Wirtschaft

Steigende Hypothekenzinsen setzen Immobilienmärkte unter Druck

Das Ende des Niedrigzinsumfelds stellt Wohnungsmärkte vor enormen Herausforderungen. Die Auswirkungen für Immobilienkäufer sind massiv.
11.10.2022 12:34
Lesezeit: 3 min
Steigende Hypothekenzinsen setzen Immobilienmärkte unter Druck
Wer will schon in einem Abwärtsmarkt verkaufen? Viele Hausbesitzer sind nicht an hohe Hypothekenzinsen gewöhnt, und stehen unter Druck – vor allem in London. (Foto: iStock.com/azon1) Foto: fazon1

Die jahrzehntelange Party für Hauseigentümer geht zu Ende. Die Kosten für die Rückzahlung von Hypotheken im Vereinigten Königreich, in Europa und in den USA sind rasant gestiegen, während gleichzeitig das verfügbare Haushaltseinkommen geschrumpft ist.

Vorhersagen über einen Abschwung oder sogar einen Absturz der Immobilienpreise sind inzwischen an der Tagesordnung.

Wie die Financial Times berichtet, prognostizierte unabhängige globale Immobilienberatungsfirma Knight Frank letzte Woche, dass die Hauspreise in London in den nächsten zwei Jahren um zehn Prozent fallen würden. So eine Prognose ist ungewöhnlich für eine Immobilienberatungsfirma, und ergänzt die von verschiedenen Banken und unabhängigen Analysten.

Globaler Abschwung oder sogar Crash?

Wie kommt es dazu, dass die weltweiten Immobilienmärkte die, seit zehn Jahren nur Preissteigerungen erlebt haben, jetzt womöglich abstürzen könnten?

Die Finanzkrise von 2008 hat die Gefahren einer übermäßigen Kreditaufnahme für den Wohnungsbau oder Kauf aufgezeigt. Damals waren Kreditnehmer sehr stark verschuldet, aber in den vergangenen Jahren haben die Banken ihre Kreditvergabekriterien erheblich verschärft.

Heutige Kreditnehmer müssen relativ hohe Einlagen aufbringen und nachweisen, dass sie Zinserhöhungen verkraften können. Die rücksichtslose Kreditvergabe wurde weitgehend eingedämmt, so dass die Gefahr, dass Hausbesitzer in ein negatives Eigenkapital abrutschen, geringer geworden ist.

Auch wichtig in den letzten zehn Jahren waren die extrem niedrigen Zinssätze, die es Käufern ermöglichten, große Hypotheken zu niedrigen monatlichen Kosten aufzunehmen.

Viele konnten sich eine (auch teure) Immobilie leisten, und darauf wetten, sie zurückzahlen zu können, solange die Zinsen niedrig blieben und die Laufzeit der Hypotheke lang genug war.

Die niedrigen Zinsen haben größere Häuser bezahlbar gemacht. Anderseits haben sie die Hauspreise in die Höhe getrieben und diejenigen verdrängt, die nicht in der Lage waren, sich eine Anzahlung für ein Haus zu leisten.

Stark ansteigende Zinssätze

In diesem Jahr sind die Zinssätze jedoch sprunghaft angestiegen: die US-Notenbank hat den Leitzins von 0,25 Prozent auf 3,25 Prozent angehoben, und die Bank of England und die EZB haben nachgezogen. Die Märkte gehen davon aus, dass sie bis ins nächste Jahr hinein weiter stark steigen werden, da die Zentralbanken versuchen, die galoppierende Inflation einzudämmen.

Plötzlich hat sich die Situation für Hausbesitzer und die, die es gerne werden wollen, dramatisch verändert.

Perfekter Sturm für Hausbesitzer

Laut Noble Francis, Wirtschaftsdirektor der Construction Products Association im Vereinigten Königreich, dachte jeder noch vor zwei bis drei Monaten, dass Zinssätze von bis zu drei Prozent eine Herausforderung sein würden. „Jetzt gehen die Märkte davon aus, dass die Hypothekenzinsen auf etwa sechs Prozent steigen werden“, so Francis.

Die steigenden Zinssätze haben sich sofort ausgewirkt: Hypothekengeldgeber im Vereinigten Königreich ziehen ihre Produkte zurück, nachdem Finanzminister Kwasi Kwartengs „Mini“-Haushaltsbudget mit seinen Steuersenkungen im letzten Monat die Erwartungen auf eine Zinserhöhung in die Höhe getrieben hat.

Wer heute im Vereinigten Königreich ein Haus kauft, muss mit weitaus höheren Hypothekarkreditkosten rechnen. Es sind jedoch nicht nur diejenigen, die am Anfang ihres Immobilienbesitzes stehen. Es gibt auch eine Auswirkung, die sich erst nach und nach bemerkbar machen wird für Hausbesitzer, die in den letzten zehn Jahren gekauft haben, berichtet die Financial Times.

Jeden Monat laufen im Vereinigten Königreich Zehn- oder Hunderttausende von Hausbesitzern aus befristeten Verträgen aus und müssen eine neue Hypothek aufnehmen. Wenn sie das tun, werden sie mit Kosten konfrontiert, die weit über dem liegen, was sie im Moment zahlen, und einige könnten somit zum Verkauf gezwungen werden.

„In einer Zeit, in der die meisten Menschen wahrscheinlich Reallohnverluste hinnehmen müssen, ist dies ein perfekter Sturm für Hausbesitzer, die in den letzten zehn Jahren gekauft haben und nicht an hohe Hypothekenzinsen gewöhnt sind“, so Francis von der Construction Products Association.

Die Beteiligungsgesellschaft Blackstone rechnet mit einer handfesten Krise am US-Häusermarkt. Der Konzern versucht, Bereiche des Immobilienmarktes zu identifizieren und in diese zu investieren, in denen das Wachstum noch die Inflation übertrifft, wie zum Beispiel Lagerhäuser für den Onlinehandel, Bürogebäude im Bereich der Gesundheitswissenschaften, Mietobjekte und die Tourismusbranche.

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Vera von Lieres

Vera von Lieres gehört seit September 2022 zum DWN-Team und schreibt als Redakteurin über die Themen Immobilien und Wirtschaft. Sie hat langjährige Erfahrung im Finanzjournalismus, unter anderem bei Reuters und führenden Finanzmedien in Südafrika. Außerdem war sie als Kommunikations- und Marketing-Spezialistin bei internationalen Firmen der Investment-Branche tätig.

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