Deutschland

Unfall oder Attentat? DWN-Chefredakteur Hauke Rudolph live am Berliner Breitscheidplatz

Was passiert ist, steht weitestgehend fest. Die Hintergründe liegen jedoch im Dunkeln.
08.06.2022 15:01
Aktualisiert: 08.06.2022 15:01
Lesezeit: 2 min

War es ein Unfall oder ein Attentat? Das steht zu diesem Zeitpunkt noch nicht fest. Die Berliner Polizei mauert. Im Gespräch mit mir wollte die Leiterin der Pressestelle, die Erste Hauptkommissarin Anja Dierschke, nur das bestätigen, was sowieso schon bekannt ist. Nämlich, dass heute Morgen um 10.26 Uhr ein Auto am Kurfürstendamm (Kudamm) von der Fahrbahn abkam, auf den Bürgersteig preschte, dort mehrere Menschen überfuhr und einen von ihnen tötete, wieder zurück auf die Fahrbahn raste und ein paar hundert Meter weiter in das Schaufenster eines Douglas-Geschäfts krachte.

Dort sei der Fahrer dann festgenommen worden, nachdem er "festgehalten und der Polizei übergeben" worden war. Er befindet sich "in Gewahrsam", so Dierschke. Nähere Angaben zu seiner Person wollte sie nicht machen, außer, dass es sich bei dem Fahrzeug um einen Renault Cleo und bei dem Fahrer um einen Mann handele. Unter anderem wollte sie nichts zu seiner Nationalität sagen: "Wir halten uns da an den Presse-Kodex. Wenn die Nationalität für den Sachverhalt von Belang ist, etwa, wenn es sich um eine politisch motivierte Tat handelt, geben wir sie heraus. Bei einem Unglücksfall nicht."

Der Mann wird derzeit verhört. Nach Angaben der Bild-Zeitung handelt es sich um einen 29-jährigen in Berlin lebenden Armenier. Bei der getöteten Person soll es sich um eine Lehrerin handeln, die mit ihrer Schulklasse in der Innenstadt gewesen sei. Unter den Schwer- und Leichtverletzten soll es sich in erster Linie um Schülerinnen und Schüler handeln. Die Bild berichtet auch, der Täter habe versucht, zu flüchten, Passanten hätten ihn festgehalten und der Polizei übergeben.

An fast exakt der gleichen Stelle ereignete sich vor fünfeinhalb Jahren, im Dezember 2016, ein schrecklicher Anschlag: Der wegen Gewalttaten (unter anderem Raubes) mehrfach vorbestrafte, aus Tunesien stammende Islamist Anis Amri raste mit einem Sattelschlepper, dessen Fahrer er vorher ermordet hatte, auf den Weihnachtsmarkt auf dem Breitscheidplatz (Standort der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche) und tötete zwölf Menschen.

Die Situation stellt sich derzeit surreal dar. Neben dem Breitscheidplatz, im Herzen der Innenstadt des ehemaligen West-Berlins, in der Nähe des Bahnhof Zoos, stehen Krankenwagen mit Blaulicht, sichern mit Maschinenpistolen bewaffnete Polizisten den Ort des Geschehens ab. Berlins Polizeipräsidentin Barbara Slowik ist vor Ort, um sie herum Leibwächtern in dunklen Anzügen. Vor dem neuen Trakt der im Krieg fast zerstörten Gedächtniskirche stehen Menschen und warten, unter ihnen viele Jugendliche. In unregelmäßigen Abständen verlässt jemand die Kirche, einer der Wartenden wird hereingeholt. "Hier finden die Zeugenaussagen statt", erklärt mir eine Polizistin, "außerdem ist hier die Notfallseelsorge untergebracht". Vorm Zugang zur Gedächtniskirche sitzen Beamte in Zivil, um ihren Hals baumelt die Polizeimarke, unter dem Sweatshirt zeichnen sich die Umrisse ihrer Pistolen ab. Sie wirken erschöpft. Insgesamt sind laut Dierschke rund 130 Beamte im Einsatz. Unter anderem von der Kripo, der Einsatzhundertschaft und den nahegelegenen Revieren.

Gleichzeitig geht das Leben auf den großen Bürgersteigen um den Breitscheidplatz herum weiter, als ob nichts passiert wäre. Touristen flanieren, Geschäftsleute eilen zu ihren Terminen - viele scheinen die Ereignisse gar nicht wahrzunehmen. Auf dem Kudamm, in den angrenzenden Straßen, sitzen die Menschen in den Cafés, gehen shoppen - das gelegentliche Auftauchen eines Einsatzfahrzeugs der Berliner Polizei, das mit Blaulicht Richtung Breitscheidplatz rast, wird kaum zur Kenntnis genommen. Business as usual.

WIR WERDEN SIE WEITER AUF DEM LAUFENDEN HALTEN!

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Bremer Immobilienmarkt unter Druck: Strategien für Käufer und Verkäufer im aktuellen Zinsumfeld

Der Immobilienmarkt in Bremen befindet sich in einer Phase tiefgreifender Transformation. Nach Jahren des kontinuierlichen Preisanstiegs...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Rüstungsindustrie wächst rasant, doch der Cashflow wird zum Problem
07.08.2026

Europas Rüstungsindustrie meldet volle Auftragsbücher und starke Nachfrage. Doch der Markt achtet zunehmend auf eine andere Frage: Wie...

DWN
Politik
Politik Europas zweiter Verfassungszusatz: Warum der Wolf zur politischen Waffe wird
07.08.2026

Womit kann man Wahlen gewinnen, wenn Migranten, Wokeness, grüner Alarmismus und Regulierung ausgeschöpft sind? Mit dem Gewehr und mit den...

DWN
Politik
Politik Corona-Pandemie: US-Ausschuss will Immunologe Fauci belangen
07.08.2026

Vergangene Woche verweigerte der frühere Corona-Berater der US-Regierung, Anthony Fauci, in einem US-Ausschuss Antworten auf Fragen zur...

DWN
Panorama
Panorama BMW-Besitzer wüten gegen Spiderman-Filmwerbung im Auto
07.08.2026

BMW steht in der Kritik, nachdem der Konzern begonnen hat, Werbung für den neuen Spider-Man-Film direkt in den Infotainmentsystemen seiner...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Millionenverlust bei Schwälbchen-Molkerei: Milchgeschäft wird zum Problem
07.08.2026

Mehr Milch bedeutet nicht automatisch mehr Gewinn. Die Schwälbchen Molkerei kämpft mit fallenden Preisen, schwacher Nachfrage und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Exportrekord trotz Krisen: Deutschlands Wirtschaft überrascht
07.08.2026

Deutschlands Exportwirtschaft sendet ein überraschend starkes Signal: Trotz geopolitischer Konflikte, Handelsbarrieren und steigender...

DWN
Finanzen
Finanzen RWE-Aktie im Plus: Trump zahlt Milliarden für Windkraft-Aus
07.08.2026

RWE zieht bei seinen Offshore-Windprojekten in den USA einen Schlussstrich – und erhält dafür eine Milliardensumme von der...

DWN
Finanzen
Finanzen Verhandeln lernen: Warum ein Nein nicht schaden muss
07.08.2026

Verhandeln gehört zum Alltag – nicht nur beim Gehalt oder beim Autokauf. Selbst kleine Bitten und Entscheidungen können zu...