Deutschland

Historischer Einbruch: Junge Leute beginnen wegen Corona keine Ausbildung

Weniger Köche, Friseure und Hotelfachleute: Branchen, die unter Lockdowns leiden, verbuchen immense Nachwuchsrückgänge.
11.08.2021 16:25
Lesezeit: 3 min

Die Corona-Pandemie hat tiefe Spuren am Ausbildungsmarkt in Deutschland hinterlassen. Die Unsicherheit über die Wirtschaftskrise und lange Lockdowns führten 2020 zu einem historischen Rückgang bei der Zahl neuer Ausbildungsverträge. Vor allem in von den Corona-Maßnahmen hart getroffenen Branchen wie der Gastronomie und dem Tourismus fiel die Zahl der Azubis um Tausende, teilte das Statistische Bundesamt am Mittwoch mit. Während die Opposition wegen fehlender Lehrlinge vor einem Fachkräftemangel warnt, fordern Gewerkschaftsvertreter eine Ausbildungsgarantie.

Im Krisenjahr 2020 wurden demnach 465 700 Verträge für eine duale Berufsausbildung geschlossen - 47 600 oder 9,3 Prozent weniger als 2019. Das sei der größte prozentuale Rückgang seit Beginn der Zeitreihe 1977, erklärte die Statistiker nach endgültigen Zahlen.

«Die Zahl der Neuverträge befindet sich auf einem historischen Tiefstand. Noch nie seit Beginn der Statistik vor über 40 Jahren hat es in einem Jahr weniger als 500 000 neue Azubis gegeben», berichtete Rotraud Kellers aus dem für die Berufsbildungsstatistik zuständigen Referat im Statistischen Bundesamt.

In Industrie und Handel sank die Zahl der Neuabschlüsse 2020 am stärksten mit fast zwölf Prozent oder 36 000 weniger neuen Azubi-Verträgen. Die größten Rückgänge gab es bei Tourismuskaufleuten mit fast zwei Dritteln (-61,1 Prozent), gefolgt von Hotelfachmännern- und -frauen (-31 Prozent) und Köchen (-19,8 Prozent). Allein bei diesen Berufen gab es in Summe gut 5000 weniger neue Lehrverträge.

Im Handwerk fiel der Rückgang mit minus 6,5 Prozent oder 9000 weniger neuen Verträgen geringer aus. Jedoch schlossen allein 1700 weniger junge Menschen eine Lehre zum Friseur oder zur Friseuse ab (-18,6 Prozent). Friseursalons zählten wegen langen Schließungen zu den größten Verlierern der Corona-Krise. Mehr Azubis gab es am boomenden Bau bei Dachdeckern (+3,9 Prozent) und Zimmerern (+11,7) sowie bei Zweiradmechatronikern (+13,1), etwa in Fahrradgeschäften. In absoluten Zahlen fallen sie aber weniger ins Gewicht.

Der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) bekräftigte angesichts der gesunkenen Zahlen seine Forderung nach einer Ausbildungsgarantie. «Es zerreißt unsere Gesellschaft, wenn mehr als zwei Millionen junge Menschen keine Ausbildung finden und gleichzeitig Betriebe über unbesetzte Ausbildungsplätze klagen», sagte die stellvertretende DGB-Vorsitzende Elke Hannack der Deutschen Presse-Agentur.

Eine Ausbildungsgarantie nach dem Vorbild Österreichs sei für einen neuen Koalitionsvertrag ein Muss. In Österreich wird allen Jugendlichen, die keine Lehrstelle in einem Betrieb finden, ein außerbetrieblicher Ausbildungsplatz zugesichert. Auch Pascal Meiser, gewerkschaftspolitischer Sprecher für Die Linke im Bundestag, sprach sich für eine Ausbildungsgarantie aus - finanziert über eine Umlage.

Der Ausbildungsmarkt ist seit längerem ein Sorgenkind der Bundesagentur für Arbeit (BA) - auch im Jahr zwei der Corona-Krise. Junge Menschen und Betriebe finden nur schwer zusammen. Hauptsächlich wegen ausgefallener Praktika und eingeschränkter persönlicher Kontakte habe es während der Corona-Krise einen starken Rückgang der Bewerber gegeben, sagte BA-Vorstandsvorsitzende Detlef Scheele dem «Bayerischen Rundfunk» (Mittwoch). Bei den Ausbildungsplätzen sei nur ein moderater Rückgang zur Zeit vor der Pandemie festzustellen. Scheele wies darauf hin, dass auch nach Beginn des Ausbildungsjahres am 1. September Vermittlungen möglich seien bis ins neue Jahr hinein.

Für das neue Ausbildungsjahr sah die Bundesagentur zuletzt zunehmende Aufhellung. Erfahrungsgemäß gebe es über Sommer viel Bewegung. Von Oktober 2020 bis Juli 2021 hätten sich bei den Jobcentern 404 000 Bewerber gemeldet, 35 000 weniger als im Vorjahreszeitraum. Im Juli waren 127 000 junge Leute noch nicht mit einer Lehrstelle versorgt.

Um die Folgen der Pandemie abzufedern, hat die Bundesregierung Azubi-Prämien von bis zu 6000 Euro je Ausbildungsvertrag aufgelegt. Trotzdem könnte laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung von Februar jeder zehnte ausbildungsberechtigte Betrieb dieses Jahr weniger Lehrstellen anbieten als im Vorjahr.

Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga appellierte an die Politik, dafür zu sorgen, dass es bei einer kurzen «Corona-Delle» bleibe. «Der Rückgang bei den Ausbildungsverträgen erfüllt uns mit Besorgnis», sagte Dehoga-Geschäftsführerin Sandra Warden. In der Branche fehlen mancherorts Köche, Servicekräfte und Restaurantmitarbeiter - zahlreiche Menschen wechselten angesichts der Corona-Krise den Job. Die Bundesregierung müsse in den nächsten Wochen die Grundlagen für die dauerhafte Öffnung der Betriebe schaffen, meint Warden. «Junge Menschen wie Unternehmen brauchen Vertrauen in die Zukunft.»

Die nächste Bundesregierung müsse eine Ausbildungsoffensive auf den Weg bringen, forderte Jens Brandenburg, Sprecher für berufliche Bildung der FDP-Bundestagsfraktion. «Fehlende Azubis von heute sind der Fachkräftemangel von morgen.» Nötig seien Azubi-Botschafter in Schulen und mehr Mobilitätshilfen wie Azubitickets und Wohnheime.

Teil des Problems seien fehlende Interessenten für Ausbildungsplätze, meint der Arbeitgeberverband Gesamtmetall. Der starke Einbruch bei Lehrverträgen in der Metall- und Elektro-Industrie 2020 habe vor allem an der historisch niedrigen Bewerberzahl gelegen. Dieses Jahr dürfte mit der Konjunkturerholung der Bedarf an Fachkräften steigen.

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