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Milliarden-Investitionen sollen Mitteldeutschland zum Lithium-Zentrum Europas machen

Drei Industrie-Unternehmen haben in Halle an der Saale ein neues wissenschaftliches Institut gegründet, das einen ungewöhnlichen Plan hat, um Mitteldeutschland zu restrukturieren. Wie das Konzept konkret aussieht, erklärt einer der beiden Geschäftsführer im Interview mit den DWN, Professor Ralf B. Wehrspohn.
22.09.2021 13:00
Lesezeit: 4 min
Milliarden-Investitionen sollen Mitteldeutschland zum Lithium-Zentrum Europas machen
Noch wird in der Lausitz Braunkohle gefördert - doch nicht mehr lange. Die Lithium-Industrie soll dem Bergbau nachfolgen. (Foto: dpa)

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Besonderheiten zeichnet Ihr neues Institut aus Ihrer Sicht aus?

Ralf B. Wehrspohn: Zu den Gründungsunternehmen des Deutschen Lithium-Instituts gehören der Gipshersteller Knauf, der familiengeführte Baustoff-Hersteller Papenburg, und das kanadische Unternehmen deutschen Ursprungs, Rock Tech Lithium (RTL). Die drei Firmen haben sich zusammengetan, um das Thema Lithium systemisch anzugehen. Die gesamten Wertschöpfungsketten, in die Lithium eingebunden ist, sollen mit Hilfe der neuen Einrichtung nach Europa geholt werden. Das interdisziplinäre Institut soll alle Innovationen abdecken, die an den Schnittstellen zwischen den Unternehmen existieren, die hier aktiv sind.

Bisher werden viele Innovationen der Firmen nicht genutzt, weil sie aus Bereichen stammen, die auf den ersten Blick nur wenig miteinander zu tun haben. Vielen ist nicht bewusst, dass sie in Wirklichkeit eng beieinander liegen wie die Produktion von Gips, von Baustoffen und eben von Lithium.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Könnten Sie dies konkret erklären?

Ralf B. Wehrspohn: Die Wissenschaftler unserer Einrichtung durchdenken die gesamte Wertschöpfungskette: Von der Mine bis zur Produktion der Batterie und wieder im Kreislauf zurück. Die Entwicklung von Innovationen an den Schnittstellen betrifft nicht nur das Lithium, sondern auch andere Produkte, die bisher als Beiprodukte unserer kohlenstoffbasierten Wirtschaft entstehen – beispielsweise Gips. Typischerweise wird Lithium aus Erzen hergestellt, die aber nur ein paar Prozent des Rohstoffes enthalten. Der Rest, der als Beiprodukt oder Abfall anfällt, sind andere Stoffe. Das bedeutet, dass bisher 95 Prozent der Produkte, die bei der Lithium-Herstellung anfallen, als Sondermüll auf eine Deponie gehen und nicht mehr verwendet werden. Die Chance ist nun, dass man daraus Gips oder Baustoffe herstellt, wenn man die Prozesse bei der Herstellung entsprechend anpasst. Damit könnte man dann Ton oder andere Baustoffe produzieren, die im Straßenbau eingesetzt werden.

Viele wissen nicht, dass der Gips, den sie verwenden, derzeit noch aus der Kohlenindustrie stammt. Wenn wir den Ausstieg aus dieser klassischen Energieform irgendwann einmal vollziehen, dann wird sich dies unmittelbar auf die Verfügbarkeit von Gips auswirken. Dieser lässt sich aber ebenso aus dem Lithium-Prozess gewinnen. Auch hier wollen die Wissenschaftler unseres Instituts Lösungen anbieten, damit wir auch in Zukunft darauf zurückgreifen können. Das ist übrigens ein Problem, das viele beim Ausstieg aus der Kohleindustrie überhaupt nicht sehen. Auf natürliche Weise den Gips aus Minen zu holen, ist gar nicht so einfach. Deshalb ist die Suche nach den Quellen für synthetischen Gips besonders wichtig. Und dies kann durch die Umgestaltung der Lithiumproduktion ermöglicht werden. Unser Institut betrachtet den Lithium-Prozess ganzheitlich, um die Wertschöpfungsketten zu ersetzen, die nach dem Ausstieg aus der Kohleindustrie wegfallen. Das ist ein wichtiger Bereich, den unser Institut abdeckt. Ich sage deswegen auch immer, „Lithium ist der neue Kohlenstoff“. Denn der Rohstoff bringt uns nicht nur die notwendige Energie, sondern auch viele Beiprodukten, die wir im Alltag benötigen und die nach der Energiewende immer weniger verfügbar sind.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Ihrer Presse-Informationen schreiben Sie von einem Alleinstellungsmerkmal, das Sie haben. Könnten Sie dies noch einmal erläutern?

