Politik

Russischer Meinungsforscher: Putin weiterhin populär, doch Verunsicherung wächst

Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten haben mit einem leitenden Wissenschaftler des "Levada Center", des führenden russischen Meinungsforschungsinstituts, gesprochen.
02.03.2022 09:41
Aktualisiert: 02.03.2022 09:41
Lesezeit: 3 min
Russischer Meinungsforscher: Putin weiterhin populär, doch Verunsicherung wächst
Verkäufer präsentieren im Jahr 2014 Sweatshirts mit dem Konterfei des russischen Präsidenten Wladimir Putin im Luxus-Kaufhaus "Gum". (Foto: dpa) Foto: Yuri Kochetkov

Der russische Angriff auf die Ukraine wird von den Ländern des Westens einhellig verurteilt. Doch was denkt die russische Bevölkerung über die Invasion? Die Deutschen Wirtschaftsnachrichten sprachen mit Alexey Levinson, Forschungsleiter am „Levada Center“, dem führenden Meinungsforschungsinstitut in Russland.

Was die Zustimmung zum Krieg angeht, bestehe ein Unterschied zwischen den großen Städten und dem Rest des Landes, so Levinson: „In Städten wie St. Petersburg und vor allem Moskau ist mehr als ein Viertel der Bevölkerung gegen die russische Intervention. In den kleineren Städten und auf dem Lande sind es viel weniger.“ Dies sei seine persönliche Einschätzung, die auf früheren Umfragen beruhe. Der größte Teil der Öffentlichkeit begrüße derzeit die Invasion: „Diese Menschen halten es für richtig, dass Russland auf der internationalen Bühne Stärke zeigt und wie eine Großmacht auftritt." Der Verlauf der Ereignisse in der Ukraine könne diese anfängliche Einstellung aber ändern, so wie es beim Krieg in Tschetschenien der Fall war, der anfangs begrüßt und am Ende verflucht worden sei.

Laut Levada-Umfragen äußerte sich im Februar eine große Mehrheit von mehr als zwei Drittel (circa 70 Prozent) der russischen Bevölkerung zustimmend zu Putins Leistung als Präsident (im Dezember lag der Anteil mit 63 Prozent bei etwas weniger als zwei Drittel). Die jüngsten Ereignisse hätten die Menschen jedoch verunsichert. Einerseits seien die Bindungen zwischen Russen und Ukrainern sehr eng. Viele haben Familienangehörige und Freunde in der Ukraine, und viele Ukrainer haben in Russland Arbeit gefunden. Die Angst vor einem globalen militärischen Konflikt, die Angst vor dem Dritten Weltkrieg sei ebenfalls vorhanden. Die Angliederung der Krim an die Russische Föderation habe seinerzeit auf breite Zustimmung in der Bevölkerung gestoßen. Putins Ziel sei es, diesen Erfolg zu wiederholen. „Wir sind nicht sicher, ob ihm das gelingen wird“, kommentiert Levinson.

Landesweit fänden Demonstrationen gegen die Invasion statt, und die Polizei habe bereits über 2.700 Personen festgenommen. In Russland sei es auch nicht erlaubt, die Invasion in den Medien und sozialen Medien als „Krieg“ zu bezeichnen, so Levinson. Die Einhaltung dieser Vorschrift werde von „Roskomnadsor", dem Föderalen Dienst für die Aufsicht im Bereich der Informationstechnologie und Massenkommunikation, streng überwacht. Dennoch werde das Wort „Krieg“ im Alltag verwendet, zum Beispiel unter Studenten.

Levinson zufolge stellt die Invasion in der Ukraine den vorläufigen Höhepunkt einer Entwicklung dar, die mindestens bis 2004, dem Jahr der so genannten „Orangenen Revolution“ in der Ukraine, zurückreiche. Levinson: „Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion, die im Dezember 1991 offiziell aufgelöst wurde, gab es sowohl in der Ukraine als auch in Russland selbst durchaus ernstzunehmende liberale, pro-westliche Strömungen. Zwischenzeitlich wurde sogar darüber diskutiert, ob Russland der NATO beitreten könnte. Doch dann fand in den russischen Eliten ein Umdenken statt. Das Ziel der Annäherung an den Westen wurde nicht mehr verfolgt. Und auch die Ukraine sollte aus geostrategischen und kulturellen Gründen in der russischen Einflusssphäre bleiben." Seit dem Maidan-Putsch in Kiew 2014 scheine die Entfremdung zwischen Russland und dem Westen unumkehrbar zu sein, so Levinson. Und die russischen Behörden versuchten alles, um zu verhindern, dass sich die Ukraine nach Westen bewegt und der EU und der NATO beitritt, wie es viele osteuropäische Länder getan haben. Dies sei der Hauptgrund für die Abtrennung der Halbinsel Krim sowie die Turbulenzen und Unruhen im Donbass.

Im Gegensatz zu Russland sei die Ukraine jedoch im Grunde ein dreigeteiltes Land, so Levinson: „Der Westen des Landes gehörte einst zu Österreich-Ungarn, und hier bekennen sich noch viele Menschen zum katholischen Glauben. Im Rest des Landes ist der orthodoxe Glaube am weitesten verbreitet. Im Osten ist Russisch die Muttersprache eines Großteils der Bevölkerung, anders als im Westen. Kiew ist eine Mischung aus allem. Die Ukraine ist also ein sehr komplexes Land und lässt sich nicht eindeutig dem einen oder anderen Kulturkreis zuordnen."

Allerdings dürfe man nicht übersehen, dass Russland selbst trotz seiner Probleme mit dem Westen im Kern auch ein europäisches Land sei: „Es ist zwar derzeit sehr in Mode, von Russland als einer eurasischen Nation zu sprechen, die in gewissem Sinne tiefer in den Steppen Asiens verwurzelt ist als in den Wäldern um St. Petersburg. Aber das ist nur Gerede." Die meisten Russen fühlten sich als Europäer, und Deutschland oder Frankreich seien ihnen näher als etwa China. Levinson: „Besuchen Sie die Tretjakow-Galerie in Moskau, lesen Sie Tschechow, hören Sie Tschaikowsky. Russland gehört zu Europa - auch wenn die derzeitigen Eliten darauf bestehen, dass es das nicht tut.“

Info zur Person: Alexey Levinson ist ausgebildeter Soziologe und arbeitet als Leitender Forscher am „Levada Center“, dem führenden Meinungsforschungsinstitut in Russland.

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Moritz Enders ist freier Autor und schreibt regelmäßig für die Deutschen Wirtschaftsnachrichten.

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