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Transhumanismus: Die Geschichte einer Eliten-Bewegung

Der Transhumanismus ist eine Philosophie der Eliten. Die wollen längst nicht mehr nur die Welt beherrschen, sondern auch die menschliche Evolution.
16.01.2022 10:11
Aktualisiert: 16.01.2022 10:11
Lesezeit: 5 min
Transhumanismus: Die Geschichte einer Eliten-Bewegung
Die Manipulation des Erbguts ist für Transhumanisten ein erstrebenswertes Ziel. (Foto: pixabay)

Der Begriff „Transhumanismus“ wurde von Julian Huxley geprägt. Seine im Jahr 1957 veröffentlichte Essaysammlung New Bottles for New Wine startet mit dem Essay „Transhumanismus“, wo er diesen Begriff erstmals verwendet. In dem Essay schreibt Huxley: „Die Qualität der Menschen, nicht einfach ihre Zahl, muss unser Ziel sein, und daher ist eine gezielte Politik nötig, um zu verhindern, dass die aktuelle Flut des Bevölkerungswachstums alle Hoffnungen auf eine bessere Welt zerstört.“

Als Julian Huxley den Begriff „Transhumanismus“ prägte, war er bei Weitem kein Unbekannter. Er war der ältere Bruder des berühmten Buchautors Aldous Huxley, dessen Hauptwerk der 1932 erschienene dystopische Zukunftsroman „Schöne neue Welt“ ist. Und vor allem war Julian Huxley im Jahr 1945 zum ersten Direktor der „Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur” (UNESCO) ernannt worden und bekannt als ein führender Eugeniker jener Zeit.

„Genetischer Ballast“

In seinem 1946 veröffentlichten Buch Unesco: Ihr Zweck und ihre Philosophie schrieb Julian Huxley: „Unsere erste Aufgabe muss darin bestehen, den Begriff der erwünschten und unerwünschten Richtungen der Evolution zu klären.“ Und dann wird er durchaus deutlich im Hinblick darauf, welche Ziele er als Eugeniker verfolgt: „Während Vielfalt an sich wünschenswert ist, kann die Existenz von Schwächlingen, Narren und moralisch unzulänglichen Personen nur schlecht sein.“

Huxley, der auch Präsident der Britisch Eugenic Society war, stellt in seinem Buch die Behauptung auf, dass die Menschheit sich in seiner Zeit wahrscheinlich genetisch verschlechtern wird, statt sich genetisch zu verbessern: „Auf jeden Fall scheint es wahrscheinlich, dass der Ballast aus genetischer Dummheit, körperlicher Schwäche, geistiger Instabilität und Krankheitsanfälligkeit, der bereits in der menschlichen Spezies existiert, sich als zu große Belastung erweisen wird, die wirkliche Fortschritte unmöglich macht.“

Auf der Grundlage dieser Analyse entwickelte Huxley seine Strategie für die Unesco. Er schreibt: „Auch wenn es völlig richtig ist, dass eine radikale Eugenikpolitik für viele Jahre politisch und psychologisch unmöglich sein wird, wird es für die Unesco wichtig sein, dafür zu sorgen, dass das Eugenikproblem mit größter Sorgfalt untersucht wird und dass die Öffentlichkeit über die anstehenden Fragen informiert wird, sodass vieles, was heute noch undenkbar ist, zumindest denkbar wird.“

Bei Julian Huxley zeigen sich die beiden Ziele der transhumanistischen Bewegung, die hier Hand in Hand gehen: einerseits der Kampf führender Intellektueller seiner Zeit gegen eine vermeintlich drohende globale Überbevölkerung und andererseits ihre eugenischen Bemühungen. Mithilfe der im 20. Jahrhundert rasant voranschreitenden technologischen Möglichkeiten wollten sie Menschen von „höherer Qualität“ schaffen, wie Huxley es ausdrückte.

„Evolutionär überlegen“

Der Begriff der Eugenik war im Jahr 1883 von dem britischen Naturforscher Sir Francis Galton geprägt worden, einem entfernten Verwandten von Charles Darwin, dem Vater der Evolutionstheorie. Galton definierte die Eugenik als „eine Moralphilosophie zur Verbesserung der Menschheit, indem die Besten und Klügsten zur Fortpflanzung ermutigt werden“. Er nutzte die Evolutionstheorie von Darwin, um die von ihm geprägte Wissenschaft der Eugenik zu rechtfertigen.

