Wirtschaft

Europa kauft massiv Rohöl aus Russland

In weniger als drei Monaten greift das Öl-Embargo der EU gegen Russland. Vorher hamstert Europa noch schnell riesige Mengen von dem Rohstoff - zu hohen Preisen.
Autor
10.09.2022 17:06
Aktualisiert: 10.09.2022 17:06
Lesezeit: 3 min

In weniger als drei Monaten wird ein EU-weites Embargo für russische Öl-Importe in Kraft treten, das fast alle Öl-Lieferungen aus Russland nach Europa untersagt. Aber noch importiert Europa täglich mehr als 1 Million Barrel russisches Rohöl - und das schon seit einem Monat, wie Bloomberg berichtet. Offensichtlich deckt man sich in Europa mit dem Rohstoff ein, bevor das Importverbot am 5. Dezember in Kraft tritt.

Die EU wird ihre Käufe allerdings schon mindestens einen Monat vorher verlangsamen, um die Einhaltung des Verbots sicherzustellen. Die Zukunft des russischen Öls ist für den Weltmarkt von zentraler Bedeutung. Wenn russische Exporte durch das Verbot verhindert werden, so würde dies die weltweite Versorgung beeinträchtigen. Wenn das russische Öl lediglich woanders hinfließt, so würde dies zu einer teuren Umstrukturierung der weltweiten Frachtströme führen.

Europa importiert trotz des anhaltenden Ukraine-Kriegs weiterhin kräftig russisches Öl. Die Öl-Importe aus Russland in die Europäische Union haben sich seit Anfang August auf etwa 1 Million Barrel pro Tag erholt. Das ist ein Anstieg gegenüber Ende Juli, wenn auch ein deutlicher Rückgang gegenüber den Höchstständen vom April und Juni. Dies entspricht einem großen Teil des Gesamtangebots des Blocks.

Europa importiert weiter massiv Öl aus Russland

Zwar haben die Staaten Europas ihre Öl-Importe aus Russland seit Kriegsbeginn bereits deutlich reduziert. Doch diese Drosselung der europäischen Ölimporte aus Russland wurde durch die verstärkten russischen Lieferungen an Indien und China ausgeglichen. Unter dem Strich haben die Öl-Sanktionen der EU daher auch keinen Schaden für Russland verursacht. Vielmehr machen Russlands Ölkonzerne wegen der gestiegenen Ölpreise mehr Profit als im Vorjahr.

Die Gesamtexporte von russischem Rohöl auf dem Seeweg lagen in der Woche bis zum 2. September auf 3,32 Millionen Barrel pro Tag. In der Woche zuvor waren es nur 2,95 Millionen Barrel pro Tag gewesen. Das bedeutet, dass die EU etwa ein Drittel des russischen Öls auf dem Seeweg kauft. Seit der Verabschiedung des Embargos im Juni hat sich im Hinblick auf Europas Öl-Importe also fast nichts geändert.

Zuletzt sind die Öl-Preise aufgrund neuer Lockdowns in China und der Erwartung von Zinserhöhungen durch die Zentralbanken gesunken. Aber sobald das Embargo in Kraft tritt, werden die Preise wahrscheinlich wieder steigen. Und genau dann wird es für Europa wegen der Umstellung auf das Embargo am schmerzhaftesten sein. Und diese Aussichten sind offenbar auch der Grund dafür, dass Europa derzeit massiv Öl hamstert.

Europa deckt sich nicht nur mit Öl ein

Nicht nur Öl, sondern alle fossilen Brennstoffe werden auf dem Kontinent derzeit so stark und dringend nachgefragt wie seit Jahren nicht mehr. Die Europäische Union hat zwar immer wieder betont, dass die Pläne zur Emissionsreduzierung nach wie vor in Kraft sind. Doch es sieht zunehmend so aus, als ob die grünen Pläne zugunsten der Energiesicherheit in den Hintergrund treten könnten.

Die Ölexporte aus Russland nach Nordeuropa stiegen den Bloomberg-Berechnungen zufolge in der ersten Woche dieses Monats besonders deutlich an, was den indischen Erdölminister Hardeep Singh Puri auf den Plan rief, der diese Woche gegenüber CNBC sagte: "Ich habe gesagt, dass die Europäer an einem Nachmittag mehr kaufen als ich in einem Quartal. Es würde mich überraschen, wenn das nicht immer noch der Fall ist".

Puri reagierte damit auf eine Frage zu der Kritik, die an Indien geübt wurde, weil es trotz der westlichen Sanktionen und der Verurteilung des Einmarsches in der Ukraine weiterhin Rohöl aus Russland bezieht. Tatsächlich sind Indiens Importe von russischem Öl von 0,66 Millionen Tonnen im ersten Quartal auf 8,42 Millionen Tonnen im zweiten Quartal anstiegen.

