Deutschland

Rüdiger Tessmann: Ein deutsches Leben

Lesezeit: 12 min
31.10.2021 10:00
DWN-Autor Rüdiger Tessmann geht der Frage nach, inwiefern es einen übersteigerten deutschen Nationalismus gibt. Er schlägt einen Bogen von den alten Germanen über Preußen, Goethe und Moritz Arndt bis hin zur Fußballweltmeisterschaft 2006. Eine meisterhafte Analyse.
Rüdiger Tessmann: Ein deutsches Leben
Nebelschwaden ziehen am Hermannsdenkmal im Teutoburger Wald vorbei. (Foto: dpa)
Foto: Caroline Seidel

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Ich bin im Jahre 1934 - also ein Jahr nach Hitlers Machtergreifung – geboren und kann deshalb aus eigener Erfahrung über verschiedene deutsche Staatsformen und die dazu gehörigen jeweiligen Nationalgefühle berichten.

Polen: Kein Mitleid

Meine frühe Kindheit erlebte ich auf dem Lande in Mecklenburg, wobei meine einzige politische Erinnerung an diese Zeit darin besteht, dass meine Großmutter - die mit Begeisterung aus ihrer Jugend unter dem „herrlichen“ Kaiser Wilhelm II erzählen konnte und die unter der Schmach des Versailler Diktates gegen Deutschland sehr gelitten hatte - eines Tages das Zimmer betrat und wie ein Dankesgebet zum Himmel verkündete, dass unser Führer den Krieg gegen Frankreich gewonnen habe.

Wenig später zogen wir in das von unserer Wehrmacht eroberte Polen, das nun „Warthegau“ hieß, wo ich als Kind der deutschen Besatzungsmacht lebte. Für mich war meine neue Heimat ganz selbstverständlich Deutschland, nicht Polen, und ich erlebte, wie die einzigen ursprünglichen Bewohner, sehr einfache und ärmliche Dorfbewohner, zu uns stets untertänig „djien dobre“ (Guten Tag) sagten.

Wurde ich in dieser Zeit nationalistisch oder fremdenfeindlich erzogen? Nein, sicher nicht, und dennoch bildete sich bei mir ein gewisses Bild von meiner Höherwertigkeit aufgrund meines Deutschtums heraus. In der Schule hörte ich mit Begeisterung die Geschichten von unseren Vorfahren, den alten Germanen, und ihren heldenhaften Schwertkämpfen. Auch ihre Götter faszinierten mich, also Wotan, der auf einem fünfbeinigen Ross in die Schlacht zog, und Thor, der mit seinem Riesenhammer Blitze erzeugte und auf diese Weise die Feinde in die Flucht schlug. Und dann war da die düstere Stimmung der Entscheidungsschlacht Ragnaröck in den „Edda“-Sagen, die mit den grausigen Worten der Seherin endeten:

Schwertzeit, Beilzeit, Schilde bersten,

Windzeit, Wolfszeit, bis die Welt vergeht.

Auch Siegfrieds Tod im Lied der Nibelungen bewegte mich, besonders aber wirkte auf mich die Schlacht im Teutoburger Wald im Jahre 9 n.Chr., in der Hermann der Cherusker den Vormarsch der Römer stoppte und so die freie Entwicklung der germanischen Stämme und die Erhaltung der deutschen Sprache ermöglichte. All diese fiktionalen und historischen Heldentaten vermischten sich in meinen kindlichen Gedanken mit den triumphalen Nachrichten über den Vormarsch unserer Truppen in Russland und die Versenkung feindlicher Schiffe durch unsere U-Boote. Wobei ich die deutschen Siege als etwas völlig Selbstverständliche ansah.

Die Juden waren zu dieser Zeit schon in Ghettos abgesondert, zum Beispiel in unserer Nachbarstadt, die früher Lodsch geheißen hatte, von den Besatzern jedoch in Litzmannstadt umbenannt worden war. Einen Juden bekam ich daher nie zu Gesicht. Mein Bild von den Juden wurde geprägt von der Bildergeschichte Wilhelm Buschs (1832-1908) über die lustigen Hunde „Plisch und Plum“. Darin war ein Kapitel dem Juden Schmulchen Schiefelbeiner gewidmet, und der besaß mit krummer Nase und listigem Blick all die Eigenschaften, die man damals mit einem Juden verbinden sollte.

