Finanzen

Lügt die Fed? Wenn die Zinsen wirklich steigen, kommt es zur Schulden-Apokalypse

Einer Analyse zufolge kann die US-Notenbank die Zinsen nicht erhöhen, weil es ansonsten zu einer gigantischen Schuldenkrise kommen würde. Wenn sie es doch tun sollte, müsste sie den Schritt sofort korrigieren.
22.01.2022 13:25
Aktualisiert: 22.01.2022 13:25
Lesezeit: 3 min
Lügt die Fed? Wenn die Zinsen wirklich steigen, kommt es zur Schulden-Apokalypse
Der Mond steht hinter dem One World Trade Center und dem Finanzdistrikt Lower Manhattan. (Foto: dpa)

Der Analyst Kim Iskyan traut der Aussage der US-Notenbank Fed, wonach die Zinsen mehrmals im Jahr 2022 erhöht werden sollen, nicht. In einem Gastbeitrag von „American Consequences“ führt er aus, warum eine Erhöhung der Zinsen in den USA katastrophale Folgen hätte.

Die Ausführungen von Iskyan werden unkommentiert wiedergegeben:

Die Fed warnt immer wieder davor, dass die Zinssätze in den kommenden Jahren stark steigen werden.

„Die Wirtschaft braucht oder will keine äußerst entgegenkommende Politik mehr“, sagte der Vorsitzende der Fed, Jerome Powell, bei einer Anhörung im US-Senat. Die Fed strebt an, ihre wirtschaftsunterstützenden Wertpapierkäufe (60 Milliarden US-Dollar an Anleihen und hypothekenbesicherten Wertpapieren pro Monat) im März 2022 zu beenden.

Und die sie hat deutlich gemacht, dass sie beabsichtigt, die Leitzinsen bald anzuheben. Die Vertreter der Fed planen nach eigenen Angaben eine Erhöhung um bis zu 100 Basispunkte, was die Zinssätze auf 1,0 bis 1,25 Prozent ansteigen lassen würde.

Das „CME FedWatch Tool“ prognostiziert eine Wahrscheinlichkeit von 25 Prozent, dass die Zinsen bis Dezember 2022 zwischen 1,25 und 1,50 Prozent liegen werden.

Und Konsensprognosen gehen davon aus, dass die Zinssätze bis Ende 2023 über 2,0 Prozent liegen werden.

Zinserhöhungen könnten bereits im Januar 2022 angekündigt werden, wenn sich die Fed am 25. Und 26. Januar trifft – obwohl es wahrscheinlicher ist, dass eine Zinseröhung während der Sitzung der Fed Mitte März stattfindet. Wenn es nach dem milliardenschweren Hedgefonds-Manager Bill Ackman geht, wird die Fed mit einer Erhöhung um 50 Basispunkte beginnen, um die Finanzmärkte zu „schockieren und zu beeindrucken“, indem sie „ihre Entschlossenheit zur Inflation [demonstriert]“.

Es gibt guten Grund für die Fed, sich Sorgen um die Inflation zu machen, die im Dezember 2021 eine Jahresrate von 7,0 Prozent erreichte. Das ist der höchste Wert seit fast vier Jahrzehnten. Die Anhebung der Zinssätze ist eines der Instrumente im Arsenal der Fed, um die Kaufkraft des Dollars zu stärken – was wiederum die Inflation ausgleicht.

Höhere Zinssätze führen zu einer Verteuerung der Kreditaufnahme für Privatpersonen und Unternehmen – und vor allem für potenzielle Käufer von Immobilien. Höhere Zinsen können auch die Aktienkurse nach unten ziehen. Doch das ist nicht das größte Problem.

Höhere Zinsen können den Bundeshaushalt ins Verderben stürzen – in mehr als einer Hinsicht.

Im Jahr 2020 belief sich der Bundeshaushalt der US-Regierung nach Angaben des überparteilichen „Congressional Budget Office“ auf 6,6 Billionen US-Dollar. Davon entfielen 4,6 Billionen Dollar auf sogenannte „obligatorische Ausgaben“ – einschließlich Anspruchsprogrammen wie Sozialversicherung, Medicare und Medicaid.

Weitere 1,6 Billionen Dollar entfielen auf „diskretionäre“ Ausgaben, die die Verteidigung und alles andere umfassen – von Gesundheit über Justiz und Landwirtschaft bis hin zu Bildung.

Die restlichen 345 Milliarden Dollar umfassten Zinszahlungen auf Staatsschulden, die sich derzeit auf mehr als 29 Billionen Dollar belaufen. Bei 5,3 Prozent der Gesamtausgaben mögen Zinszahlungen wie ein Rundungsfehler klingen.

Aber diese Summe ist nach Angaben der Denkfabrik „Committee for a Responsible Federal Budget“ („CRFB“) mehr als das Vierfache dessen, was die Regierung für Wohnungen ausgeben wird.

Mit anderen Worten: 345 Milliarden US-Dollar an Zinszahlungen sind vielleicht nicht mehr das, was sie früher gewesen sind, aber es ist immer noch eine gewaltige Summe an Geld.

