag den Artikel von Melvyn Krauss, der eine ganz andere Meinung vertritt: "Biden hat es geschafft - die Einheitsfront gegen China steht"

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