Finanzen

Mit Zockereien und Luxuskonsum in die Pleite

Lesezeit: 7 min
16.07.2022 10:01
Jetzt werden wieder allerlei Gründe für Teuerung und Krise angeführt - der Hauptgrund wird jedoch nie diskutiert, schreibt DWN-Kolumnist Ronald Barazon.
Mit Zockereien und Luxuskonsum in die Pleite
Nicht nur im Casino wird gezockt - auch im Finanzsystem. (Foto: dpa)

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Jetzt wird vielen Faktoren die Schuld an der Teuerung und der Krise angelastet. Der Ukraine-Krieg, die schleppenden Gaslieferungen aus Russland, die unverschämten Treibstoffpreise, obwohl der Ölpreis nur 95 Dollar je Fass beträgt, die Hilflosigkeit der Zentralbanken und der Regierungen und viele andere Themen werden, ohne Zweifel zurecht, genannt.

Der Hauptgrund, der tatsächlich entscheidende und katastrophal wirkende Faktor findet kaum Beachtung: Der Umstand, dass seit vielen Jahren das verfügbare Geld der privaten Sparer und Anleger zum größten Teil falsch angelegt wird. Und der Umstand, dass die privaten Sparer und Anleger kaum intelligente Alternativen vorfinden und daher unweigerlich in Fehlinvestitionen getrieben werden.

Spargelder sollen Investitionen finanzieren. Was sonst?

Womit sich die Frage aufdrängt, wohin denn das Geld der Privathaushalte fließen sollte? Die Antwort ist banal. In die Wirtschaft, in die Unternehmen, damit diese investieren, neue Produkte entwickeln, alte verbessern, die Abläufe optimieren, den Service ausbauen. Was sonst? Nur eine rege Investitions- und Innovationstätigkeit sorgt für solide Werte, trägt zur Preisstabilität bei, sichert Arbeitsplätze und generiert Steuern für den Staat. Kurzum: Die aktuellen Probleme wären deutlich kleiner, hätte man das reichlich vorhandene Geld produktiv genützt.

Nur: Tatsächlich gibt es keinen Zugang zu geschätzt 80 bis 90 Prozent der Betriebe. Kaufen kann man nur, direkt oder indirekt über Fonds, Aktien der an einer Börse gehandelten Gesellschaften und das sind in Relation zur Gesamtwirtschaft wenige. Alle anderen Firmen - und diese sind die überwältigende Mehrheit - sind nicht in der Lage, Kapital von außen zu bekommen, weil kein breit wirkender Kapitalmarkt existiert. Dies gilt vor allem für Europa, aber auch in den USA, die den weltweit am besten entwickelten Kapitalmarkt haben. Auch dort ist nur ein kleiner Teil an der Börse vertreten. Was geschieht also mit den ersparten, geerbten oder aus anderen Quellen stammenden verfügbaren Mitteln?

Das Geld fließt in Anschaffungen, die nur einen bescheidenen Wert haben

Die Antworten, die falschen Antworten, gibt der Alltag: Man kauft eine teure Wohnung in der oft trügerischen Hoffnung, sie eines Tages mit Gewinn wieder verkaufen zu können. Oder leistet sich ein großes Auto, das - wüstentauglich und geländegängig - in der Stadt keinen Parkplatz hat. Sammelt Uhren und andere Kostbarkeiten. Schon diese Beispiele zeigen, dass das Geld nicht produktiv eingesetzt wird und die erstandenen Objekte einen problematischen Gegenwert darstellen. Hier findet eine andere Art der Geldentwertung statt, die nicht weniger gefährlich ist als die offenkundige Inflation. Das gilt auch für Gold, das keine Zinsen abwirft und dessen Preis extrem schwankt. In den vergangenen Jahren haben sich allerdings weit originellere Möglichkeiten entwickelt, Geld fehlzuleiten. Die Abwesenheit eines Kapitalmarkts, der das Geld in die Realwirtschaft lenkt, kam zwei bedenklichen Anbietern zugute. Den Hedge-Fonds und den Krypto-Währungen.

