Deutschland

Ärzte: Spahns überhastete Digitalisierung scheitert im Praxistest

Die unter der Ägide von Jens Spahn im Eiltempo durchgezogene Digitalisierung besteht den Praxistest nicht, warnen Ärzte.
01.11.2021 15:42
Aktualisiert: 01.11.2021 15:42
Lesezeit: 2 min

Die Ärzte in Deutschland warnen vor wachsendem Kostendruck und einem bedrohlichem Fachkräftemangel im Gesundheitswesen. Die Personalsituation in Kliniken, Altenpflegeeinrichtungen und bei mobilen Pflegediensten verschlechtere sich zusehends, sagte Ärztepräsident Klaus Reinhardt am Montag beim Deutschen Ärztetag in Berlin. «Wenn hier nicht bald etwas passiert, dann droht der Kollaps dieses Systems.» Auch bei Ärzten zeigten sich massive Engpässe. Nötig seien Verbesserungen beim Pandemie-Management, außerdem müsse bei der «überhasteten Digitalisierung» in Praxen und Kliniken Tempo herausgenommen werden.

Reinhardt forderte von den möglichen künftigen Regierungspartnern SPD, Grünen und FDP weitergehende Vereinbarungen als die, die aus den ersten Sondierungsergebnissen hervorgingen. Es fehlten ausreichend Medizinstudienplätze. «Bundesweit 3000 bis 5000 Studienplätze mehr, dann wären wir etwa da, wo wir im Jahr der Wiedervereinigung waren», sagte er. Dies würde die Lage mittelfristig entschärfen. Nötig seien auch echte Reformen im öffentlichen Gesundheitsdienst. Die Gesundheitsämter leisteten in der Pandemie Herausragendes. Dies sei aber vor allem dem großen Engagement der Beschäftigten zu verdanken - trotz einer immer noch unzureichenden personellen und materiellen Ausstattung, so Reinhardt.

Nötig sei auch eine zentrale Koordinierungsstelle für die Aktivitäten der einzelnen Ämter. Das Robert Koch-Institut (RKI) könnte einer solchen Bundesbehörde zuarbeiten, sollte aber nicht selbst diese Rolle ausfüllen. Vielmehr brauche das RKI ein «Upgrade» zu einer echten Infektionsschutzbehörde wie in den USA - unabhängig vom Bundesgesundheitsministerium. Gebraucht würden generell bessere Informationen. «Nie war die Vermittlung von Gesundheitskompetenz in der Allgemeinbevölkerung so wichtig wie in der Pandemie», sagte Reinhardt.

Digitalisierung wird überhastet - Bedenken abgekanzelt

Die Digitalisierung habe das Potenzial, einen Beitrag zur besseren Patientenversorgung zu leisten. Sie sei aber «kein Selbstzweck», mahnte Reinhardt. Dem Ministerium und der mehrheitlich bundeseigenen Gesellschaft Gematik sei es zuletzt fast nur ums Tempo gegangen. Bedenken und Warnungen, ob Anwendungen praxistauglich seien oder noch getestet werden müssten, seien «ignoriert oder abgekanzelt» worden. Ständige Störungen der Datenautobahn («Telematikinfrastruktur») beeinträchtigten aber den Praxisalltag. Nötige Technik fehle teils. Die Akzeptanz digitaler Anwendungen habe massiv gelitten.

«Wenn wir das jetzt noch verändern wollen, dann müssen wir die Reißleine ziehen und Ordnung in dieses Chaos bringen», forderte der Ärztepräsident: «Tempo raus aus der überhasteten Digitalisierung». In den nächsten zwölf Monaten sollte man sich darauf konzentrieren, geplante Anwendungen ausgiebig auf Praxistauglichkeit und ihren tatsächlichen Versorgungsnutzen zu testen. Die neue Bundesregierung solle daher ein einjähriges Stillhalten (Moratorium) für die Gematik festschreiben. Der geschäftsführende Minister Jens Spahn (CDU) hatte immer wieder Druck für mehr Digitalisierungstempo gemacht - etwa mit der Einführung von Gesundheitsapps und elektronischen Patientenakten.