Ralf B. Wehrspohn: Es gibt in Europa keine einzigen Lithium-Konverter und Lithium-Raffinieren. Wir haben keine Aufbereitungskapazitäten dafür. Wir kaufen derzeit alles, was wir benötigen, aus China und Südamerika, wo sich solche Anlagen befinden. Damit stehen wir weltweit nicht allein da, auch die Nordamerikaner haben keine entsprechenden Fabriken. Das Interessante ist, dass Europa gerade politisch sehr stark auf Elektromobilität setzt – und das, obwohl es keine Produktionskapazitäten für Lithium hat. Wir sind vollständig von ausländischen Importen abhängig. Es ist materialökonomisch für die deutsche Automobil-Industrie ein hohes Risiko, wenn keine Lithium-Sicherheit existiert. Aus diesem Grund besteht hier aber auch eine riesige Chance. Der Markt, um diese Lithiumkapazitäten aufzubauen, ist vielsprechend.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie lässt sich der Markt beschreiben?

Ralf B. Wehrspohn: Ein Akteur ist das Venture-Capital-Unternehmen "Rock Tech Lithium", das an unserem Institut beteiligt ist. Darüber hinaus gibt es in Deutschland noch drei weiter aktive Firmen – beispielsweise "Deutsche Lithium" in Zinnwald, die ihre Mine im Erzgebirge hat. Dort gehört ein Drittel des Vorkommens Deutschland, der Rest befindet sich im Eigentum von tschechischen Partnern.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie groß ist der Wert des Marktes?

Ralf B. Wehrspohn: Ein Konverter kostet ungefähr 400 Millionen Euro. Wir brauchen davon in Deutschland zehn bis 15, wenn wir eine einigermaßen vernünftige Versorgung haben wollen. Wir benötigen in den kommenden zehn Jahren zwischen vier und sechs Milliarden Euro an Investitionen. Wichtig ist, dass dies sehr hochwertige Arbeitsplätze sind. Ein Arbeitsplatz in einer solchen Branche, wo so hohe Investitionen nötig sind, kostet rund zwei Millionen Euro. Das bedeutet, die Unternehmen überlegen sich ganz genau, an welchem Standort sie ihre Aktivitäten errichten. Für den Strukturwandel sind das riesige Chancen, weil die Arbeitsplätze so hochwertig und gut bezahlt sind.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Woher stammen die finanziellen Mittel für die Investitionen?

Ralf B. Wehrspohn: Rock Tech Lithium, aber auch Zinnwald, sind alles Firmen, die ihre Mittel von Kapitalmarkt holen. Dieser hat derzeit ein großes Interesse daran, die Unternehmen finanziell zu unterstützen, weil sie sehen, dass es in Europa überhaupt keine Kapazitäten gibt, obwohl die Länder auf die E-Mobilität setzen. Dass der Kapitalmarkt das Thema Lithium so positiv bewertet, ist natürlich auch eine riesige Chance.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wie sieht der Weltmarkt aus?

Ralf B. Wehrspohn: Die USA und die anderen nordamerikanischen Länder haben ähnliche Herausforderungen wie wir. Die Märkte sind ähnlich groß wie Europa. Auch dort gibt bisher keine Konverter. Sie dürften genauso wie wir in den kommenden zehn Jahren zehn bis 15 benötigen. Die Investitionssummen liegen damit auf einem ähnlichen Niveau, also auch zwischen vier und sechs Milliarden Euro. Die Asiaten müssten im selben Zeitraum auch noch einmal mindestens zehn Milliarden Euro investieren. Damit beträgt der Weltmarkt weit mehr als 30 Milliarden Euro. Es müssten schätzungsweise bis 2030 deutlich mehr als zwei Millionen Tonnen Lithiumcarbonat produziert werden. Zum Vergleich: Wir haben 2020 weltweit etwa 400.000 Tonnen Lithium hergestellt. Das wäre folglich eine Verfünffachung der aktuellen Volumina in zehn Jahren. Das ist sehr viel.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Woher nehmen Sie die Fachkräfte dafür?

Ralf B. Wehrspohn: Es gibt bisher keine Forschungseinrichtungen, die einen solchen Schwerpunkt hat wie wir. Deswegen werden wir uns selber erstmal schulen, weil wir aus unterschiedlichen Disziplinen stammen und jeweils nur einen Blickwinkel haben. Grundsätzlich lassen sich viele Mitarbeiter, die bisher in der Kohlewirtschaft gearbeitet haben, umschulen. Sie verfügen bereits über Kompetenzen, die auch für die Bedienung von Lithium-Konvertern notwendig sind. Dabei handelt es sich oft um Bergarbeiter, die aber gleichzeitig die Aufbereitung machen. Solche Kompetenzen sind auch in den neuen Industrien notwendig. Das ist für den Strukturwandel in der Region auch eine riesige Chance, weil man die ehemaligen Bergleute dann auch weiter beschäftigen kann. Die Umschulung von Mitarbeitern aus der Braunkohle- in die Lithium-Industrie ist möglich.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Wird damit Sachsen-Anhalt zum neuen Lithium-Zentrum in Europa?

Ralf B. Wehrspohn: Die Firmen, die uns unterstützen, haben ein großes Interesse daran, den Strukturwandel in der Region voranzutreiben. Mitteldeutschland und die Lausitz verfügen über ein großes Potenzial an Fachkräften. Sie haben damit die Chance, Modellregionen für die Lithium-Industrie zu werden. Und unsere Gesellschafter sind offen für weitere Partner, wir haben bereit vier mündliche Zusagen aus Mitteldeutschland.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Professor Dr. Wehrspohn, herzlichen Dank für das Gespräch.

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