Finanzen

Kanada schockt mit größter Zinsanhebung seit 1998

Die Bank of Canada hat den Leitzins um 100 Basispunkte angehoben - so stark wie zuletzt keine andere große Notenbank. Und weitere Schritt sind schon in Planung.
Autor
16.07.2022 11:41
Lesezeit: 2 min
Kanada schockt mit größter Zinsanhebung seit 1998
Kanadas Premier Justin Trudeau muss sich neben der hohen Inflation auch auf fallende Vermögenspreise und eine Rezession einstellen. (Foto: dpa) Foto: Riley Smith

Die Bank of Canada hat den Leitzins am Mittwoch überraschend um einen ganzen Prozentpunkt auf 2,50 Prozent angehoben und zudem erklärt, dass weitere Zinserhöhungen notwendig seien. Dies ist die größte einmalige Anhebung seit dem Jahr 1998, als die kanadischen Notenbanker angesichts der Finanzkrisen in Asien und Russland versuchten, die heimische Währung zu stützen.

Mit nunmehr 2,5 Prozent liegt der Leitzins der Bank of Canada nun wieder so hoch wie zuletzt im Herbst 2008 vor dem Ausbruch der weltweiten Finanzkrise. Im April und Juni hatte die Bank of Canada ihren Leitzins bereits um jeweils einen halben Prozentpunkt angehoben. Im Juni hatte zudem die US-Notenbank ihren Leitzins um 0,75 Punkte angehoben.

Lesen Sie dazu auch: Die Fed macht Ernst: Bilanz um 74 Milliarden Dollar reduziert

Infolge der überraschend drastischen Zinsanhebung in Kanada sehen Anleger und einige Analysten nun eine wachsende Wahrscheinlichkeit, dass die auch Federal Reserve in den USA eine Anhebung um einen Prozentpunkt in Erwägung zieht, auch weil das US-Arbeitsministerium am Mittwoch eine Inflationsrate von 9,1 Prozent gemeldet hatte - so hoch wie seit mehr als 40 Jahren nicht mehr.

Die Inflationsraten haben die Prognosen der Zentralbanken in diesem Jahr weit übertroffen. Der starke Anstieg der Verbraucherpreise liefert ihnen die Rechtfertigung für eine aggressive Anhebung der Zinssätze, auch wenn die begonnene Zinswende nicht nur Kurskorrekturen an den Börsen und fallende Preise für Vermögenswerte wie Immobilien auslösen könnte, sondern möglicherweise auch eine Rezession.

In Kanada stieg die Inflationsrate im Mai auf 7,7 Prozent. Das ist der höchste Stand seit 39 Jahren. Die Zentralbank hat ihre Prognosen für die Inflation im zweiten und dritten Quartal von durchschnittlich 5,8 Prozent auf 8 Prozent erhöht. Die Arbeitslosenquote erreichte im Juni mit 4,9 Kanada zum vierten Mal in Folge ein Rekordtief, während sich das Lohnwachstum stark beschleunigt hat.

Laut dem Gouverneur der Bank of Canada, Tiff Macklem, war die Zinserhöhung um einen vollen Prozentpunkt notwendig, um die Verfestigung höherer Inflationserwartungen zu verhindern. Laut Umfragen der Notenbank aus der letzten Woche gehen die Kanadier davon aus, dass die Inflation für einen längeren Zeitraum deutlich über 2 Prozent liegen wird.

"Wir müssen die Nachfrage abkühlen, das Angebot aufholen lassen und der Inflation etwas Dampf nehmen", so Macklem. Die Bank of Canada hat zudem ihre Wirtschaftsprognose erheblich gesenkt. Sie erwartet nun ein Wachstum von 3,5 Prozent in diesem Jahr und 1,8 Prozent im nächsten Jahr. Ökonomen der Royal Bank of Canada, der größten Bank des Landes, warnten letzte Woche, Kanada steuere auf eine "moderate Rezession" zu.

In der Erklärung der Notenbank heißt es: "Die Zinssätze werden weiter steigen müssen, und das Tempo der Zinserhöhungen wird sich nach der laufenden Bewertung der Wirtschaft und der Inflation durch die Bank richten." Bereits im Juni hatten Beamte der Zentralbank erklärt, dass sie zur Erreichung ihres Inflationsziels davon ausgingen, dass der Leitzins 3 Prozent erreichen oder überschreiten müsse.

Die Zentralbank geht derzeit davon aus, dass sich die Inflation bis Ende kommenden Jahres auf 3 Prozent verlangsamt und bis Ende 2024 wieder ihr Ziel von 2 Prozent erreichen wird. Der Wohnungsbau, der eine der Haupttriebkräfte des Wirtschaftswachstums war, werde das Wachstum in diesem und im nächsten Jahr stark bremsen.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Politik
Politik Chat Control: Will die EU private Nachrichten lesen?
17.08.2026

Chat Control soll helfen, sexuelle Gewalt gegen Kinder im Netz aufzudecken. Doch die geplanten EU-Regeln lösen massive Kritik aus, da sie...

DWN
Technologie
Technologie Russlands Starlink-Kopie ist weiter als erwartet
17.08.2026

Russland arbeitet schneller als erwartet an einem eigenen Satellitennetz nach dem Vorbild von Starlink. Das System Rasswet hat bereits...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Milliardendeal: Ventilatorenspezialist EBM-Papst wird an US-Konzern verkauft
17.08.2026

Mit dem Verkauf an den börsennotierten Konzern Madison Air will das fränkische Familienunternehmen EBM-Papst den Zugang zum...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Dax-Konzerne: Rekordgewinne und Personalabbau  
17.08.2026

Trotz Rekordgewinnen von 52,6 Milliarden Euro bauen Deutschlands größte Börsenkonzerne massiv Stellen ab. Während die...

DWN
Politik
Politik SPD rutscht weiter in den Keller: Klingbeil verteidigt seinen Kurs
17.08.2026

An der SPD-Basis rumort es, weil Umfragewerte seit Wochen nicht besser werden und die Partei sich in der Koalition teils schwertut. Den...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutscher Negativtrend: Immer mehr junge Menschen ohne Bildung und Arbeit
17.08.2026

In Deutschland steigt der Anteil junger Menschen ohne Job oder Bildungsplatz: Jeder zehnte junge Mensch zwischen 20 und 24 Jahren geht in...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Führungskräfteentwicklung: Deutschlands Unternehmen unterschätzen ihr größtes Risiko
17.08.2026

Viele Unternehmen befördern ihre besten Fachkräfte und lassen sie anschließend mit der Führungsrolle allein. Die Folgen sind...

DWN
Politik
Politik Ukraine-Krieg: EU-Außenbeauftragte will Russland-Sanktionen weiter ausweiten
17.08.2026

Die EU hat seit Beginn des russischen Angriffskriegs insgesamt 21 Sanktionspakete gegen Russland beschlossen. Nun drohen neue...