Mit Hedge-Fonds und Krypto-Währungen vollends in die Wertlosigkeit

Hedge-Fonds betreiben Wetten, die keinem Wert entsprechen. Bitcoin und Co werden zwar als Währungen bezeichnet, sind aber nicht das Zahlungsmittel einer Volkswirtschaft, sondern leere Konstrukte ohne Fundament, also keine Währungen. Es handelt sich in beiden Fällen um Luftgeschäfte, die nur deshalb blühen, weil Millionen Anleger willig beträchtliche Summen einzahlen.

Ein Blick auf die Zahlen: Die USA und die EU erwirtschaften im Jahr rund 35.000 Milliarden Euro oder Dollar, da die Parität jetzt bei 1 zu 1 steht. Um das Niveau zu halten und neue Entwicklungen zu ermöglichen, müssen etwa 6.000 Milliarden im Jahr produktiv investiert werden. Die Hedge-Fonds verwalten rund 4.500 Milliarden Euro oder Dollar, die für Leerspekulationen verwendet werden anstatt einen sich ständig erneuernden Investitionsfonds zu bilden.

Bei der Beurteilung dieser Zahlen ist zu berücksichtigen, dass man sich nur mit substanziellen Beträgen an einem Hedge-Fonds beteiligen kann, dass also nicht kleine Spareinlagen zur Debatte stehen, sondern Summen, die tatsächlich für eine Kapitalbeteiligung an einer Firma geeignet wären. Die Mindestsumme ist 100.000 Dollar, manche Fonds akzeptieren Anleger erst ab einer Einlage von 2 Millionen Dollar.

Wie viel Geld in die Krypto-Währungen schon geflossen ist und laufend fließt, ist nicht feststellbar, man kann aber von vielen Milliarden ausgehen, die an manchen Tagen tolle Gewinne bringen und an anderen Tagen katastrophale Verluste auslösen. Die Politik schaut zu, wie ein Instrument, das in erster Linie zur Abwicklung krimineller Geschäfte verwendet wird, Geld der Sparer anzieht. Für die normale Wirtschaft ist ein so genanntes Zahlungsmittel, das an einem Tag 40.000 Dollar entspricht und ein paar Tage später nur einen Wert von 10.000 aufweist, unbrauchbar. Nichts wäre also näherliegend als Bitcoin und Co zu verbieten, zumal die EU-Finanzaufsicht ohnehin mit Begeisterung kontrolliert, reguliert und verbietet. Im Gegenteil, Kryptos erfreuen sich großer Beliebtheit. So mancher Finanzminister meint, man könnte mit einer eigenen, staatlichen Krypto an Geld der Anleger kommen, das man über Steuern nicht erreicht. Der Staat im Darknet, dem Internet der Kriminellen. Auch in nicht wenigen Direktionen renommierter Banken wird über die Bildung einer eigenen Krypto-Währung räsoniert.

Der Kapitalmarkt: ­ Für europäische Politiker ein unbekanntes Wesen

Die EU-Kommission verkündet zwar immer wieder die Schaffung einer Kapitalmarkt-Union, zu brauchbaren Maßnahmen kommt es aber nicht. Die spärlichen Reaktionen bestehen in zahnlosen Regulierungen und Verboten. Man kann den Spieltrieb der Menschen nicht unterbinden, es gab immer schon wilde Spekulationen und daran wird sich auch in Zukunft nichts ändern.

- Auch jeder seriöse Anleger, der eine Aktie kauft, sich also an einem Unternehmen ernsthaft beteiligt, hofft oder anders formuliert „spekuliert“ auf einen Kursgewinn. Hedge-Fonds trennen den Wert ab und beschränken sich auf die Spekulation.

