Finanzen

Britische Immobilienfonds: Käufer ziehen sich rasant zurück

Nach dem Kwarteng-Mini-Budget häufen sich die Anlegerrücknahmen. Das Risiko eines „Asset-Brandverkaufs“ steigt.
16.10.2022 11:00
Lesezeit: 2 min

Das Tempo von Abzügen aus britischen Gewerbeimmobilienfonds hat sich seit dem „Mini-Haushalts“ der Regierung im letzten Monat rasant beschleunigt. Analysten warnen davor, dass dies einen Ansturm auf den Verkauf von Gebäuden zu niedrigen Preisen auslösen könnte.

In den zehn Tagen, nachdem der – mittlerweile gefeuerte – britische Finanzminister Kwasi Kwarteng seine Pläne für Steuersenkungen und die Aufnahme umfangreicher Kredite an den Finanzmärkten vorstellte, wurden mehr als 100 Millionen britische Pfund aus einer Auswahl von Immobilienfonds abgezogen, berichtet die Financial Times.

Laut Calastone, einem Anbieter von Fondshandelsgeschäften, ist das fast das Achtfache des Volumens, das in den drei Wochen davor abgezogen wurde. Die britischen Märkte für Gewerbeimmobilien stehen bereits unter Druck, weil die Kreditkosten sprunghaft angestiegen sind, und das Volumen der Geschäftsabschlüsse zurückgegangen ist.

Nun warnen Analysten davor, dass anhaltende Anlegerabzüge die Immobilienfonds dazu zwingen könnten, sich von Vermögenswerten zu trennen, was die Preise wiederum weiter nach unten ziehen würde.

Zac Gauge, Leiter der europäischen Immobilienstrategie bei UBS, meint, es gibt eigentlich nur eine Möglichkeit: „Auf die eine oder andere Weise werden diese Vermögenswerte in einem Abwärtsmarkt verkauft werden müssen.“

Gauge und andere Immobilienanalysten gehen davon aus, dass die heute abgeschlossenen Verkäufe zu Werten erfolgen werden, die 20 Prozent bis 25 Prozent niedriger sind als am Anfang des Jahres, bevor die Zinsen stiegen.

Die Eile mit der Anleger ihre Gelder abheben kommt nach den jüngsten Turbulenzen auf dem Markt für britische Staatsanleihen. Einige Pensionsfonds mussten Vermögenswerte verkaufen, um den Förderungen nach Sicherheiten für ihre Absicherungsstrategien nachzukommen.

Schnelle Rücknahmen sind problematisch für Immobilienfonds, weil diese mehrere Monate brauchen können, um Gebäude aus ihrem Portfolios zu verkaufen.

Anfang dieser Woche kündigten Investmenthäuser Schroders, BlackRock und Columbia Threadneedle Maßnahmen an, um das Tempo der Anlegerrücknahmen aus ihren Fonds zu verlangsamen, damit sie Vermögenswerte in geordneter Weise verkaufen können.

Andere große britische Investmenthäuser sagten der Financial Times, dass ihre Immobilienfonds nach wie vor wie gewohnt laufen. Das Tempo der Abflüsse deutet jedoch darauf hin, dass der Druck zunimmt, so die FT.

Immobilienfonds sind erneut in die Kritik geraten aufgrund der jüngsten Ereignisse. Bereits nach dem Brexit-Votum im Jahr 2016, und auch nach dem Ausbruch der Pandemie in 2020, wurden sie kritisiert. Roger Clarke, Leiter von Immobilienbörse IPSX, sagte es gebe ein grundsätzliches Problem mit der Struktur der Fonds, die den Käufern oft die Möglichkeit geben, nur einen Tag vor dem Kauf auszusteigen. Die Fonds wären dann gezwungen, ihre besten Anlagen zu verkaufen.

„Die wahrscheinlichsten Käufer werden Institutionen sein, die tief genug in die Tasche greifen können, um die Schuldenmärkte zu umgehen“, so Clarke. Großbritannien kämpft aktuell mit einer extrem hohen Inflation von knapp 10 Prozent. Die Bank of England hat den Leitzins bereits auf 2,25 Prozent angehoben, über dem Euro-Leitzins von 1,25 Prozent.

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Vera von Lieres

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

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