Deutschland

NSU-Mord in Kassel: Am Tatort waren neben Temme noch vier weitere Personen anwesend

Beim Kasseler NSU-Mord befand sich der Verfassungsschutzbeamte Andreas Temme zum Tatzeitpunkt am Tatort. Die deutsche Öffentlichkeit missbraucht diese Tatsache, um das Vertrauen in die Sicherheitsbehörden zu erschüttern. Doch es wird gezielt verschwiegen, dass zum Tatzeitpunkt noch vier weitere Personen am Tatort waren.
20.10.2021 17:08
Aktualisiert: 20.10.2021 17:08
Lesezeit: 4 min
NSU-Mord in Kassel: Am Tatort waren neben Temme noch vier weitere Personen anwesend
06.04.2018, Hessen, Kassel: Blumen liegen am Halitplatz neben dem Porträt des 2006 ermordeten türkischstämmigen Yozgat und anderen Opfern rechter Gewalt. Die Stadt Kassel hatte offiziell die Gedenkveranstaltung für Halit Yozgat wegen Sicherheitsbedenken abgesagt. (Foto: dpa) Foto: Uwe Zucchi

Der sogenannte NSU-Mord am Kasseler Kleinunternehmer Halit Yozgat beschäftigt weiterhin die Öffentlichkeit, zumal zum Tatzeitpunkt der Beamte des hessischen Landesamts für Verfassungsschutzes, Andreas Temme, zum Tatzeitpunkt am Tatort gewesen ist.

„BR.de“ berichtet über den Beamten des Landesamts für Verfassungsschutz Hessen, Andreas Temme: „Der ehemalige V-Mann-Führer Andreas Temme, der sich während des Mordes an Halit Yozgat zur Tatzeit am Tatort befunden hatte, wird während des Prozesses sechs Mal gehört und von Richter Götzl intensiv und kritisch befragt. Auf Anträge der Nebenklagevertreter der Familie Yozgat hin werden auch Zeugen aus dem hessischen Landesamt für Verfassungsschutz gehört. Zu einer Reihe von Widersprüchen, in die sich Temme schon bei früheren Vernehmungen verwickelte, gehört, dass er den toten Halit Yozgat, der hinter dem Tresen im Internetcafé lag, angeblich nicht gesehen hatte, als er das Geld für die Internetnutzung auf den Tresen legte.“

Doch es gab noch eine weitere Person, die direkt im Vorraum saß, wo sich Yozgat befand, während sich Temme im Hinterraum bei den PCs befand. Es handelt sich dabei um Faiz Hamadi Shahab aus dem irakischen Mossul. Bei seiner Vernehmung sagte er den Behörden, dass er nichts gehört oder gesehen habe. Er wurde freigelassen und verschwand dann spurlos aus Deutschland.

Die „FAZ“ wörtlich: „Bei der Ermordung des Kasseler Internetcafé-Betreibers Halit Yozgat habe er weder die tödlichen Schüsse gehört noch beim Verlassen des Cafés Blutspuren oder das am Boden liegende Opfer gesehen. Diese Angaben könnten unglaubwürdig erscheinen, gab Temme zu, er wies jedoch darauf hin, dass auch ein weiterer Besucher des Internetcafés den Toten nicht bemerkt habe.“

Besonders kurios ist auch: Als Temme zur behaupteten Tatzeit im Internet-Café saß, waren noch vier weitere Gäste anwesend – drei Personen an ihren PC-Plätzen und Shahab in der Telefonkabine.

Temme meint jedenfalls zu den NSU-Morden: „Ich war in keiner Weise aktiv an diesen Taten beteiligt.“ Er war wahrscheinlich wirklich nicht „aktiv“ an den Morden beteiligt. Die „FR“ wörtlich: „Am 9. Mai 2006 telefonierte Temme mit dem Geheimschutzbeauftragten seiner Behörde, Gerald-Hasso Hess. Der sagte zu dem unter Mordverdacht stehenden Kollegen: ,Ich sage ja jedem: Wenn er weiß, dass irgendwo so etwas passiert, bitte nicht vorbeifahren.‘“

Was hat diese Aussage zu bedeuten? Zumindest kann daraus unter Umständen geschlossen werden, dass Temme sicherlich nicht an dem Mord beteiligt gewesen ist. Doch wusste er, dass der Mord stattfinden sollte? Wenn ja, warum wurde der Mord dann nicht verhindert? Vielleicht hat Hess diese Aussage auch nur spontan und generell getroffen.