Mit steigenden Zinsen steigen auch diese Zinsaufwendungen. 345 Milliarden Dollar, die die Regierung zu historisch niedrigen Zinsen an Schulden zahlt, wird bei einer Zinserhöhung zu einer Erhöhung der Schulden führen.

Ein Anstieg der Zinssätze um einen Prozentpunkt – der wahrscheinlich noch in diesem Jahr erfolgen wird – würde den Geldbetrag, der für Zinsen auf die Staatsschulden gezahlt wird, auf 530 Milliarden Dollar ansteigen lassen.

Und eine Erhöhung um zwei Prozentpunkte – nach aktuellen Prognosen bis 2023 durchaus möglich – würde die Zinsen auf die Staatsschulden auf 750 Milliarden Dollar anheben. Das ist ungefähr so ​​viel wie alle Staatsausgaben für die Verteidigung.

Drei Prozentpunkte höher, und die Regierung würde fast eine Billion US-Dollar allein für Zinsausgaben ausgeben, was etwa 20 Prozent der gesamten Steuereinnahmen des Bundes entspricht und ungefähr so ​​​​viel ist, wie jedes Jahr für Sozialversicherungsleistungen ausgegeben wird.

Die Fed könnte theoretisch so viele Dollar drucken, wie die Regierung benötigt, um ihre Zinszahlungen zu leisten. Doch das würde die Inflation anheizen. Die US-Regierung könnte auch eine Steuererhöhung durchführen, was jedoch einem „politischen Selbstmord“ gleichen würde.

Eine andere Alternative bestünde darin, die Ausgaben zu kürzen. Aber es gibt nicht viel Spielraum. Wenn wir die „obligatorischen Ausgaben“ und die Verteidigungsausgaben abziehen, bleiben nur 20 Prozent des Budgets übrig. Diese 20 Prozent würden übrigbleiben, um für alles andere zu bezahlen.

Die US-Regierung steht vor einer großen Schuldenkrise. Diese könnte die Stabilität des Dollars gefährden und den Status des Dollars als Reservewährung der Welt weiter in Frage stellen.

Nun stellt sich folgende Frage: Wird die Fed die Zinsen wirklich anheben? Nach eigenen Angaben will die Fed dies tun und auch die Märkte rechnen damit. Doch der Anleihenmarkt reagiert nicht, was ein Hinweis darauf ist, dass dieser Markt die Ankündigung der Fed mit Argwohn beäugt.

Es ist vorstellbar, dass die Fed die Zinsen über einen bestimmten Zeitraum auf über 1,0 Prozent anhebt. Doch lange dürfte sie diesen Trend nicht durchhalten und müsste dann diesen Schritt wieder zurückziehen, weil der Verschuldungsgrad des US-Haushalts das nicht lange durchhalten würde.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Damit Sie sich auf Ihr Unternehmen konzentrieren können

Ein Unternehmen zu führen, bedeutet, täglich Verantwortung zu übernehmen und Entscheidungen zu treffen. Gleichzeitig soll möglichst...

 

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wachstum in Europa: EIB-Ökonom rät Unternehmen, stärker nach Süden zu blicken
24.10.2026

Deutschland erholt sich, doch Europas Wirtschaft kämpft weiter mit Bürokratie, Investitionsschwäche und einem fragmentierten...

DWN
Finanzen
Finanzen Steuervergleich 2026: Was von 50.000 Euro Gehalt, Gewinn und Kapital wirklich übrig bleibt
24.10.2026

50.000 Euro verdienen und trotzdem völlig unterschiedlich viel Geld behalten? In Deutschland entscheidet nicht nur die Höhe des...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Online-Handel: Amazon plant Investitionen von rund 16 Milliarden Euro
24.10.2026

16 Milliarden Euro will Amazon 2027 in Deutschland investieren – ein großer Teil soll in Cloud und KI rund um Frankfurt fließen. Was...

DWN
Finanzen
Finanzen Flucht in die Endlichkeit: Wie ein überforderter Anleihemarkt den Bitcoin-Kurs treibt
24.10.2026

Das US-Finanzministerium kauft seine eigenen Schulden zurück, damit sie überhaupt noch jemand haben mag, und der Bitcoin hat das...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft BMW X5 im Test: Warum die fünfte Generation alles anders macht
24.10.2026

Fast 100.000 Euro Einstiegspreis, bis zu 845 Kilometer elektrische Reichweite und ein Auftritt, der kaum zu übersehen ist: Mit dem neuen...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Kokain am Arbeitsplatz: Wenn ausgerechnet die besten Mitarbeiter abhängig werden
24.10.2026

Kokain ist längst keine Droge mehr, die nur auf Partys konsumiert wird. Immer häufiger erreicht der Konsum auch den Arbeitsalltag....

DWN
Finanzen
Finanzen Aktien kaufen: Diese Branchen könnten den KI-Hype schlagen
24.10.2026

Die Börsen brechen Rekorde, doch der Höhenflug steht auf wackligen Beinen. Wenige Technologiekonzerne treiben die Kurse, während...

DWN
Politik
Politik China macht seine Grenzen dicht: Ein neuer Eiserner Vorhang
24.10.2026

China macht seine Grenzen dicht, und längst trifft es nicht mehr nur politisch unbequeme Bürger. Lehrer, Ärzte und KI-Ingenieure dürfen...