Politik

„Geistersoldaten“: Ein Großteil der afghanischen Armee hat nie existiert

Ein ehemaliger afghanischer Minister gibt eine mögliche Erklärung für den raschen Zusammenbruch von Staat und Armee angesichts der Taliban-Offensive.
15.11.2021 13:00
Aktualisiert: 15.11.2021 13:23
Lesezeit: 2 min

Die afghanische Armee verfügte nach Angaben eines ehemaligen Finanzministers des Landes vor der Machtübernahme der Taliban nur über einen Bruchteil der angeblich unter Waffen stehenden Soldaten. Tatsächlich habe es allenfalls ein Sechstel der angeblich 300.000 Soldaten und Polizisten gegeben, sagte Ex-Finanzminister Khalid Payenda der BBC vergangene Woche. Grund dafür seien korrupte Praktiken von Offizieren gewesen, die für die „Geistersoldaten“ Mittel von der Zentralregierung in Kabul erhalten hätten.

„Das lief so ab: Der Provinzvorsteher wurde gefragt, wie viele Männer er unter Waffen habe und basierend darauf wurden Gelder für Löhne und Versorgungsrationen bereitgestellt, welche immer viel zu hoch angesetzt waren“, zitiert die BBC Payenda.

Die BBC schreibt:

Der ehemalige Minister sagte, die Zahlen seien möglicherweise um mehr als das Sechsfache überhöht gewesen, weil sie sowohl Desertationen nicht abbildeten als auch Märtyrer, deren Tod nie bekannt wurde, weil einige der Kommandeure die Bankkarten der Soldaten behalten und ihre Gehälter abgehoben hätten, behauptet Payenda.

Schon lange gab es Zweifel an den offiziellen Truppenzahlen.

In einem Bericht des US-Sondergeneralinspektors für den Wiederaufbau in Afghanistan (Sigar) aus dem Jahr 2016 heißt es, dass „weder die Vereinigten Staaten noch ihre afghanischen Verbündeten wissen, wie viele afghanische Soldaten und Polizisten tatsächlich existieren, wie viele tatsächlich für den Dienst verfügbar sind, oder, im weiteren Sinne, die wahre Natur ihrer operativen Fähigkeiten".

Den ehemaligen Präsidenten Ashraf Ghani, welcher kurz vor der Ankunft der Taliban in Kabul Medienberichten zufolge mit Millionen US-Dollar geflüchtet sein soll, verteidigte Payenda jedoch gegen Korruptionsvorwürfe.

Die militant-islamistischen Taliban hatten im August in atemberaubender Geschwindigkeit noch vor dem geplanten Abzug westlicher Truppen die Macht in Afghanistan übernommen. Die afghanische Armee überließ ihnen beinahe kampflos das Feld. Die von den USA angeführte westliche Militärallianz musste die Hauptstadt Kabul zuletzt in einer chaotischen Evakuierungsmission verlassen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie iFLYTEK AINOTE Air 2 bringt KI-gestützte Notizen in ein noch kompakteres E-Ink-Tablet

Für viele Menschen sind die besten Produktivitätstools diejenigen, die nicht versuchen, den gesamten Arbeitstag zu übernehmen. Sie...

DWN
Politik
Politik Vor den US-Kongresswahlen ist Trump so unbeliebt wie nie zuvor – doch er hat einen Trumpf im Ärmel
04.07.2026

Donald Trump geht mit schlechten Umfragewerten in die US-Kongresswahl, mittlerweile ist er unbeliebter als Vorgänger Joe Biden. Doch kurz...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Mexiko: Dank niedriger Löhne sind sie wettbewerbsfähig
04.07.2026

Im vergangenen Jahr wurden dort 4,09 Millionen Fahrzeuge produziert, womit das Land weltweit den siebten Platz einnimmt. Die Branche...

DWN
Finanzen
Finanzen Blitzer, Fahrverbot, Unfallschäden: Die wichtigsten Verkehrsrechtsurteile für Autofahrer in Deutschland
04.07.2026

Einen Moment unaufmerksam, ein Blitzer – und wenig später liegt der Bescheid im Briefkasten. 2025 haben mehrere Gerichte entschieden,...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Mini JCW im Test: Kleiner Flitzer mit großem Preis
04.07.2026

Der Mini JCW fährt sich sportlich, direkt und auffällig wie kaum ein anderes Auto seiner Größe. Doch der Fahrspaß hat seinen Preis,...

DWN
Panorama
Panorama 250 Jahre USA: Warum viele nicht mehr an den amerikanischen Traum glauben
04.07.2026

Die Vereinigten Staaten blicken auf 250 Jahre Geschichte zurück. Doch während das Land sein Jubiläum begeht, wächst die Skepsis über...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Unternehmen setzen auf KI: Wer braucht schon Horden von Managern?
04.07.2026

Unternehmen bauen weltweit mittlere Führungsebenen ab und setzen stärker auf KI, Daten und flachere Strukturen. Was das konkret für die...

DWN
Panorama
Panorama Sechs tote Mitarbeiter in Stade – Schwiegermutter von SPD-Migrationsbeauftragtem fuhr Fluchtwagen
03.07.2026

In einer Jugendeinrichtung im niedersächsischen Stade sind sechs Mitarbeiter erschossen wurden. Nun werfen sowohl die Recherchen zur...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Varso Tower: Zweite Glasscheibe fällt vom höchsten Gebäude der EU
03.07.2026

Erst fiel Glas auf eine Straße, jetzt beschädigte eine Scheibe ein Auto: Am Varso Tower in Warschau häufen sich Vorfälle an der...