Politik

Lagebericht Ukraine: Charkiw und Kaliningrad im Visier

Im Ukraine-Krieg rückt nun die Millionenstadt Charkiw wieder im Visier. Im Konflikt um Kaliningrad bereitet sich Litauen auf harte russische Reaktionen vor.
22.06.2022 17:57
Aktualisiert: 22.06.2022 17:57
Lesezeit: 3 min

Nach wochenlanger relativer Ruhe im Großraum Charkiw hat Russland wieder die Millionenstadt im Norden der Ukraine ins Visier genommen. Russische Truppen feuerten am Mittwoch zahlreiche Raketen auf die Stadt und deren Umgebung. Dabei wurden nach ukrainischen Angaben mindestens 20 Menschen getötet und 16 verletzt. Die Regierung in Kiew äußerte den Verdacht, dass die Russen ukrainische Kräfte dort binden wollten, um sie von der Hauptschlacht im Donbass um die Stadt Sjewjerodonezk im Osten abzulenken.

"Russische Kräfte gehen gegen die Stadt Charkiw in der Art vor, wie sie gegen Mariupol vorgegangen sind - mit dem Ziel, die Bevölkerung zu terrorisieren", sagte der ukrainische Präsidentenberater Olexij Arestowitsch. "Und wenn sie das weiter tun, werden wir reagieren müssen - etwa indem wir unsere Artillerie bewegen müssen", führte er aus. "Die Idee ist, ein großes Problem zu schaffen, um uns abzulenken und Truppen zu verlegen. Ich denke, es wird eine Eskalation geben."

Unter den Opfern in Charkiw befand sich auch eine 85-Jährige. "Ein Kind des Krieges", sagte ihr Enkel mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg. "Sie überlebte einen Krieg, aber durch diesen hat sie es nicht geschafft."

Der Staatsanwalt von Charkiw, Michailo Martosch, sagte der Nachrichtenagentur Reuters, die russischen Streitkräfte hätten offensichtlich Mehrfachraketenwerfer eingesetzt. Seit Dienstag werden schwere Angriffe gegen die Millionenstadt geführt. Erst vergangenen Monat hatten die ukrainischen Truppen die russischen Streitkräfte aus der Region zurückgedrängt. In der Stadt war teilweise wieder ein normales Leben möglich. Russland hat sich seitdem auf den Donbass im Osten der Ukraine konzentriert. Vor allem im Gebiet von Luhansk laufen seit Wochen heftige Kämpfe mit großen Verlusten auf beiden Seiten.

"SIE HABEN ES NOCH NICHT GESCHAFFT"

Präsidentenberater Arestowitsch äußerte die Sorge, dass die russischen Streitkräfte nach der Einnahme der Ortschaft Metjolkine die Städte Lyssytschansk und Sjewjerodonezk von den ukrainisch kontrollierten Gebieten abschneiden könnten. "Die Gefahr eines taktischen russischen Sieges ist gegeben, aber sie haben es noch nicht geschafft", sagte er in einem online veröffentlichten Video. Die russischen Streitkräfte haben nach britischen Angaben vor allem in der Region Donezk im Donbass hohe Verluste erlitten. Sie hätten etwa 55 Prozent ihrer ursprünglichen Stärke eingebüßt, hieß es im Lagebericht des Verteidigungsministeriums in London auf Twitter.

Bundeskanzler Olaf Scholz rechnet damit, dass der Krieg noch einige Zeit dauern wird und sich der Westen anschließend auf einen langwierigen Wiederaufbau der Ukraine einstellen muss. Man müsse darüber reden, wie ein "Marshall-Plan für die Ukraine" aussehe, sagte Scholz in einer Regierungserklärung im Bundestag zu den bevorstehenden EU-, G7- und Nato-Gipfeln. Entscheidend sei jetzt, "dass wir standhaft Kurs halten: mit unseren Sanktionen, mit den international abgestimmten Waffenlieferungen, mit unserer finanziellen Unterstützung für die Ukraine", sagte er. "Solange bis Putin seine kolossale Fehleinschätzung endlich erkennt."

