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Corona-Totentanz rund um die Welt

Lesezeit: 5 min
12.11.2021 13:29  Aktualisiert: 12.11.2021 13:29
Prof. Dr. Werner Thiede befasst sich anlässlich des Totensonntags mit einem hochaktuellen Thema.
Corona-Totentanz rund um die Welt
Figuren des "Zitzenhausener Totentanz" aus dem 18. bis 19. Jahrhundert. (Foto: dpa)
Foto: Fabian Sommer

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In Deutschland nähert sich die Zahl der Corona-Toten der 100.000-Marke. Weltweit sind schon über fünf Millionen Menschen an oder mit Covid-19 verstorben. Diese Zahlen sind gewiss nur ein Bruchteil der einst sechsstelligen Opferzahlen schwerer Pandemien wie der Schwar­zen Pest im Mittelalter oder der Spanischen Grippe. Aber gemessen am heutigen medizini­schen und kulturellen Standard sind sie doch schockierend hoch, und man weiß ja noch nicht, wie es wei­tergehen wird. Insofern kann man sich an das mittelalterliche Motiv des Toten­tanzes erinnert sehen: Der Tod tanzt quer durchs moderne und postmoderne Leben.

Dieser brutale Tanz kommt der gesellschaftlichen Todestabuisierung in die Quere. Die indus­trialisierte und technisierte Kultur lebt weithin in einem strukturellen Ver­blendungszu­sam­men­hang, nämlich im Glauben an steten Fortschritt, ja an notwendiges, dem homo sapiens gemäßes Wachstum. Zu solchem Erfolgs- und Optimierungsdenken passt die Erfahrung des Todes schwerlich; sie ist jedes Mal aufs Neue demütigend - und dies besonders im Falle einer vielfach tödlichen Pandemie. Diese hat hinter die ideologisch anmutende Wachstums- und Kontrollierbarkeitsperspektive ein großes Fragezeichen gesetzt. Damit trägt sie bei zu einem zunehmenden glo­balen Krisen­bewusstsein. Apokalyptische Befürchtungen sprießen auch un­abhängig von religiösen Kon­texten empor.

Das Motiv des Totentanzes war um die Mitte des 14. Jahrhunderts aufgekommen, als eine Pestwelle durch Europa zog. Anschaulich be­gann man den Tod als Knochengerippe abzubil­den. Und so entstand der „Totentanz“ als eigene Kunst- und Literaturgat­tung. Dargestellt wur­den Leute jeden Standes und Alters, wie sie einen Reigen mit dem Tod oder mit einem Skelett tanzen. Das Makabre, ja Obszöne entsprechender Bilder bestand in der Verbindung von tragi­schen und fröhlichen Motiven. In gewisser Weise passt das auch zu unserer pandemisch ver­störten und doch digital in heiterer Stimmung verhar­renden Gesell­schaft. Der religiös trös­tende Horizont von einst ist heute gutenteils ausge­tauscht durch eine neuartige digitale Reli­gion, was die Bücher „Google Unser“ von Christian Hoffmeister oder „Die Anbetung“ von Marie-Luise Wolff nachweisen. Doch wie weit reicht der durch Cyber-Attacken zeitnah und durch Vergänglichkeit auf Dauer allzu poröse Trost technologischer Welten?

Und was war umgekehrt das tröstende Element in den mittelalterlichen Totentanz-Motiven? Dass der Tod hier als handelnde Person auftritt, lässt ihn letztlich als gehorsamen Diener Got­tes er­scheinen, vor des­sen Richterstuhl er den Ster­benden zu befördern hat. Jedermann muss „nach seiner Pfeife tanzen“, aber er selbst hat sei­ner­seits einen Herrn über sich, auf den man folglich hoffen darf. So heißt es in einem „Schnit­terlied, gesun­gen zu Regensburg, da eine hochadelige Blume unversehens abgebro­chen wurde im Jenner 1637“: „Es ist ein Schnitter, heißt der Tod, hat Gwalt vom großen Gott.“ Der sinnlos wütende Tod – doch nicht einfach ohne letzten Sinn, ohne eine abgrundtiefe Hoffnung?