Was wusste ich von Afrikanern, den „Negern“, wie man damals ohne schlechtes Gewissen sagte? Noch nie hatte ich einen leibhaftigen „Neger“ gesehen. Ich las Geschichten aus der Kolonialzeit in Deutsch-Südwest-Afrika, wo der willensstarke deutsche Siedler für Zucht und Ordnung sorgte. Die witzigen Zeichnungen von schwarzen Afrikanern in Kinderbüchern ähnelten den Mohrenköpfen, die ich so gerne aß, nur dass die Gestalten in den Büchern noch zusätzlich über runde Kulleraugen verfügten. Über die Russen hörte man finstere Geschichten, welche die Rechtfertigung dafür lieferten, dass der deutsche Soldat in Russland hart und konsequent vorgehen musste. Von den Amerikanern hörte ich als Kind, dass sie oberflächlich seien, wenig Bildung besaßen und keine tiefgreifende Kultur hätten, wie wir Deutschen.

Eines Tages mussten die Polen ihr letztes Vieh abgeben, die deutsche Wehrmacht beschlagnahmte es. Meine Freunde und ich, alles deutsche Jungen, sahen eine alte polnische Frau, die weinend ein Ferkel auf dem Arm trug, das sie abgeben musste. Ich kann auch jetzt noch nur mit Schamgefühl daran denken, dass wir über „das alte heulende Pollacken-Weib mit dem kleinen Schwein auf dem Arm“ aus vollem Halse lachten. Ich frage mich bis heute: „Warum hatte ich kein Mitleid?“ Denn das steht fest: Ich hatte keines - das ist eine Tatsache! Heute weiß ich, dass die Gefahr besteht, dass - wenn man als Besatzungskind aufwächst - der natürlichen menschlichen Regung des Mitleids den Einwohnern des besetzten Landes gegenüber verlustig gehen kann, diesen scheinbar unterlegenen schwachen Menschen, deren Sprache man nicht versteht, und die man für primitiv hält. Und dass man sich so verhält, wie es von den Menschen des eigenen Kreises erwartet wird. Eins steht außer Zweifel: Ich lebte in dem kindlichen Bewusstsein, dass wir Deutschen die Guten sind, und dass alles, was deutsch getan war, auch edel und gut getan war.

DDR: Preußen wiedererweckt

Nach der Kapitulation des Deutschen Reiches im Mai 1945 lebte ich erst in der sowjetischen Besatzungszone und von 1949 an dann in der DDR. Nun hatte ich Gelegenheit, das Ausmaß der Verbrechen, die im Namen Deutschlands geschehen waren, zu erkennen. Das straff organisierte, fabrikmäßige Töten von Millionen von Menschen mit Giftgas, von Familien mit ihren Kindern, die unsere Nachbarn und Freunde hätten sein können, standen nicht im Einklang mit meinen Träumen von den heroischen Taten meiner heißgeliebten Germanen. Die grausamen Verbrechen, die an der Front, hinter der Front und in den Konzentrationslagern geschehen waren, die unendlichen Leichenberge, die man in Filmen sah, erforderten von mir ein völliges Umdenken, und so beschäftigte ich mich ernsthaft mit den Grundlagen des Marxismus, um ein guter Kommunist zu werden. Jetzt wollte ich wirklich auf der Seite der Guten in einem neuen Deutschland stehen und für eine Zukunft mit sozialer Gerechtigkeit kämpfen.

Die politische Propaganda der DDR kam bei der Mehrheit der Bevölkerung allerdings gar nicht gut an. In meiner Schulklasse war ich fast der Einzige, der für den Sozialismus kämpfen wollte. In der Jugendorganisation FDJ marschierten wir im Rhythmus kämpferischer Marschlieder und mit flatternden blauen Fahnen, ähnlich wie vorher bei der Hitler-Jugend. Eine tiefgehende emotionale Begeisterung für die Schaffung einer neuen “besseren Welt“ im Sozialismus war aber nicht sehr verbreitet. Die politischen Reden waren nämlich mehr bedrohlich als mitreißend, und die westlichen Radiosender mit aktuellen Nachrichten und swingender Musik stellten eine starke Konkurrenz dar. Nach der Gründung der Volksarmee wurden zur Belebung des nationalen Kampfwillens für die sozialistische Heimat auch preußische Symbole und Tugenden mit Namen wie Gneisenau und Scharnhorst hervorgeholt. Eine von eigenen Emotionen getragene Begeisterung entstand dadurch jedoch nur bei Wenigen.