"ANMASSENDE WEISE"

Im parallel ausgebrochenen Konflikt zwischen Russland und der Europäischen Union um eine teilweise Transit-Blockade der Exklave Kaliningrad drohte die Regierung in Moskau mit Vergeltung. Die Antwort auf das Vorgehen Litauens werde nicht ausschließlich diplomatisch sein, sagte die Sprecherin des Außenministeriums, Maria Sacharowa. Vielmehr werde die Reaktion Russlands "praktisch" ausfallen, ergänzte sie, ohne dies näher auszuführen.

Litauen verbietet unter Verweis auf EU-Sanktionen den Transitverkehr von Gütern wie Baumaterialien, Metalle und Kohle in die russische Exklave. Von dem Verbot betroffen ist auch die einzige Zugstrecke zwischen Russland und Kaliningrad. Das frühere ostpreußische Königsberg liegt an der Ostsee zwischen den EU- und Nato-Staaten Litauen und Polen. Eine direkte Landverbindung zu Russland gibt es nicht.

Litauens Präsident Gitanas Nauseda sagte, sein Land sei auf russische Vergeltungsmaßnahmen vorbereitet. Dazu gehöre ein Ausschluss Litauens aus dem gemeinsamen Stromnetz mit Russland, sagte Nauseda in einem Interview der Nachrichtenagentur Reuters. Mit einer militärischen Konfrontation rechne er nicht, weil Litauen zur Nato gehöre. Dennoch drohe Russland seinem Land auf "anmaßende Weise". Er werde den Konflikt über Kaliningrad beim Nato-Gipfel in der kommenden Woche ansprechen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Ist die Ära der Niedrigzinsen vorbei? Wie Bull DeFi ungenutzte Ersparnisse in aktive Renditen verwandelt – bis zu 3.700 US-Dollar pro Tag.

Wir beleuchten die unterschiedlichen Mechanismen von Bull Market DeFi im Vergleich zu traditionellen Anlagen – und warum es sich lohnt,...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Palantir-Aktie: Überwachungsfirma hebt Prognose kräftig an
04.08.2026

Die Palantir-Aktie schießt nach starken Quartalszahlen zweistellig nach oben und profitiert vom boomenden KI-Geschäft in den USA. Vor...

DWN
Politik
Politik KI-Steuer, steuerfreie Einkommen, Grundeinkommen? Zeit für einen Systemwechsel
04.08.2026

Wenn Erwerbsarbeit nicht mehr die Existenz sichert: Künstliche Intelligenz frisst Arbeitsplätze, Inflation und Steuern fressen Löhne,...

DWN
Finanzen
Finanzen Nivea bremst: Beiersdorf-Aktie gerät unter Druck
04.08.2026

Die Schwäche von Nivea zwingt Beiersdorf zu einer überraschenden Prognosesenkung und setzt die Beiersdorf-Aktie kräftig unter Druck....

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Ein Volk in Rente: 22,5 Millionen Rentenempfänger in Deutschland
04.08.2026

Immer mehr Menschen beziehen Rente – und der steuerpflichtige Anteil der Auszahlungen wächst weiter. Neue Zahlen zeigen, wie viele...

DWN
Finanzen
Finanzen Hensoldt-Aktie: Bosch-Fachkräfte an Bord
04.08.2026

Die Hensoldt-Aktie rückt in den Fokus, weil der Rüstungskonzern ein neues Entwicklungszentrum mit rund 300 Stellen plant und dabei auf...

DWN
Immobilien
Immobilien Wohnungsmarkt: Immer mehr Vermieter geben Geschäft auf – Investitionen unter Druck
04.08.2026

Wohnungsmangel, steigende Kosten und wachsende Unsicherheit setzen den Wohnungsmarkt unter Druck. Immer mehr Privatvermieter und...

DWN
Finanzen
Finanzen Zalando-Aktie gerät kräftig unter Druck
04.08.2026

Die Zalando-Aktie gerät nach Quartalszahlen und einer angepassten Jahresprognose kräftig unter Druck. Schwächere Ergebnisse und...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Wasser-Aktien: Der Billionenmarkt, den Anleger unterschätzen
04.08.2026

Wasser wird knapp, Unternehmen geraten unter Druck und weltweit drohen gewaltige Versorgungslücken. Trotzdem bleiben Wasser-Aktien bislang...