Totenskelette hatten keinen letzten Schrecken, weil der Tod nicht als radikales Ende, sondern religiös als vorläufige Macht verstanden wurde. Eine Tabuisierung des Todes war daher im Spätmittelalter nicht notwendig. Man konnte sozusagen mit dem Tod leben, ohne dass er be­schönigt werden musste. Bei aller Grausamkeit sah man etwas Spielerisches an ihm, das sich im Motiv des Tanzes ausdrücken ließ. Eben nicht nur als Schnitter, sondern auch als Spiel­mann mit Laute, Dudelsack oder Bassgeige figurierte man ihn. Denn über sein Walten hinaus konnte man auf das Walten dessen blicken, der Auferste­hung vom Tod und ewiges Leben ver­heißt, ja schon im Glauben anheben lässt. Der Ernst des Todes und das Element des Humors bildeten insofern keinen krassen Wider­spruch. Die mahnenden Totentanz-Bilder wurden in der Regel durch dichterische Verse erläu­tert, die von innerer Heiterkeit zeugten. So hieß es beim Tod einer Tän­zerin: „Nun haben wir so lang ge­tanzt, Bis mich der Tod hat einge­schanzt.“ Oder beim Hingang eines Soldaten: „Bis hierher und nicht wei­ter, Du guter alter Streiter!“ Der makabre Tanz in den Tod war und blieb ein eindrückliches Bild.

Dabei ging es in den Totentanz-Motiven des Spätmittelalters bis hinein in die Anfänge der Neuzeit kei­neswegs nur um eine ars moriendi, eine „Kunst des Sterbens“, die erst auf dem Sterbebett zum Zuge kam, son­dern um eine mitten im Leben greifende, weisheitliche Ver­gegen­wärtigung der Sterblichkeit. Religiös fundiert, plädier­ten sie für Lebenskunst statt für Sterbekunst. Unüberseh­bar stell­ten sie die Hin­fälligkeit und Vergänglichkeit des eit­len Stre­bens nach menschlicher Pracht und deren Sicherung heraus. Möglich war das nur dank der christlichen Hoff­nung auf das ohne Ansehen der Person in Aussicht stehende Ge­schenk künfti­ger Auferste­hungsherr­lichkeit und das Jüngste Gericht, vor dem der Gleichheits­grund­satz in gewisser Hinsicht wiederhergestellt sein würde.

Mit dem Anbruch der Neuzeit und dem Durchbruch der Aufklärung begann diese Hoffnung zu schwinden. Zunehmend wurde sie transformiert in eine innerweltliche Hoffnung. Aus dem neuen Äon des ver­heißenen Gottes­reiches wurde die Neu-Zeit des „mündig“ gewordenen, autonom seine Zu­kunft ge­staltenden Menschen. Der biblische Glaube an die Heilsge­schichte wurde säkularisiert zum imma­nenten Fortschritts­glauben. Menschli­ches Glücks- und Herr­lich­keitsstreben gerieten damit freilich mehr und mehr unter den Bann radi­kaler Vergänglich­keit – und damit unter den Zwang zur „Zerstreuung“! Der Mathematiker Blaise Pascal er­kannte schon um den Beginn der Neuzeit: „Da die Menschen kein Heilmittel gegen den Tod, das Elend, die Un­wissenheit fin­den konnten, sind sie, um sich glücklich zu machen, dar­auf ver­fallen, nicht daran zu den­ken.“ Der zunehmende Bedeu­tungsver­lust christli­cher Heils­hoffnung führte dazu, dass man den Tod immer weniger aus­halten konnte. Die Erinne­rung ans Ster­benmüssen passte nicht mehr ins Schema inner­weltlicher Selbstoptimierung. Man musste den Tod deshalb aus dem Wirk­lich­keitskonzept der Moderne herausdrängen: Ihr sollte er mög­lichst nicht mehr oder allenfalls unauffällig da­zwischen ­tanzen.

Das gesellschaftliche Todestabu nahm seinen entscheidenden Aufschwung zu einer Zeit, als die Rede vom „Tod Gottes“ aufkam. Und als im 20. Jahrhundert der Tod in zwei Weltkriegen wie in schlimmsten Epidemien zuschlug, da war das Motiv vom Totentanz kein passen­des mehr – mochte auch in dem Roman „Hunde, wollt ihr ewig leben?“ von Fritz Wösse von „einer Orgie millionenfachen Totentanzes“ die Rede sein. Es war vor allem die bildende Kunst, die den Totentanz für die späte Moderne wiederentdeckte.