Der indische Spitzenbeamte für Ölfragen ging sogar noch einen Schritt weiter. Auf die Frage, ob er moralische Bedenken habe, Öl aus Russland zu importieren, antwortete er: "Nein, es gibt keinen Konflikt. Ich habe eine moralische Verpflichtung gegenüber meinen Verbrauchern. Möchte ich als demokratisch gewählte Regierung eine Situation, in der die Zapfsäulen leer sind?" In der EU sehen die Politiker dies tatsächlich anders als in Indien.

EU manövriert sich in schwierige Position

Anfang des Monats berichtete die FT, dass die EU-Kommission ein Dokument verfasst hat, das weitreichende Befugnisse über europäische Unternehmen vorsieht. Dies beinhalten die Befugnis, "Unternehmen zu verpflichten, Vorräte zu horten und Lieferverträge zu brechen, um die Lieferketten im Falle einer Krise wie der Coronavirus-Pandemie zu stützen". Die Entscheidung darüber, was eine Krise ist, läge diesem Entwurf zufolge bei der EU-Kommission.

Zurzeit denkt Brüssel über direkte Eingriffe in die Energiemärkte nach, da eine Flut von Nachschussforderungen auf die bereits angeschlagene Energiebranche zurollt. Bloomberg berichtete Anfang des Monats, dass die Aussetzung des Handels mit Stromderivaten zu den Optionen gehört, ebenso wie eine Begrenzung des Gaspreises für die Stromerzeugung.

Der Strommarkt hat viel mehr mit dem Gaspreis zu tun als mit dem Ölpreis. Doch einige europäische Energieversorger sind bei der Stromerzeugung von Gas auf Öl umgestiegen sind, als die Gaspreise Anfang des Jahres in die Höhe schnellten. Die Preise haben sich noch nicht wieder normalisiert, sodass Öl nach wie vor eine Alternative für die Stromerzeugung darstellt - bis in knapp drei Monaten das Öl-Embargo greift.

Sicherlich gibt es Alternativen zum russischen Öl. Die Produzenten im Nahen Osten wären durchaus bereit, ihr Öl an Europa zu verkaufen. Das Gleiche gilt für Nigeria und Angola. Allerdings würden die OPEC-Staaten dabei den Preis bestimmen, weil Europa sich die Alternative selbst genommen hat. Und die OPEC hat bereits deutlich gezeigt, dass preiswertes Öl für den Westen nicht seine oberste Priorität ist.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Technologie
Technologie Brady TwinLead: Wenn das Etikett plötzlich mitdenkt

Ein Etikett bleibt am Produkt, doch die Informationen dahinter können sich verändern. Mit TwinLead verbindet Brady physische...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen US-Börsenbericht: Wall Street gibt wegen schwacher Chip-Aktien nach
13.10.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Entwicklungen die Wall Street heute bewegt haben.

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Russland erzielt mit Europas Energiekäufen Einnahmen von rund 322 Milliarden Euro
13.10.2026

Europa will seine Energieabhängigkeit von Russland beenden. Doch trotz Sanktionen fließt weiterhin eine große Menge Kapital nach Moskau....

DWN
Finanzen
Finanzen Rente 2026: Fast 2.000 Euro? Für die meisten ein Traum – 5 Zahlen zeigen die Realität
13.10.2026

Die Politik verweist auf ein stabiles Rentenniveau und knapp 2.000 Euro Standardrente. Doch amtliche Zahlen zeigen: Das ist ein...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Deutschland baut neue Bahnstrecke von Hamburg nach Hannover – aber erst 2050
13.10.2026

Überlastete Strecke: Zwischen Hamburg und Hannover fahren täglich rund 200 Güterzüge, dazu ICE- und Regionalzüge. Staus und...

DWN
Politik
Politik Iran-Krieg: Hat Trump den größten Fehler der USA begangen?
13.10.2026

Donald Trump wollte Iran in die Knie zwingen. Stattdessen gerät die amerikanische Supermacht selbst unter Druck. Der Krieg verschlingt...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Präsentismus: Wenn Mitarbeiter trotz Krankheit arbeiten 
13.10.2026

Mit Halskratzen aufgewacht und dennoch zur Arbeit gegangen, „weil es ja nicht so schlimm ist“. Viele Beschäftigte neigen dazu, trotz...

DWN
Finanzen
Finanzen Nel ASA-Aktie hebt ab: Kooperation mit Rheinmetall bei E-Fuels treibt Pennystock nach oben
13.10.2026

Nel ASA und Rheinmetall wollen bei dezentraler Produktion synthetischer Kraftstoffe zusammenarbeiten. Die norwegische Wasserstoff-Aktie...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Stellenabbau in Deutschland: Angebot an Zeitarbeit schrumpft
13.10.2026

Früher war Zeitarbeit ein boomendes Geschäft: 2017 arbeiteten noch mehr als eine Million Deutsche als Zeitarbeiter. Heute kämpft...