1952 kam ich in die Bundesrepublik. Vor dem Bau der Berliner Mauer war das noch einfach.

Bundesrepublik: Die falsche Seite

Die ersten beiden Jahre fühlte ich mich immer noch als DDR-Bürger, denn dort hatte ich ja für „das Gute“ kämpfen wollen. Erst allmählich begriff ich den Vorteil der freien Meinungsbildung durch vielseitige Möglichkeiten der Informationsgewinnung. Die Standhaftigkeit der Westmächte bei der Berlinblockade, und dann die Reden John F. Kennedys bei seinem Deutschlandbesuch überzeugten mich, dass ich nun auf Seiten der „Guten“ angekommen war.

In den folgenden Jahren kamen mir bei der Beobachtung der amerikanischen Interventionen in Vietnam sowie in den islamischen und südamerikanischen Staaten allerdings tiefgreifende Zweifel, ob ich tatsächlich auf Seite der „Guten“ stünde, ob in Wirklichkeit nicht edle politische Ziele sondern vielmehr wirtschaftliche Interessen Motive des politischen Handelns der Amerikaner (und teilweise des gesamten Westens) sind, und die Beschwörung der „westlichen Werte“ nur Betäubung für die Wählermassen darstellt.

Seit meinem 7. Lebensjahr, das heißt seit nunmehr 80 Jahren, beobachte ich also mit wachen Augen die politischen Grundströmungen in meiner Heimat Deutschland und muss bekennen, dass ich - obwohl ich immer auf Seiten der „Guten“ stehen wollte – häufig die falsche Seite wählte.

Wiedervereinigung: Der deutsche Geist

Nach der Wiedervereinigung Deutschlands im Jahre 1989 wurden wir aufgeschreckt durch die hässlichen nationalistischen und fremdenfeindlichen Aktionen in Rostock-Lichtenhagen, aber auch in Mölln und anderen Städten. Es zogen glatzköpfige Jugendgruppen mit Springerstiefeln durch die Straßen und skandierten im Marschrhythmus: „Deutschland den Deutschen - Ausländer raus!“ Die Fernsehsender zeigten der Welt, wie es im wiedervereinigten Deutschland zugeht. So wuchs die Angst vor dem Wiedererstarken des nationalistischen und fremdenfeindlichen Geistes in Deutschland, und in den Talkshows wurde gefragt, ob dieser Geist tief in der deutschen Seele verwurzelt und kaum auszurotten sei.

Daher erscheint es mir interessant, die Geschichte des aggressiven, fremdenfeindlichen deutschen Nationalismus, der unter Adolf Hitler seine stärkste Ausprägung zeigte, zurückzuverfolgen, zumal ich selbst in meinem Leben all diese Auswüchse und Richtungswechsel miterlebt und zum Teil mitgemacht habe.

Von Arminius bis Goethe: Kein Nationalgefühl

Mit der Schlacht im Teutoburger Wald und dem triumphalen Sieg Hermann des Cheruskers (lateinisch: Arminius) über drei römische Legionen beginnt die eigentliche Geschichte Deutschlands. In der nationalen Geschichtsdarstellung wurde das oft mythisch verklärt. Zur Gründung eines germanischen Großreiches kam es aber nicht, denn Hermann wurde ermordet, wobei nicht politische, sondern banale familiäre Gründe im Zusammenhang mit seiner Frau Thusnelda eine Rolle gespielt haben sollen. Ein einigendes Nationalgefühl der Germanen bestand zu dieser Zeit keineswegs.

Bei der Reichsgründung durch Karl den Großen spielte das deutsche Element nur eine untergeordnete Rolle. Die Kaiser des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation hielten sich in Spanien oder in Sizilien auf. Ein deutsches Nationalgefühl existierte nicht.

Der Dreißigjährige Krieg (1618-1648) verwüstete Deutschland, aber die Deutschen waren hauptsächlich als von anderen Staaten bezahlte Landsknechte tätig und beteiligten sich an Raub und Mord, so dass die deutsche Sprache mehr Schrecken verbreitete als vertraute Heimatgefühle. Das beklagt der schlesische Dichter Martin Opitz (1597-1639) in folgendem Vers:

Die Deutsche Poesie war ganz und gar verloren,

Wir wussten selber kaum von wannen wir geboren;

Die Sprach, vor der viel Feind erschrocken sind,

vergaßen wir mit Fleiß und schlugen sie in den Wind.