Das Interesse an diesem makabren Motiv hat dann um den Jahrtausendwechsel herum noch einmal zuge­nommen – zusammen mit einer Tendenz zu wiedererwachender Spiritualität und Religiosität. Aber diese Welle ist wieder abgeebbt, seit die digitale Revolution sich anmaßte, selbst den Sieg über den Tod technisch bewältigen zu können. Bis 2045 soll es einigen Real­utopisten zufolge bereits soweit sein, dass menschliches Be­wusstsein auf Maschinen über­tragen werden und so den Tod überdauern kann – zumindest für Reiche, die sich so etwas leis­ten können. Vielleicht werden es dann die Ärmeren sein, die sich mit der Erkennt­nis jener Wahrheit trösten, die schon in der Bibel zu lesen und von der Naturwissenschaft längst bestätigt ist: Himmel und Erde werden vergehen – mithin auch alle menschengemachte Tech­nik. Echte Unsterblichkeit und Auferstehung sind logischerweise allein vom Schöpfer und Voll­ender des Universums zu erwarten. Nur dort, wo man nach wie vor auf ihn vertraut, kann man dem Tod mit einer gewissen Heiterkeit begegnen – und es auch aushalten, ihn inmitten der Pandemie im Tanz­schritt aufwarten zu sehen. Der Tod hat nicht das letzte Wort: Ein neues Lied zu singen verheißt das letzte Buch der Hei­ligen Schrift den Hoffenden. Den Rhythmus des Totentanzes trägt die Melodie eines Gegen­tanzes, der die Zyklik natürlicher Vergäng­lichkeit durch­bricht. Christenmenschen kommen von der Auferstehung Jesu her und können im Blick auf die verheißene Erlösung mit Psalm 126 formulieren: Dann „werden wir sein wie die Träu­menden, dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein“. Gewiss, noch hat der Tod Gewalt, vielleicht bald noch viel mehr als in der bisherigen Menschheitsge­schichte! Doch es gibt inmitten dieser vergänglichen Welt seit bald zweitausend Jahren eine Per­spek­tive des Sieges über den Tod. Sie fordert auch die Zweifler von heute auf, der Musik des Totentanzes zu lauschen und darin einen nicht nur todeswütigen, sondern zugleich hoff­nungsmutigen Rhyth­mus zu entdecken, der auf positive Weise ansteckend sein könnte.

Das 20. Buch von Werner Thiede ist hochaktuell, denn die Pandemie hat die uralte Frage nach Tod und Unsterblichkeit verstärkt virulent werden lassen. Mit Macht drängt die Wahrheit sich wieder ins Bewusstsein: Wäre mit dem Tod alles aus, stünde es erbärm­lich um den Sinn des Lebens und der Welt. So sicher aber der Tod als Lebensende ist, so unsicher bleibt es, ob es nicht doch jenseits dieser Grenz­linie weitergeht. Vom Ob und Wie hängt unendlich viel ab. Werner Thiede hat sich viele Jahre mit der Frage nach einem Leben über den Tod hinaus wissenschaftlich und publi­zistisch befasst. Als apl. Professor für Systematische Theologie (Universität Erlangen-Nürnberg) und einstiger Mitarbeiter der Evangelischen Zen-tralstelle für Weltanschau­ungsfragen be­zieht er in seinem neuesten Werk auf 270 Seiten auch Parapsychologie, Esoterik und Nahtod-For­schung intensiv mit ein. Spannende Forschungsresultate werd­en präsentiert, evange­li­sche wie katholische Denkmodelle vorgestellt und gedank­lich geprüft. Thiede plädiert mit überzeugenden Argumenten für eine ganzheitlich ausgerichtete, die Seelenunsterb­lichkeit bejahende Auferstehungshoffnung.

„Das neue Buch von Werner Thiede leistet eine seltene, überaus geglückte Verbindung von Aktualität und Tiefe.“ Prof. Dr. Harald Seubert (ideaSpezial)

Für 24.90 € bestellbar beim Verlag vertrieb@lit-verlag.de oder im Buchhandel mit der ISBN 978-3-643-14878-0 (E-book: 978-3-643-34878-4).

www.werner-thiede.de

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Werner Thiede (geb. 1955) ist außerplanmäßiger Universitätsprofessor und Publizist (www.werner-thiede.de). Nach seiner Habilitation lehrte er Systematische Theologie an der Universität Erlangen-Nürnberg. Darüber hinaus war er Chefredakteur des "Evangelischen Sonntagsblatts aus Bayern". Thiede publiziert regelmäßig zu theologischen, gesellschaftlichen und technologischen Themen. Zu seinen Werken zählen unter anderem: "Mythos Mobilfunk: Kritik der strahlenden Vernunft" (2012 ); "Die digitalisierte Freiheit: Morgenröte einer technokratischen Ersatzreligion" (2013); "Die digitale Fortschrittsfalle: Warum der Gigabit-Gesellschaft mit 5G-Mobilfunk freiheitliche und gesundheitliche Rückschritte drohen" (2018); "Digitalisierung als Weltanschauung: Wie die rigorose Vernetzungspolitik mit 5G-Mobilfunk ideologische Züge offenbart" (2019). Zuletzt erschien: "Digitaler Turmbau zu Babel: Der Technikwahn und seine Folgen" (2015, 2. erw. Auflage 2021).


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