Die einzige Möglichkeit gegen die geschilderte Fehlleitung des reichlich verfügbaren Kapitals anzukämpfen, besteht im Angebot brauchbarer Alternativen. Haben Anleger die Wahl zwischen einer langfristig soliden und ertragreichen Veranlagung und einem Hedge-Fonds, bei dem man den gesamten Einsatz verlieren kann, dann wird sich wohl die seriösere Variante durchsetzen, aber die Spielbörse nicht verschwinden. Überzeugen mag auch der Umstand, dass die Rendite der Hedge-Fonds längerfristig betrachtet nicht größer ist als die von Investment-Fonds, der sich an den Indices orientieren.

Um eine Ausgewogenheit zwischen reiner Spekulation und einer seriösen Veranlagung zu erreichen, bedarf es Börsen, die auch für kleinere Unternehmen attraktiv sind, wie etwa die NASDAQ in New York. Und steuerlicher Bedingungen, die dafür sorgen, dass nicht schon der erste kleine Gewinn eines Start-Ups kassiert wird, womit der Weg zu einem Internet-Giganten Marke Google von vornherein unmöglich ist. Nicht zufällig haben die meisten amerikanischen Erfolgsunternehmen ihren Hauptsitz in Delaware, dem Bundesstaat mit den günstigsten Steuern, und platzieren die Europa-Zentrale in den EU-Steueroasen Irland oder Luxemburg. Nicht zuletzt sind auch Banken hilfreich, die ein Risiko eingehen, eine Geschäftspolitik, die unter den risikofeindlichen Vorschriften der EU illusorisch ist.

- Womit nicht gesagt sei, dass in den USA alles perfekt funktioniert. Auch in Amerika fließt zu viel Geld in Hedge-Fonds und Krypto-Währungen und nicht genug in die Wirtschaft. Aber die Rahmenbedingungen ermöglichen dennoch den Aufstieg von Google, Apple, Amazon und Co, in Europa scheitern vergleichbar geniale Unternehmer an zahlreichen Hindernissen.

Die Hedge-Fonds sind keine virtuelle Welt für sich, getrennt von der Realwirtschaft

Dass aberwitzig viele Milliarden an der Wirtschaft vorbei in unproduktive Ausgaben fließen, ist nicht die einzige Belastung, die die Volkswirtschaft durch die Fehlleitung des Kapitals erleidet. Die Hedge-Fonds schaden auch auf andere Weise.

Die Tätigkeit eines Hedge-Fonds besteht bekanntlich im Wetten auf einen Kursgewinn oder einen Kursverlust. Man geht beispielsweise eine Verpflichtung ein, an einem bestimmten Tag Öl, Getreide, Aktien, Gold oder sonst einen Wert zu einem bestimmten Betrag zu liefern. Ist der Kurs am Stichtag unter dem vereinbarten Wert, hat man gewonnen, ist er höher muss man das versprochene Gut teuer einkaufen, um seiner Verpflichtung nachzukommen und der Wettpartner hat gewonnen. Oder: Man nimmt einen Kredit in einer schwächelnden Währung auf, kauft mit dem Geld Devisen einer starken Währung und wartet bis der Kurs der schwächelnden Währung sinkt. Dann kauft man mit den Devisen der starken Währung Devisen der abgewerteten Währung und zahlt den Kredit mit Gewinn zurück. Die Hedge-Künstler entwickeln aus diesen Grundtechniken zahlreiche Varianten.

Nun könnte man meinen, die Hedger sitzen in ihren Büros und organisieren Termingeschäfte, in dem sie die Preisentwicklungen auf den verschiedenen Märkten ausnützen und nur abwarten bis sie gewinnbringend zuschlagen können. Wäre dies der Fall, so hätte das Hedgen keine besonderen Folgen. Die Welt der Wetten und die reale Welt würden einander nicht berühren. Doch so sieht die Realität nicht aus. Das fängt damit an, dass in der Regel weder der eine Partner das Öl, Gold, Getreide oder die Aktien besitzt noch der andere diese tatsächlich kaufen will. Diese so genannten Leergeschäfte schaffen schon für sich einen Markt, der oft größer ist als der tatsächliche Markt der jeweiligen Sparte und auch um ein Vielfaches größer ist als die tatsächlich benötigten Termingeschäfte, die in der Öffentlichkeit kaum beachtet werden.

