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Der Mittelstand profiliert sich als Friedensstifter - dem Ukraine-Konflikt zum Trotz

Lesezeit: 3 min
20.01.2022 18:26  Aktualisiert: 20.01.2022 18:26
Die AHK Russland zeigt sich in der Ukraine-Krise sehr gelassen - und berichtet sogar von einem besonderen Investitions-Rekord. Wenn alles tatsächlich so dramatisch wäre, wie viele befürchten, dann würde die Kammer dies auch zugeben - oder zumindest schweigen.
Der Mittelstand profiliert sich als Friedensstifter - dem Ukraine-Konflikt zum Trotz
Schalke 04 stützt sich auf seinen Hauptsponsor Gazprom und zählt mit einem Jahreserlös von 200 Millionen Euro zum Mittelstand. (Foto: dpa)

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"Knapp 30 russische Firmen haben sich im vergangenen Jahr in Nordrhein-Westfalen angesiedelt," sagt Felix Neugart, der Geschäftsführer der Außenwirtschafts-Förderungsgesellschaft "NRW.Global Business". Dazu gehören beispielsweise das Moskauer Unternehmen "Antmaschinen", das ferngesteuerte Roboter fertigt, und der russische Lieferdienst-Startup "GetFaster", so der Funktionär.

Neugarts Aussagen stammen von der aktuellen digitalen Russland-Konferenz 2022 der IHK Düsseldorf und der AHK Russland, die vor einer Woche stattgefunden hat. Nordrhein-Westfalen ist deswegen so wichtig, weil es mit einem jährlichen Bruttoinlandsprodukt (BIP) von rund 700 Millionen Euro das wirtschaftsstärkste Bundesland ist - noch vor Bayern (610 Millionen Euro) und Baden-Württemberg (500 Millionen Euro). "Ein Ansiedlungsrekord in NRW", sagte ein weiterer Konferenzteilnehmer.

Damit ignorierten die Investitions-Förderer die Angst-Rhetorik, die derzeit in vielen Ländern von den Politikern verbreitet wird. Manche befürchten wegen des Ukraine-Konfliktes einen "Krieg in Europa". Anders die Vertreter der Wirtschaft, die keinen Grund sehen, ihre Geschäfte zu verringern. Und ihr Verhalten ist ein wichtiger Fingerzeit, um den Ausmaß des Konfliktes zu interpretieren. Wenn es tatsächlich so ernst stünde, dann würden sie das schon sagen - oder im ungünstigsten Fall zumindest schweigen. Doch gehen sie sogar noch in die Offensive und sprechen sich für weitere Geschäfte der Deutschen mit Russland aus.

Russischer Generalkonsul weiterhin optimistisch

„Russland ist mit seiner Bevölkerung von 140 Millionen Menschen alles andere als ein kleiner Markt“, betont der AHK-Vorstandsvorsitzende Matthias Schepp. Wer den Einstieg in diesen Markt wagen wolle, solle sich vor allem auf Wirtschaftsmessen nach nützlichen Geschäftskontakten umsehen, so Thomas Stenzel, Geschäftsführer von "Messe Düsseldorf Moskau". „Ich bin sehr optimistisch, obwohl das nicht der Wahrnehmung der heutigen Situation entspricht“, sagt Aleksey Dronow, russischer Generalkonsul in Bonn, mit Blick auf die Beziehungen beider Länder. Deutschland und Russland würden sich gut als Wirtschaftsakteure ergänzen, führt er aus. Diese Chance dürfe man nicht verspielen.

Hintergrund: Deutschland und Russland sind wirtschaftlich äußerst eng verbunden. In diesem Zusammenhang spielen viele deutsche Mittelständler, die oft in größere Projekte eingebunden sind, eine wichtige Rolle - beispielsweise in den Bau der gewaltigen Nordstream-Gasleitungen, die aber bei weitem nicht die einzigen wichtigen gemeinsamen Vorhaben sind. Damit tragen die deutschen Unternehmen quasi zur Deeskalierung von politischen Konflikten bei und profilieren sich als eine Art Friedensstifter. Sie haben zwar unter den Sanktionen gelitten, doch halten sie an ihren russischen Geschäften fest.

