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Projekt Cassandra: Wie sich mit Literatur in die Zukunft schauen lässt

Lesezeit: 4 min
04.09.2022 08:15
Der russische Überfall auf die Ukraine hat in Deutschland das Bedürfnis geweckt, besser auf künftige Konflikte und Krisen vorbereitet zu sein. Im DWN-Interview erklärt der Literaturwissenschaftler Jürgen Wertheimer, wie sein Forschungsprojekt „Projekt Cassandra“ dabei hilft, etwaige Gefährdungspotenziale mithilfe von Literatur frühzeitig zu erkennen.
Projekt Cassandra: Wie sich mit Literatur in die Zukunft schauen lässt
Das Studium der Literatur kann etwas über die Zukunft aussagen. (Foto: dpa)
Foto: Jens Kalaene

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Herr Wertheimer, drei Jahre lang erforschte Ihr „Projekt Cassandra“ im Auftrag des Bundesverteidigungsministeriums, inwiefern sich mithilfe von Literatur Konflikte prognostizieren lassen. Wie kamen Sie darauf? Und wie wurde Ihre Forschung anfänglich aufgenommen?

Jürgen Wertheimer: Es war kein ganzer Zufall, dass wir für eine Abteilung des BMVg arbeiteten. Die Grundidee war und ist, literarische Texte als DNA der jeweiligen kulturellen Lage eines Landes, einer Gesellschaft zu lesen. Diese Autopsie betreiben wir natürlich nicht um ihrer selbst willen, als wissenschaftliche Beschäftigungstherapie, sondern um daraus Schlüsse für unser Verhalten zu ziehen und gegebenenfalls operativ einzugreifen. Dies übersteigt den Auftrag einer Universität, und deshalb war und ist es notwendig externe Partner zu finden, die nicht nur an Analysen, sondern vor allem an Lösungen interessiert sind.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Gängige Praxis ist es, Konflikte mithilfe von Künstlicher Intelligenz und maschinellem Lernen zu prognostizieren. Wie unterscheidet sich „Projekt Cassandra“ von rein technischen Ansätzen?

Jürgen Wertheimer: Ich sehe uns als eine sehr wichtige Ergänzung zu den von Ihnen genannten Methoden Prognostik zu betreiben und wir haben keinerlei Ressentiments gegen KI und andere qualitative Ansätze. Der derzeitige Hype sollte freilich nicht dazu führen, Entscheidendes zu übersehen: Wir Menschen sind nun mal keine eindimensionalen Wesen, die man nach Schema F programmieren kann. Wir sind komplexe, widersprüchliche und häufig gefühlsgesteuerte Wesen, die sich nicht immer leicht berechenbar und vernünftig verhalten.

Die Literatur – und nur sie – speichert das gesamte Spektrum unserer Eigenschaften und ist so gesehen eine riesige Datenbank. Man muss sie freilich auszuwerten verstehen und dem dient unsere sehr spezielle Art des Lesens. Eine Art des Lesens, der derzeit die natürliche Intelligenz besser gewachsen ist als die künstliche. Und: die Literatur vermag es weiter zurück und deshalb auch weiter voraus zu schauen!

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche treffenden Prognosen hat „Projekt Cassandra“ bislang vorzuweisen?

Jürgen Wertheimer: Nur ein Beispiel: Wir waren 2020 vor Ausbruch des letzten Krieges in der Region Bergkarabach präsent. Ob unsere Warnungen (gravierende Umschichtungen des Buchmarkts, Zensurmaßnahmen) von den Verantwortlichen und Entscheidungsträgern gehört wurden, weiß ich natürlich nicht. Immerhin ist festzustellen, dass der Konflikt in Relation zu früheren Kriegen dort rasch eingedämmt werden konnte.

Aufgrund der Analyse der ukrainisch-russischen Literatur konnte das toxisch-intime Verhältnis zwischen beiden Ländern früh (zuletzt dann auf der Sicherheitskonferenz in München) definiert werden. Wir maßen uns nicht an einen Kriegsausbruch zu terminieren – wir können allenfalls im Vorfeld auf Gefährdungspotenziale verweisen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Die öffentliche Finanzierung von „Projekt Cassandra“ wurde eingestellt. Auch auf die Kassandra der griechischen Mythologie wollte niemand hören. Symptomatisch für die von Pazifismus und dem Glauben an Fukuyamas "Ende der Geschichte" getragene Naivität der deutschen Außenpolitik vor dem Überfall Russlands auf die Ukraine? Warnungen gab es ja genug.