Aus Sicht der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) geht es nicht um «Hast», sondern darum, dem Gesundheitswesen endlich Anschluss an die gesamtgesellschaftliche Entwicklung zu verschaffen. Durch bessere Digitalisierung könnten Doppelaufwand vermieden und Abläufe gestrafft werden, sagte der Sprecher des GKV-Spitzenverbands, Florian Lanz. «Es klingt vielleicht banal, aber wenn endlich alle Arztpraxen ihre Faxgeräte abschaffen würden und wirklich online wären, dann könnten wir gemeinsam einen Schritt in eine bessere Versorgung machen.» Dies könnte dann sogar auch wirtschaftlicher sein.

Reinhardt forderte von SPD, Grünen und FDP gesetzliche Schranken gegen eine weitere Kommerzialisierung des Gesundheitswesens. So sei der Einfluss von Finanzinvestoren auf die Versorgung zu begrenzen. Bei medizinischen Versorgungszentren dürfe sich das Leistungsangebot nicht nur auf einzelne, renditeträchtige Angebote konzentrieren, sondern müsse das ganze Leistungsspektrum eines Gebietes abdecken. Bei den Kliniken kämen die Länder Verpflichtungen zur Finanzierung meist völlig unzureichend nach. «Das kann so nicht bleiben.» Nötig seien auch Reformen für die Vergütung und die Planung von Kliniken.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland-Embargo: Razzia gegen mutmaßliches Exportnetzwerk
02.02.2026

Trotz EU-Embargos sollen Tausende Lieferungen an russische Unternehmen organisiert worden sein: Ermittler sind bei einer bundesweiten...

DWN
Politik
Politik EU-Kommission feuert Topbeamten: Neuer Korruptionsskandal erschüttert Brüssel
02.02.2026

Ein hochrangiger EU-Beamter verliert seinen Job nach interner Untersuchung. Der Fall Hololei wirft ein Schlaglicht auf Machtmissbrauch,...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kauflaune 2026: Hoffnung auf Rückenwind für den Einzelhandel
02.02.2026

Nach einem schwachen Jahr 2025 zeigt sich Hoffnung für den Einzelhandel: Die Kaufzurückhaltung der Verbraucher lockert sich leicht, und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Spaß im Job: Muss Arbeit Freude bringen? Und kann das überhaupt langfristig gelingen?
02.02.2026

Arbeit nimmt einen großen Teil unseres Lebens ein – doch viele zählen nur die Tage bis zum Wochenende. Muss ein Job wirklich Spaß...

DWN
Panorama
Panorama Krebssterblichkeit in Deutschland sinkt bei Jüngeren und Mittleren
02.02.2026

In Deutschland sterben jüngere und mittelalte Menschen deutlich seltener an Krebs als noch vor 20 Jahren, zeigt eine aktuelle Auswertung...

DWN
Finanzen
Finanzen Bitcoin-Kurs aktuell: Nach Kurssturz unter 80.000 US-Dollar startet Bitcoin einen Stabilisierungsversuch
02.02.2026

Nach dem massiven Abverkauf am Wochenende und zum Start in den Montagshandel, versucht der Bitcoin-Kurs aktuell einen...

DWN
Unternehmen
Unternehmen ADAC-Verkehrspräsident Hillebrand tritt nach Austrittswelle zurück
02.02.2026

Nach massiven Austritten von rund 60.000 Mitgliedern legt ADAC-Verkehrspräsident Gerhard Hillebrand sein Amt nieder. In einer Mitteilung...

DWN
Politik
Politik Schneller Recht bekommen: Reform für Verwaltungsgerichte geplant
02.02.2026

Bürger sollen künftig schneller zu einem Urteil kommen, wenn sie mit Ämtern streiten. Justizministerin Stefanie Hubig (SPD) kündigt...