Viel wichtiger ist ein anderer Punkt:

Temme wird seit Jahren der Vorwurf gemacht, dass er den Schuss auf das Opfer Yozgat hätte hören müssen. Tatsächlich hätte er den Schuss auch mit Schalldämpfer hören müssen, da mittlerweile bewiesen wurde, dass die Lautstärke trotz Schalldämpfer höher gewesen sein muss als die Hintergrundgeräusche im Raum. Doch warum sagt niemand, dass auch die anderen vier Gäste im Internetcafé den Schuss hätten hören müssen?

Warum die Spur von Shahab nicht verfolgt wurde, bleibt bis heute ungeklärt – ohne dem Iraker etwas vorwerfen zu wollen. Es ist auch sehr auffällig, dass die Öffentlichkeit über die drei anderen Zeugen, die neben Temme im Internetcafé saßen, nur wenig berichtet. Denn es sind genau diese Zeugen, die Temme belasten oder entlasten könnten. Sie waren mit Temme im selben Raum.

Und es kommt noch eine weitere Tatsache hinzu:

In der Öffentlichkeit wird zwar thematisiert, dass Temme der V-Mann-Führer des Rechtsradikalen Benjamin Gärtner gewesen ist. Was jedoch nicht thematisiert wird, ist, dass Temme vor allem für den Bereich Islamismus zuständig war – und eben nicht nur für den Bereich Rechtsextremismus. Somit wurden die V-Männer in beiden Lagern in diesem Fall durch einen Offiziellen geführt. Temme steckte beruflich nicht nur im rechtsextremen Lager, sondern vor allem im islamistischen Lager.

Aus der Webseite „Bundestag.de“ geht hervor, dass Temme im Bereich „Islamismus“ vier V-Männer und im Bereich „Rechtsextremismus“ ein bis maximal zwei V-Männer geführt hatte. Daraus ergibt sich auch die Frage, ob es eine enge Verzahnung zwischen dem Rechtsextremismus und dem Islamismus gibt.

Doch diesem Thema müssen sich Kriminologen, Soziologen und Staatsrechtler widmen. All diese Ausführungen dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, dass der militante Rechtsextremismus und der Islamismus Gefahren für ausnahmslos alle Bürger im Land darstellen. Allerdings fällt auch auf, dass diese emotionalen Themenbereiche medial ausgebeutet werden, um die Mehrheitsgesellschaft gegen Minderheiten und Minderheiten gegen die Mehrheitsgesellschaft aufzustacheln – und Misstrauen unter den Menschen zu säen.

Das Sterben der NSU-Zeugen

Der Mord an Yozgat, der Mord an der Polizistin Michèle Kiesewetter und alle weiteren Morde werfen immer noch zahlreiche Fragen auf. Das plötzliche Ableben von insgesamt sechs NSU-Zeugen vor oder nach ihren Aussagen führt zu noch mehr Verwirrungen:

Arthur Ch. 2009 und Florian He. 2013 verbrannten jeweils in ihren Autos, so der „WDR“. Die Eltern von Florian H. äußern sich in der Dokumentation „Kampf um die Wahrheit – Der NSU und zu viele Fragen“ zum Ableben ihres Sohnes.

Sascha W. soll 2016 Selbstmord begangen haben. Die Freundin von Sascha W., Melissa M., starb ein Jahr zuvor nach einer Knieprellung an einer Lungenembolie. Die „FAZ“ führt aus: „Beim Training mit einer Motor-Cross-Maschine hatte sich Melissa M. eine Prellung am Knie zugezogen. Trotz einer ambulanten Thrombose-Prophylaxe kam es zu einer Lungenembolie, die in der Regel durch einen Blut-Thrombus ausgelöst wird.“

Der V-Mann Corelli soll im Jahr 2014 an einer unentdeckten Diabetes verstorben sein. Corinna B. starb vor der Vernehmung durch den Untersuchungsausschuss von Baden-Württemberg, so die „Stuttgarter Zeitung“.

Was zurückbleibt, ist der Schmerz der der türkischen und deutschen Opferfamilien, die immer noch auf Antworten warten. Besonders beschämend ist es, dass diese dubiosen Fälle von einem Teil der deutschen Öffentlichkeit dazu missbraucht werden, um Zwietracht zwischen den verschiedenen ethnischen Gruppen zu säen.

Erfreulich ist jedoch, dass dieses niederträchtige Ziel vollständig verfehlt wurde. Die Deutsch-Türken haben sich nicht aufhetzen lassen. Stattdessen teilen sie das Narrativ der Mehrheitsgesellschaft.

Und das lautet: die gesamte Angelegenheit stinkt zum Himmel.

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