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Türkisches E-Commerce-Startup sammelt anderthalb Milliarden Dollar ein - und rückt weltweit zum Tech-Star auf

Der E-Commerce gehört zu den Branchen, die sich sehr dynamisch entwickeln. Jetzt macht ein Land auf sich aufmerksam, das bisher keiner auf der Rechnung hatte.
30.08.2021 16:53
Aktualisiert: 30.08.2021 16:53
Lesezeit: 3 min

„Angesichts der jungen Bevölkerung und des erstklassigen Humankapitals verfügt die Türkei über ein enormes Wachstumspotenzial. Wir werden unser starkes Team, unsere technologischen Fähigkeiten von Weltrang und die Stärken der Türkei in den Bereichen Produktion und Logistik nutzen, um ein führender Akteur in Europa, dem Mittleren Osten und Asien zu werden und neue Exportkanäle für türkische Händler und Hersteller zu schaffen."

Das sagte Evren Ucok, der Vorstandsvorsitzende von "Trendyol", der größten E-Commerce-Plattform in der Türkei. Sein Startup hat gerade in einer neuen Finanzierungsrunde weitere 1,5 Milliarden Dollar eingesammelt. Zu den Geldgebern des Anbieters aus Istanbul gehören die US-Fonds General Atlantic und Princeville Capital, das auch in Berlin ein Büro unterhält, sowie drei weitere internationale Investoren. Damit vergrößert sich der Wert des Unternehmens auf 16,5 Milliarden Dollar. Der Hauptanteilseigner, die chinesische Alibaba, hat bereits im März eine Finanzspritze von 350 Millionen Dollar verabreicht.

So avanciert "Trendyol" zum ersten türkischen Decacorn - also einem Startup, das eine Bewertung von mehr als zehn Milliarden Dollar aufweist. Doch das ist noch nicht alles: Die Türken landen so weltweit in der Rangliste der wertvollsten E-Commerce-Startups auf dem elften Platz - gemeinsam mit der E-Learing-Plattform "BYJU'S" aus Indien.

Die Tabelle wird von "Bytedance" angeführt - einem Entwickler mobiler Applikationen aus Peking. Sein Wert: 140 Milliarden Dollar. Das geht aus einem Ranking hervor, das das Portal "explodingtopcics.com" aufgestellt hat. Danach platziert sich "Stripe" aus San Franzisco, einem Hersteller für Software zur Onlinebezahlung (rund 95 Milliarden Dollar), gefolgt von "SpaceX", einem Raketenproduzenten aus Kalifornien (74 Milliarden Dollar).

"Trendyol" eines von nur 30 Decacorns weltweit

Die Türken sind zwar von diesen Bewertungen noch sehr weit weg. Doch alleine die Tatsache, dass sie in der Tabelle aufgeführt werden, ist ein großer Erfolg. Denn weltweit gibt es derzeit gerade einmal 30 Startups, die eine Bewertung von mehr als zehn Milliarden Dollar haben. In der Regel sind die Unternehmen wesentlich niedriger bewertet. Und "Unicorns" - also Startups mit mehr als einer Milliarde Dollar - finden sich auch nicht so viele. Schätzungen zufolge dürften es so zwischen 600 und 700 sein - und das über den ganzen Globus verteilt.

Dabei ist "Trendyol", das 2010 gegründet worden ist, nicht die einzige E-Commerce-Plattform aus dem Land am Bosporus, das derzeit von sich reden macht. Auch "Getir" und "Hepsiburada" haben sich dort schon längst etabliert und weisen Bewertungen in Milliarden-Dollar-Höhe auf. "Wie die Türkei ein Star der Europäischen Technologie geworden ist", bejubelte unlängst kein geringeres Blatt als die "Financial Times" die Entwicklung der türkischen Firmen.

Den Berechnungen der Zeitung zufolge ist der Anteil des E-Commerce am Einzelhandel in den vergangenen drei Jahren von drei auf zehn Prozent spürbar gestiegen. Hier hat natürlich auch die Pandemie massiv geholfen. Doch ist die Türkei grundsätzlich ein Land, das stark wächst - genauso, wie es der Vorstandsvorsitzende Evren Ucok auch gesagt hat.

Die türkische Wirtschaft ist im zweiten Quartal wohl im Jahresvergleich um 22 Prozent gestiegen. Davon gehen Volkswirte aus, die Reuters befragt hat. Ein gewichtigen Anteil daran hat traditionsgemäß der Konsum, also der Einzelhandel. Mit einem Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 700 Milliarden Dollar würde es unter den europäischen Ländern so auf den sechsten oder siebten Platz liegen - hinter der Schweiz und den Niederlanden.

Es gibt rund 80 Millionen Konsumenten, deren Zahl sich wahrscheinlich in den kommenden Jahren vergrößert. Denn die Bevölkerung wächst - anders als in den westlichen Ländern.

Doch nicht nur die Türkei selbst, sondern auch westliche Länder könnten ein lukrativer Absatzmarkt für die Plattform sein. So sind die Türken bereits in Deutschland aktiv. Ihre Waren werden ohne Gebühren aus der Türkei in die größte Volkswirtschaft der EU an die deutschen Kunden geliefert. Und dort lebt bereits eine riesige Gemeinde von Landsleuten, die dort teilweise geboren sind. Sie dürften potenziell wichtige Abnehmer der Produkte sein.

Anteil in Deutschland bisher kaum zu sehen

Das Unternehmen wollte sich auf Anfrage der DWN allerdings nicht dazu äußern. Grundsätzlich sind die Türken bisher noch ein ganzes Stück davon entfernt, in Deutschland ein bedeutender Akteur zu werden, wenn man sich die Erlöse anschaut. Denn die türkische Plattform hat im vergangenen Jahr einen Erlös von 791 Millionen Dollar erzielt - und zwar insgesamt.

In Deutschland würde die Firma damit nur etwa auf dem siebten Platz liegen, ungefähr zwischen Saturn und Lidl. Die Marktführer Amazon (13 Milliarden Dollar), Otto (vier Milliarden Dollar) und Zalando (2,4 Milliarden Dollar) brauchen sich erstmal wohl keine Gedanken über einen neuen Konkurrenten zu machen. Doch angesichts der Dynamik, mit der der E-Commerce weltweit wächst, könnte sich dies relativ schnell ändern. Den ersten Schritt zu einem Global-Player hat das Unternehmen mit der neuen Finanzierungsrunde gerade gemacht.

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