Dalton versuchte sogar zu beweisen, dass die Familien der britischen Aristokratie eine überlegene Rasse seien. Schließlich seien sie es gewesen, die sich im Überlebenskampf an die Spitze der Gesellschaft gekämpft hatten. Die britische Aristokratie war dieser Argumentation – nicht unbedingt überraschend – durchaus zugeneigt und förderte die Eugenik wie zuvor den Darwinismus. Denn auch Darwin hatte den Standpunkt vertreten, dass die Eliten „evolutionär überlegen“ waren. Statt wie einst auf Gott, fußte die Aristokratie ihren Herrschaftsanspruch nun auf die Wissenschaften.

Mit der Verbreitung der Wissenschaften verbreitete sich auch die Eugenik. Ende des 19. Jahrhunderts erreichte die Lehre die USA, wo nun ebenfalls genetische Untersuchungen durchgeführt wurden. So startete etwa der Gefängnisarzt Henry Clay Sharp im Jahr 1899 ein Programm zur Sterilisierung von „degenerierten“ Häftlingen. Nur wenige Jahre später wurde unter seiner Mitwirkung im Bundesstaat Indiana ein Gesetz verabschiedet, dass die Zwangssterilisierung von „degenerierten“ Personen vorschrieb.

In der Folge wurde die American Eugenics Society gegründet, die einen Werbefeldzug startete, um die Eugenik populär zu machen. Finanziert wurde die Organisation unter anderem durch die drei mächtigen Familienclans Carnegie, Harriman und Rockefeller. Die Eugenik war damals eine allgemein anerkannte Wissenschaft. Und mehr als das: Sie war auf dem besten Weg, die Religion der Zukunft zu werden, wie ihr Urheber, der Brite Sir Francis Galton, es einst erhofft hatte.

Doch Mitte des 20. Jahrhunderts erfuhr die Bewegung einen heftigen Rückschlag, als bekannt wurde, dass die Eugenik entscheidenden Einfluss auf die Nationalsozialisten gehabt hatte, welche sie unter dem Begriff „Rassenhygiene“ zum politischen Programm gemacht hatten. So schreibt Adolf Hitler in Mein Kampf: „Ein Staat, der sich im Zeitalter der Rassenvergiftung der Pflege seiner besten rassischen Elemente widmet, muß eines Tages zum Herrn der Erde werden.“

Nach dem Vorbild aus Amerika verordneten die Nationalsozialisten etwa Zwangssterilisation von als „behindert“ und „erbkrank“ klassifizierten Menschen. Zudem betrachteten sie die Juden als unerwünschte Rasse und verfolgten schließlich sogar die „Ausrottung des Judentums in Europa“, wie Hitler es ausdrückte. Nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem der Kriegspropaganda zufolge das Böse an sich besiegt wurde, haftete nun auch der Eugenik der Ruf des Bösen an, und der Begriff war nicht mehr haltbar.

Deshalb kam der von Julian Huxley im Jahr 1957 geprägte Begriff des Transhumanismus gerade recht. Inhaltlich war Transhumanismus nichts anderes als eine Fortsetzung der in Ungnade gefallenen Eugenik. Das einzig Neue bestand nun darin, dass wegen der fortschreitenden Wissenschaften zunehmend eine technologische Umgestaltung der menschlichen Biologie möglich erschien. Die Veränderung des Menschen war nun also absehbar nicht mehr nur auf Selektion und Auslese beschränkt.

„Gott ist eine Hypothese“

Sowohl Eugeniker als auch Transhumanisten waren sich von Anfang an völlig bewusst, dass jeder ihrer Fortschritte auf Ablehnung treffen und als Blasphemie angesehen würde. Denn nicht nur die herkömmliche Eugenik, darunter die Tötung sogenannten unwerten Lebens, wurde als Angriff auf die göttliche Schöpfung gesehen, sondern auch die Anwendung der Genetik zur vermeintlichen Verbesserung der menschlichen Gesundheit und Intelligenz nach den Vorstellungen der Transhumanisten.

Auf den auf christlicher Moral und christlichen Wertvorstellungen basierenden Widerstand reagierten die Transhumanisten, indem sie ihrerseits einen Feldzug gegen Tradition und Christentum starteten. Julian Huxley schrieb 1964 in seinem Essay The New Divinity: „Gott ist eine Hypothese, die der Mensch aufgestellt hat, um zu verstehen, was Existenz eigentlich bedeutet. [...] Heute ist die Gotteshypothese wissenschaftlich nicht mehr haltbar, hat ihren Erklärungswert verloren und wird zu einer intellektuellen und moralischen Belastung für unser Denken.“

Der christliche Glaube befindet sich in den westlichen Gesellschaften unübersehbar auf dem Rückzug. Haben die Transhumanisten die Auseinandersetzung mit ihm schon endgültig gewonnen? Und wenn ja - wird sich ihnen ein anderer Gegner in den Weg stellen?

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