Wirtschaft

Alarm am Schweizer Arbeitsmarkt: Die Attraktivität nimmt ab

Die Schweiz ist bislang als attraktives Auswanderland bekannt. Umso überraschender nun die Zahlen des Bundesamts für Migration. Die ausländischen Kurzarbeiter bleiben weg.
11.09.2022 09:04
Aktualisiert: 11.09.2022 09:04
Lesezeit: 3 min

Der Schweizer Tourismus boomt. Der Tourismusbranche winkt laut Tagesanzeiger ein neuer Rekord bei Übernachtungen. Bereits Mitte August war die Zwischenbilanz drei Prozent besser als zum gleichen Zeitpunkt im guten Sommer 2021.

Die schöne Nachricht kann ein viel größeres Problem nicht überdecken: Das Personal fehlt. Es standen weniger Tische zur Verfügung und Gäste wurden abgewiesen. Andreas Züllig, Präsident des Verbands HotellerieSuisse, erklärt gegenüber dem Tagesanzeiger: „Es kam in Feriendestinationen in der ganzen Schweiz regelmäßig zu Situationen, in denen Gäste keinen Platz mehr im Restaurant fanden und sich dann mit Take-away behelfen mussten. Ich schätze, dass die Branche rund zehn Prozent mehr Angestellte beschäftigen könnte.“

Eine ganz große Herausforderung besonders für die Schweizer Tourismusbranche: Man ist stark auf ausländische Kurzarbeiter angewiesen, die nur für ein paar Monate oder Wochen in das Land kommen. Diese Kurzarbeiter machen im Gastrogewerbe die Hälfte aller Beschäftigten aus - aber haben jetzt das Interesse verloren. Vor allem aus Deutschland, Österreich und dem Südtirol gab es Rückgänge was Kurzarbeiter angeht.

Zahl der Kurzarbeiter ist rückläufig

Züllig macht sich gegenüber der Zeitung Sorgen und beklagt, dass die Schweiz gegenüber den jeweiligen Herkunftsländern an Attraktivität eingebüßt hat. Zwar bezahlt man laut Züllig in der Schweiz immer noch die höchsten Löhne, Fachkräftemangel gäbe es dort allerdings auch und es steigen die Löhne. Weil die Lebenshaltungskosten in den Heimatländern momentan noch tiefer sind als in der Schweiz, kommt für den Angestellten am Ende der gleiche Ertrag raus.

Die Zahlen des Bundesamts für Migration unterstreichen Zülligs Aussagen. Die Einwanderung von Personen, die sich längere Zeit in der Schweiz niederlassen wollen, ist zurückgegangen. Neben dem fehlenden Interesse der Kurzarbeiter war auch die Pandemie ein Grund für den Rückgang.

Die Pflegebranche leidet massiv

Nicht nur die Tourismusbranche kommt durch die ausbleibenden Kurzarbeiter in Schwierigkeiten. Auch die Pflegebranche kämpft mit einem Rückgang an Arbeitskräften und einem großen Fachkräftemangel. Yvonne Ribi, vom Pflegeverband SBK, erklärt gegenüber dem Tagesanzeiger, dass die Herkunftsländer der Kurzarbeiter die Löhne erhöhen und man es in der Pflegebranche bemerkt: „Andere Länder haben vorwärtsgemacht mit Lohnanpassungen und zusätzlichen Rekrutierungsefforts. Insbesondere aus Deutschland spüren wir deutlich weniger Zuwanderung.“

Auch aus der Tieflohnbranche gibt es Warnzeichen. Beispielsweise häufen sich aus der Luftfahrt immer mehr Berichte, dass Unternehmen wie Swiss und Helvetic Probleme haben, Fachkräfte aus dem deutschsprachigen Raum zu rekrutieren.

Zahl der offenen Stellen gestiegen

Ein wichtiger Faktor soll laut Tagesanzeiger sein, dass sich die Reallöhne (also der absolute Lohnzuwachs abzüglich der Inflation) in Deutschland in den vergangenen Jahren besser entwickelt haben, als in der Schweiz. Laut Berechnungen des Schweizer Gewerkschaftsbundes ist die Reallohnentwicklung für niedrige und mittlere Einkommen in der Schweiz, die in den genannten Branchen bezahlt werden, seit 2016 negativ.

Eine Grafik der Jobsuchmaschine X28 bei den Branchen mit den meisten offenen Stellen bestätigt die Stimmen aus dem Tourismus und der Pflege. Im Gesundheitswesen ist die Anzahl offener Stellen von 13.441 auf 15.347 von Januar bis August diesen Jahres gestiegen.

In der Gastronomiebranche stiegen die offenen Stellen von 9583 auf 12.757. Danach folgt der Detailhandel mit 12.403 und das Baugewerbe mit 12.095 offenen Stellen. Auffallend: Bis auf die Wasserversorgungsbranche hat jede Branche mit einem Zuwachs offener Stellen zu kämpfen.

Gewerkschaftsbund fordert Lohnerhöhungen

In der Pflege wurde die Problemlage erkannt und gehandelt. Die Schweizer Bevölkerung nahm die Pflegeinitiative im vergangenen Herbst an. Bis die Beschäftigten davon etwas merken, dauert es laut Tagesanzeiger noch lange. Die Umsetzung wird Jahre benötigen. Im Gastgewerbe haben Gewerkschaften und Arbeitgeber bei den Mindestlöhnen eine Einigung für einen Teuerungsausgleich und Aufschläge bis zu 40 Franken monatlich erzielt.

Gewerkschaften fordern laut Tagesanzeiger seit langer Zeit eine Erhöhung der Löhne, um für Kurzarbeiter attraktiv zu bleiben. Am letzten Freitag brachte der Gewerkschaftsbund der Schweiz auf einer Medienkonferenz eine Lohnerhöhung von fünf Prozent ins Spiel.

Umsetzung von Lohnerhöhungen ist wichtig

Es wird spannend sein, zu beobachten, ob die geforderten Lohnerhöhungen des Schweizer Gewerkschaftsbunds von der Politik gehört und umgesetzt werden. Auch bezüglich des Gesundheitswesens dürfte interessant sein zu sehen, wie lange man mit der Umsetzung der Pflegeinitiative braucht.

Schafft man keine besseren Bedingungen bezüglich Lohnzahlungen und schiebt die Umsetzung der Pflegeinitiative weiter vor sich her, dann dürfte es für die gesamte Schweizer Wirtschaft unschöne Folgen haben. Zu abhängig ist das Land von Zuwanderungskräften aus dem Ausland.

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