- Viele Unternehmen brauchen effektiv die Sicherheit an einem bestimmten Tag zu einem bestimmten Preis Öl, Getreide, Rohstoffe oder andere Güter zu bekommen, damit die Kalkulation der Fertigprodukte oder Dienstleistungen hält. Dafür werden Terminkontrakte geschlossen von Partnern, die die Güter haben und die Güter brauchen. Doch dafür müssen nicht hunderte Milliarden bewegt werden.

Zurück zu den Spekulanten, die kein Interesse an den Spekulationsobjekten haben. Zeichnet sich ab, dass man an dem vereinbarten Stichtag einen Verlust erleidet, so werden alle Hebel in Bewegung gesetzt, um den „richtigen“ Kurs zu erreichen. Da die Hedge-Fonds Milliarden Kundengelder verwalten, können sie auf den Märkten intervenieren. Da mag man rechtzeitig eine Nachfrage nach Gold produzieren. Oder sich doch in den Handel mit Rohöl einschalten, also Öl in großen Mengen verkaufen, wenn man den Preis drücken will, oder kaufen, um einen Mangel zu simulieren. Auch das Auflegen zusätzlicher Termingeschäfte, die alle die gewünschte Preisentwicklung signalisieren, beeinflusst das Verhalten der Anleger wie auch der Teilnehmer am realen Markt. Plötzlich ist dann der von den Hedge-Fonds künstlich inszenierte Preis der echte Marktpreis der Ware. Oder man redet eine Währung oder eine Firma mit gezielten Meldungen schlecht. Und immer wieder: Einer der Partner muss am Stichtag das versprochene Gut haben und notfalls teuer einkaufen, wodurch eine künstliche Nachfrage entsteht.

Die Börsen bieten den Spekulanten ein komfortables und perfektes Service

Die Hedge-Fonds betonen gerne, dass sie doch nur abgeleitete, so genannte derivative Geschäfte betreiben. Tatsächlich stören sie das Gefüge des Realmarktes und beeinflussen die Preise. Es wäre also angemessen, die Leegeschäfte zu verbieten, wie dies auch im vorigen Jahrhundert von den dreißiger bis in die neunziger Jahre der Fall war. Das Gegenteil ist der Fall.

Man kann an beinahe über jede Börse die geschilderten Termingeschäfte, meist als so genannte Futures, abwickeln. Die Teilnehmer müssen keine Informationen über ihre Geschäfte offenlegen, es muss nur der aufgrund der Preise errechnete Gewinn oder Verlust bezahlt werden. Die Abstraktion ist also an den Börsen perfekt, was immer in der Praxis außerhalb geschieht oder vor dem Termin geschehen ist, wird nicht zur Kenntnis genommen. Vorschrift ist nur, dass ein Depot hinterlegt wird, damit sichergestellt ist, dass der Verlust oder der Gewinn auch tatsächlich bezahlt wird und die Börse nicht zum Schauplatz von Auseinandersetzungen zwischen den Partnern wird.

Das Paradoxon ist perfekt: Die Börsen versagen bei ihrer eigentlichen Aufgabe und sind nicht in der Lage, das Geld der Anleger breitflächig in die Wirtschaft zu lenken. Die Börsen führen aber Abteilungen, die dafür sorgen, dass die reichlich vorhandenen Mittel der Spekulanten, die mindestens 100.000 Dollar eingesetzt haben, in komfortabler Weise an der Realwirtschaft vorbei für Wetten verwendet werden können.

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Ronald Barazon war viele Jahre Chefredakteur der Salzburger Nachrichten. Er ist einer der angesehensten Wirtschaftsjournalisten in Europa und heute Chefredakteur der Zeitschrift „Der Volkswirt“ sowie Moderator beim ORF.


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