Jürgen Wertheimer: Die Bundeswehr hat kein Format, das über drei Jahre hinausgeht. Das war der einzige Grund für die Einstellung. Sicher ist, dass politisches Wunschdenken häufig unseren Blick auf die faktische Wirklichkeit verengt. Eine grundsätzliche Entscheidungsschwäche demokratischer Systeme (von der der Gegner weiß) kommt erschwerend hinzu. Gegen beides hilft Literatur: sie ist respektlos, realitätsversessen und scheut Provokationen nicht.

Es bedarf dieser Wach-Auf Munition, um das enorme Trägheitsmoment der Masse, aber auch der Politik und der Bürokratie zu überwinden und uns reaktionsschneller werden zu lassen. Das ist nicht nur ein deutsches Problem, sondern auch eines der durch-bürokratisierten und etwas selbstzufrieden gewordenen EU. Beschleunigung ist unabdingbar, wenn wir unsere Hilflosigkeit den großen monolithischen Systemen gegenüber überwinden wollen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Arbeiten Sie denn derzeit auch an Prognosen für Osteuropa? Gibt die osteuropäische Gegenwartsliteratur Hinweise darauf, wie die Zukunft der Region tendenziell aussehen könnte und welche Konflikte sie prägen könnten?

Jürgen Wertheimer: Eine grundsätzliche Revision der EU-Politik ist notwendig. Sie muss neue Formate für Osteuropa und den Balkan entwickeln. Vollmitglied oder gar nichts – das geht nicht. Wir brauchen Schattierungen, die den tatsächlich vorhandenen kulturellen Differenzen entsprechen. Es darf keine kulturelle Einheitswährung geben. Der Balkanraum funktioniert nicht so wie sich Westeuropa das denkt.

Und man wehrt sich insistent gegen Vereinnahmung und Normierung – wer das nicht sieht, wird Schiffbruch erleiden. Und die Ukraine will und braucht zuallererst Autonomie und nicht eine neue Zugehörigkeit. Und – auch wenn es politisch unerwünscht ist, dies zu sagen: Die EU alten Stils wäre einem Koloss wie einer eventuell siegreichen UKR schlicht nicht gewachsen.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: War auch schon Deutschland Gegenstand Ihrer Arbeit? Was kam dabei heraus?

Jürgen Wertheimer: Ja, eben haben wir eine Studie zur Wiedervereinigung im Auftrag des WIMI abgeschlossen. Wir schlagen eine neue Strategie im Umgang miteinander vor: Das gemeinsame Suchen nach Ähnlichkeiten sollte an die Stelle des Stocherns nach Differenz treten. Und zwar in zwei Richtungen: die der trügerischen Ähnlichkeiten wie auch die der scheinbaren Unterschiede. Statt Konkurrenz, Kooperation.

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: In Zeiten globaler Lieferketten, Lockdowns und Sanktionen ist Resilienz längst nicht nur verteidigungspolitisch zu verstehen. Ließe sich Ihr Konzept auch zur Prognostizierung wirtschaftlich orientierte Zukunftsforschung nutzen?

Jürgen Wertheimer: Da sprechen Sie einen wichtigen Punkt an. Genau die gleiche Frage stellte Daimler vor einem halben Jahr. Faktoren wie Geschmackswandel, Stimmungen, emotionale Befindlichkeit und damit verbundene Werte spielen eine große Rolle, wenn es darum geht, den Erwartungen der potentiellen Kunden entgegenzukommen.

Auch hier wird man vielleicht einwenden: Das kann KI besser, siehe Cambridge Analytics. Ich bin mir da nicht so sicher. Die verborgenen Sehnsüchte und Ängste der Kunden und Menschen kennt niemand besser als die Literatur. Deshalb haben wir vor in nächster Zeit Angebote an Zukunftsorientierte Branchen zu machen – wie Versicherungen, Touristik …

Deutsche Wirtschaftsnachrichten: Welche Zukunftspläne haben Sie darüber hinaus noch für „Projekt Cassandra“? Ist der Fortbestand des Projekts nach dem Ende der Zusammenarbeit mit dem Bundesverteidigungsministerium überhaupt noch gesichert?

Jürgen Wertheimer: Ein Ziel wäre es, endlich die EU ins Boot zu holen. Einfach durchgehend für drei oder fünf Jahre als Pilotprojekt stabil finanziert zu werden – von wem auch immer. Im Moment beobachten wir ein etwas beunruhigendes Phänomen: beachtliches mediales Interesse und potentielle Bereitschaft zu freundlicher oder auch unfreundlicher gedanklicher Übernahme zum Nulltarif. Sprich die Gefahr des Ideenklaus. Wir wollen aber nicht so enden, wie Truman befürchtet: „Es ist erstaunlich, was man erreichen kann, wenn man sich nicht darum kümmert, wer die Anerkennung bekommt.“

DWN
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