Das Jahr 1667 ist die Geburtsstunde Preußens, das unter Führung der Hohenzollern in Potsdam seinen eigenen Weg ging. Regionen wie Bayern, Hessen und das Rheinland nannten andere Kulturen, andere Mentalitäten ihr Eigen, so dass ein einiges Nationalgefühl nicht entstehen konnte. Zwischen dem protestantisch-militärischen Preußen und dem katholisch-heiteren Rheinland bestand sogar eine gewisse Antipathie – Einigkeit herrschte auf jeden Fall nicht.

Das kulturelle Zentrum Deutschlands wurde am Ende des 18. Jahrhunderts die kleine Stadt Weimar in Thüringen, wo Goethe und Schiller wirkten und das geistige Klima der Klassik in Europa beherrschten. Goethe verstand sich in erster Linie als Europäer und verachtete den Nationalismus. Zu seinem Sekretär Eckermann sagte er:

„Überhaupt ist es mit dem Nationalhass ein eigen Ding. Auf der untersten Stufe der Kultur werden Sie ihn immer am stärksten und heftigsten finden. Es gibt aber eine Stufe, wo er ganz verschwindet, und wo man gewissermaßen über den Nationen steht und man ein Glück oder Wehe seines Nachbarvolkes empfindet, als wäre es dem eigenen begegnet. Diese Kulturstufe war meiner eigenen Natur gemäß.“

Der deutsche Nationalismus erwacht: „Mit Henkersblut, Franzosenblut“

Mit dem Einmarsch der Armee Napoleons im Jahre 1806 begannen in Deutschland ein neues Zeitalter und eine neue kulturelle Stimmung. Das Zeitalter der Klassik, der Aufklärung und des europäischen Kulturgeistes mit Hinwendung zu den Göttern des Olymp wurde abgelöst von den Dichtern der Romantik, die ihre Heimat in den deutschen Volksmythen, im deutschen Wald, in der Geborgenheit des deutschen Heimatgefühls suchten, und deren Götter nicht mehr im bereits erwähnten Olymp, sondern in Walhalla beheimatet waren.

Der Einmarsch Napoleons hätte auch als neue Botschaft bürgerlicher Freiheit und Modernität interpretiert werden können, wurde aber von der Mehrheit der Bevölkerung als Einbruch einer Fremdherrschaft empfunden. So begann der Befreiungskrieg gegen die Franzosen. Nutznießer der nationalen Stimmung waren vor allem die Fürsten, die nach dem Sieg über Napoleon auf ihre Throne zurückkehren konnten.

Heinrich von Kleist (1777-1811) verwendete in seinem Drama „Die Hermannsschlacht“ den damaligen Sieg der Germanen über die Römer als Ansporn zum Widerstand der Deutschen gegen die französische Fremdherrschaft.

Der junge dichtende Freiheitskämpfer Theodor Körner (1791-1813), der im Kampf sein junges Leben ließ, schrieb für seine deutschen Landsleute den Aufruf:

Dies ist kein Krieg, von dem die Kronen wissen;

Es ist ein Kreuzzug, s`ist ein heil`ger Krieg!

Recht, Sitte, Glauben und Gewissen

Hat der Tyrann aus deiner Brust gerissen;

Errette sie mit deiner Freiheit Sieg!

Ernst Moritz Arndt (1769-1811) schrieb das Lied „Der Gott, der Eisen wachsen ließ“, mit – unter anderem – diesen Zeilen:

Wir wollen heute Mann für Mann mit Blut das Eisen röten,

Mit Henkersblut, Franzosenblut — O süsser Tag der Rache!

Das klinget allen Deutschen gut, das ist die große Sache.

Der Philosoph Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) warb Freikorps-Studenten für den Kampf gegen die französische Besatzung, indem er an den Sieg Hermanns über die Römer erinnerte:

„Denket, dass meine Stimme sich mischt mit den Stimmen eurer Ahnen aus der grauen Vorwelt, die mit ihren Leibern sich entgegengestemmt der heranströmenden römischen Weltherrschaft, die sich mit ihrem Blute erkämpft haben die Unabhängigkeit der Berge, Ebenen und Ströme, welche unter euch den Fremden zur Beute geworden sind.“

Friedrich Ludwig Jahn (1778-1852) rief die deutschen jungen Männer zwecks Wehrertüchtigung zu täglichen Leibesübungen auf und wurde deshalb als „Turnvater Jahn“ berühmt. Zum deutschen Volkstum sagte er:

„In der ganzen Lebensgeschichte eines Volkes … wo er an seine heiligste Urrechte denkt und an die ewige Pflicht, sie zu behaupten … und er der Nachwelt laut und frei offenbaren darf, in welche volksentwürdigende Dienstbarkeit es durch Ausländerei geraten war.“

Heinrich Heine (1797-1856), der jüdische Dichter aus Düsseldorf mit seiner schmerzlichen Liebe zu Deutschland und zur deutschen Sprache, musste wegen seiner Freiheitsgedanken zur Zeit der Restauration nach Frankreich fliehen und machte in seinem Aufsatz über „Religion und Philosophie in Deutschland“ eine grauenhafte Prophezeiung hinsichtlich dessen, was aus dem germanischen Kampfgeist in Deutschland noch einmal entstehen könnte, sollte das zähmende Christentum einmal abgeschüttelt werden:

„Wenn einst das zähmende Talisman, das Kreuz, zerbricht, dann rasselt wieder empor die alte Wildheit der alten Kämpfer, die unsinnige Berserkerwut, wovon die nordischen Dichter singen und sagen… Die alten steinernen Götter erheben sich dann aus dem verschollenen Schutt, und Thor mit dem Riesenhammer zerschlägt die gotischen Dome. Wenn ihr (die Franzosen) es krachen hört, wie es noch nie in der Weltgeschichte gekracht hat, so wisst ihr: Der deutsche Donner hat sein Ziel erreicht. Es wird ein Stück aufgeführt werden in Deutschland, wogegen die Französische Revolution wie eine harmlose Idylle erscheinen mag.“

Ist es möglich, dass Heine die Gräuel der Nazizeit vorausgeahnt hat?

Erster und Zweiter Weltkrieg: „Eine muss siegen, die andere untergehen!“

Der schneidig auftretende Kaiser Wilhelm II gebrauchte gerne die alten Metaphern der germanischen Mythologie zur Untermalung seiner Kriegsreden. Hier ein Beispiel mit Schmähreden gegen den Krämergeist der Engländer:

„Der Krieg ist der Kampf zwischen zwei Weltanschauungen: der Germanisch- Deutschen für Sitte, Recht, Treu und Glauben, wahre Humanität, Wahrheit und echte Freiheit, gegen Mammonsdienst, Geldmacht, Genuss, Landgier, Lüge, Verrat, Trug und nicht zuletzt Meuchelmord! Diese beiden Weltanschauungen können sich nicht versöhnen und vertragen. Eine muss siegen, die andere muss untergehen! So lange muss gefochten werden.“

Der Dichter deutschen Heldentums im Ersten Weltkrieg war Walter Flex (1887-1917), der als 30-Jähriger im Baltikum fiel. Nachdem die unfähige deutsche Staatsführung das erreicht hatte, wovor der kluge Otto von Bismarck immer gewarnt hatte, nämlich einen Krieg Deutschlands an mehreren Fronten, zeigte Flex in seinem Gedicht „Deutsche Schicksalsstunde“ dennoch trotzigen Siegeswillen. Hier die erste Strophe:

Nun schlägt der Hass wie Wetter in alles deutsche Land.

Vernichter oder Retter, erschein´ im Weltenbrand!

Gedichte von Walter Flex wurden auch im Zweiten Weltkrieg in Schulen gelesen und auswendig gelernt. Die letzte Strophe habe ich daher noch im Gedächtnis. Man muss sich eine abendliche Szenerie vorstellen mit einem Aufmarsch von Hunderten von uniformierten Männern, im Lichte von Fackeln, derweil eine kraftvolle Männerstimme – eingeleitet von dumpfem Trommelwirbel - über starke Lautsprecher die Worte rezitiert:

So lass uns schwör`n und singen in Nacht und Sturm hinein,

deutsch bis zum Todesringen und nichts als deutsch zu sein!

In der Nazizeit verstand man es offenbar besser als zu jeder anderen Zeit, die Ideologie vom germanischen, vom deutschen Heldentum, von Sieg und Tod wirksam in Szene zu setzen. Ich erinnere mich gut daran, dass ich als neunjähriger Junge mit Freude ein flottes Marschlied mitgesungen habe mit den Textzeilen:

Wir werden weiter marschieren, wenn alles in Scherben fällt,

Denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt.