Dass die deutsch-russischen Geschäfte grundsätzlich stark geblieben sind, wird auch an den Statistiken deutlich: So haben die deutschen Netto-Direktinvestitionen in Russland im ersten Halbjahr 2021 knapp 1,4 Milliarden Euro betragen. Das teilt die Deutsche Bundesbank mit. Darüber hinaus hat das Land 2020 zu den 15 wichtigsten Handelspartnern Deutschlands gehört. Wie das Bundeswirtschaftsministerium mitteilt, betrugen die deutschen Exporte 23,1 Milliarden Euro und die deutschen Importe 21,8 Milliarden Euro. Russland lag damit auf den jeweiligen Handelslisten auf dem 15. beziehungsweise 14. Platz.

"Deutschland wichtiger Markt für Gazprom"

Im Zentrum des deutsch-russischen Business steht immer noch die Energie-Industrie - an vorderster Linie Gazprom. "Deutschland ist ein wichtiger Markt für Gazprom", kommentiert der russische Dienst der Deutschen Welle (DW). "Sein Schlüsselpartner in der Bundesrepublik ist der Ölkonzern Wintershall Dea. Die hundertprozentige Tochter des Chemiekonzerns BASF hat sich nicht nur am Bau der ersten und zweiten Nordstream-Leitung beteiligt, sondern auch gemeinsam mit Gazprom das Joint-Venture ´Achimgaz´ gegründet, das in Sibirien die sogenannten Achimov-Vorkommen erschließt, die nur schwer zugänglich sind", schreibt die Publikation.

Wie wichtig Deutschland für Gazprom ist, wird auch an der Entwicklung der Lieferungen deutlich. So hat das russische Unternehmen bis Ende August 2021 seine Gaslieferungen im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 17,9 Prozent auf 337,2 Milliarden Kubikmeter Rohstoff vergrößert. Und gerade die Verkäufe nach Deutschland wurden aufgestockt, wie aus einer offiziellen Erklärung des Konzerns hervorgeht. Gazprom hat seinen deutschen Kunden 39,3 Prozent mehr als noch zwölf Monate zuvor geliefert.

Darüber hinaus versucht der Gas-Riese sein Image in Deutschland verbessern, indem er als Hauptsponsor dem wirtschaftlich angeschlagenen Traditionsklub Schalke 04 unter die Arme greift. Derzeit fristet der Verein nur in der Zweiten Liga sein Dasein - und kann jede Hilfe von außen gut gebrauchen. Die Umsätze der Schalker sind von 2018 bis 2020 regelrecht eingebrochen - und zwar von 350 auf nur noch 175 Millionen Euro. In dieser geschäftlichen Größenordnung gehört der Klub dennoch zum soliden Mittelstand. Das Sponsoring ist somit ein gutes Beispiel deutsch-russischer Kooperation.

Brandenburger Rosneft-Tochter versorgt deutsche Hauptstadt mit Benzin

Doch das ist noch nicht alles: Eher im Stillen agiert der russische Ölriese Rosneft auf dem größten Markt in Europa - dem deutschen. Der staatliche Ölmulti kontrolliert die Mehrheitsanteile an der Brandenburger Raffinerie PCK, die den Rohstoff direkt aus Russland über die "Druschba"-Pipeline erhält - was auf deutsch "Leitung der Freundschaft" heißt. Dort hat die Deutsche Telekom gerade damit begonnen, für den Betrieb ein riesiges 5G-Netz zu bauen.

Was viele nicht wissen: Rosneft ist auf dem deutschen Ölmarkt eine richtig große Nummer. Denn das Unternehmen ist hierzulande bei der Verarbeitung von Mineralöl die Nummer drei - und zwar mit rund 12,5 Millionen Tonnen Rohöl pro Jahr. Das entspricht mehr als 12 Prozent der gesamten deutschen Verarbeitungskapazität. Die Russen kontrollieren nicht nur PCK, sondern auch an die westdeutsche Mineralölraffinerie Oberrhein (MiRO) und Bayernoil.

Übrigens: PCK versorgt nach eigenen Angaben ganz Berlin und Brandenburg mit Benzin und Treibstoff. Sollten die Russen einmal nicht liefern, dann steht der Großteil des Verkehrs in der deutschen Hauptstadt still.

Doch dies ist offenbar noch nicht das Ende der Fahnenstange. So will das russische Management in Deutschland noch mehr erreichen, wie auf der Website steht: "Erklärtes Ziel von Rosneft ist, seinen Wettbewerbsvorsprung im Bereich Raffinerien aufrechtzuerhalten und zu steigern – durch hohe Verlässlichkeit im laufenden Betrieb, hohe Effizienz in der Verarbeitung und bei den Kosten sowie durch die Vermarktung von Mineralölprodukten in höchster Qualität."

 


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