Etwas später erklärte mir mein älterer Bruder, der schon bei der Hitlerjugend (HJ) Dienst tat, dass der Text etwas geändert worden sei, und man statt „gehört uns Deutschland“ jetzt singen müsse „hört uns Deutschland“. Tatsächlich hörte es die ganze Welt, als Deutschland ein Jahr später in Scherben fiel.

Für junge Menschen hatte diese Form der Propaganda sicherlich eine gefährlich verführerische Wirkung. Aber während des Krieges an der Front und der nächtlichen Bombenangriffe auf die Städte wirkten diese Worte auch auf viele Erwachsene.

Nicht angeboren: Von Fußball bis zu Flüchtlingen

Kurt Tucholsky (1895-1935) schrieb zur Zeit der Weimarer Republik in einem Essay über das deutsche Wesen:

„Tief verwurzelt im Deutschen ist der Drang in Reih und Glied zu stehen, oder viel mehr, die anderen in Reih und Glied stehen zu lassen … Das Gemeinschaftsgefühl erstickt das Persönlichkeitsgefühl des Einzelnen fast völlig: Wenn sie sich unter einer Fahne scharen, ist es, als seien sie allesamt vom bösen Geist besessen, und der Wille der Schar ist nicht etwa die Summe der einzelnen Personen, sondern etwas völlig Neues… Unter dem Einfluss dieses neuen Gemeinschaftswillens sind sie zu Handlungen fähig, die sie als Einzelperson niemals vorgenommen hätten. Es handelt sich um nationale Urtriebe, die nicht von heute auf morgen zu beseitigen sind.“

Die Befürchtung, dass die Neigung zum Strammstehen, zum bedingungslosen Gehorsam gegenüber Befehlen und eine Begeisterung fürs Militärische einem deutschen Urtrieb entspringt, der wiederbelebt werden könne, beflügelte die Diskussionen, Leitartikel und Fernsehdebatten nach der Wiedervereinigung (verstärkt wurden sie vom Treiben verbrecherischer Neonazis, dem viele Menschen zum Opfer fielen).

Das Jahr 2006, in dem Deutschland bei strahlendem Wetter die Welt zur Fußballweltmeisterschaft einlud, brachte jedoch eine erstaunliche Wende. Die Warner vor einem Erstarken des überheblichen deutschen Nationalgefühls wurden zum Schweigen gebracht, denn die neue deutsche Jugendgeneration schwenkte mit Begeisterung die deutschen Fahnen in schwarz-rot-goldener Farbe aus unserer demokratischen Vergangenheit von 1848, und die Menschen aller Herren Länder wurden mit Jubel begrüßt. Sie fanden ein schönes und freundliches Deutschland vor, in dem sich die Sorgen vor ausländerfeindlichen Ausschreitungen als unbegründet erwiesen. Deutschland gewann zwar nicht den WM-Titel, war aber vom Angstkomplex vor sich selbst befreit. Der Unterschied zwischen bösartigem Nationalismus und einer natürlichen Heimatliebe war von der Mehrheit der jungen Generation offenbar verstanden worden.

Die Geschichte des aggressiven, xenophoben deutschen Nationalismus ist also den Deutschen nicht angeboren, wie befürchtet worden war. Sie ist ein Produkt des Befreiungskrieges gegen die napoleonische Besatzung vor etwas mehr als 200 Jahren, wurde unter Kaiser Wilhelm II für den Ersten Weltkrieg hochgezüchtet und unter Adolf Hitler in ein Monstrum verwandelt. Mit einer mythologisch gesteigerten Idealisierung unserer germanischen Vorfahren kann man in Deutschland heute keinen Jugendlichen mehr hinter dem Ofen hervorlocken. Ein Propagieren der Überlegenheit der germanischen Rasse gegenüber anderen Menschen ist in Deutschland kaum noch denkbar.

Was bleibt, ist die Gefahr einer gigantischen Flüchtlingswelle als Folge der von USA und NATO begonnenen Kriege von Libyen bis Afghanistan, von der sich die deutsche Bevölkerung überfordert fühlen könnte. Deutschland Politiker, die die Nachfolge von Angela Merkel und ihrem Kabinett antreten, müssen hier also klug handeln.

Kanzlerin Angela Merkel sagte 2015: „Wir schaffen das!“

Kanzler Helmut Schmidt soll gesagt haben: „Wenn zu viele kommen, gibt`s Mord und Totschlag!“

Berthold Brechts sarkastischer Gedanke, dass sich die Politiker ein anderes Volk wählen können, ist nicht umsetzbar. Es kann also schwierig werden.


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