Politik

Lagebericht Ukraine: Russland warnt Nato-Staaten vor „schmutziger Bombe“

Das russische Verteidigungsministerium hat mit vier Nato-Staaten Kontakt aufgenommen und warnt vor einer beträchtlichen Eskalation der Lage in der Ukraine.
24.10.2022 11:00
Aktualisiert: 24.10.2022 11:39
Lesezeit: 2 min
Lagebericht Ukraine: Russland warnt Nato-Staaten vor „schmutziger Bombe“
Russlands Verteidigungsminister Schoigu warnt vor einer Eskalation im Ukraine-Krieg. (Foto: dpa) Foto: Alexander Zemlianichenko

Russlands Verteidigungsminister Sergej Schoigu hat in Gesprächen mit den Nato-Staaten USA, Großbritannien, Frankreich und der Türkei vor einer Zuspitzung im Ukraine-Konflikt gewarnt. Die Lage verschlechtere sich rapide, erklärte das Ministerium am Sonntag. Im Gespräch mit dem französischen Verteidigungsminister Sebastien Lecornu habe Schoigu erklärt, es gebe die Tendenz zu „einer weiteren unkontrollierten Eskalation.“

Schoigu habe zudem Moskaus Sorge übermittelt, die Ukraine könnte eine „schmutzige Bombe“ zünden - einen mit radioaktivem Material versetzten Sprengsatz.

Von russischer Seite gab es keine Hinweise darauf, dass die Gespräche am Sonntag zu einer positiven Entwicklung führten. Sie zeigen aber, dass Russland und Nato-Mitglieder auch in Zeiten wachsender Sorgen über eine mögliche nukleare Eskalation aktiv Kommunikationskanäle unterhalten. Russlands Präsident Wladimir Putin hatte nach wiederholten Rückschlägen in der Ukraine gesagt, sein Land werde notfalls auf Atomwaffen zurückgreifen, um seine „territoriale Integrität“ zu verteidigen.

Mit US-Verteidigungsminister Lloyd Austin sprach Schoigu am Sonntag zum zweiten Mal binnen drei Tagen. Die Regierung in Moskau machte keine näheren Angaben zum Inhalt. Beide hatten am Freitag erstmals seit Mai wieder miteinander gesprochen. Ein russischer Spitzendiplomat war nach dem Telefonat am Freitag mit den Worten zitiert worden, es müssten „Missverständnisse ausgeräumt werden, damit es nicht zu Unfällen kommt.“

Der französische Verteidigungsminister Sebastien Lecornu sagte nach dem Telefonat am Sonntag, er habe Frankreichs Wunsch nach einer friedlichen Lösung des Ukraine-Krieges bekräftigt. Paris weigere sich zudem, sich in irgendeine Form der Eskalation hineinziehen zu lassen.

Großbritannien erklärte, Verteidigungsminister Ben Wallace habe die Behauptungen Schoigus zurückgewiesen, wonach westliche Länder einen Plan der Ukraine zur Eskalation des Konflikts unterstützten. Die Sorge vor einer „schmutzigen Bombe“ erwähnte Schoigu nach Moskauer Angaben auch in einem Telefonat mit dem türkischen Verteidigungsminister Hulusi Akar.

Russland hat Medienberichten zufolge seiner Sorge vor einem möglichen Einsatz einer "schmutzigen Bombe", eines mit radioaktivem Material versetzten Sprengsatzes, durch die Ukraine erneut Ausdruck verliehen. Der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow habe das Thema mit seinem britischen Kollegen Tony Radakin besprochen, melden russische Nachrichtenagenturen, ohne Details zu nennen. Eine Sprecherin der amtierenden britischen Premierministerin Liz Truss bestätigt das Gespräch und weist die Vermutung der russischen Führung erneut zurück. Die Außenminister Frankreichs, Großbritanniens und der USA hatten die russische Anschuldigung in einer gemeinsamen Erklärung als Falschbehauptung zurückgewiesen. Russland wolle die Vorwürfe als Vorwand für eine weitere Eskalation des Ukraine-Krieges nutzen.

Großoffensive deutet sich an

Vor einer erwarteten Großoffensive der Ukrainer im südlichen Gebiet Cherson hat es entlang der Front nur vereinzelt Gefechte gegeben. Das ging am Montag aus den Lageberichten der russischen und ukrainischen Streitkräfte hervor. Das Verteidigungsministerium in Moskau berichtete von der Abwehr ukrainischer Angriffe im östlichen Raum Kupjansk und Lyman sowie nördlich des besetzten Schwarzmeerhafens Cherson. Kiew wiederum vermeldete, russische Attacken auf die Städte Bachmut und Soledar zurückgeschlagen zu haben. Sie sind im Donbass Teil eines Verteidigungswalls vor dem Ballungsraum Slowjansk und Kramatorsk.

Im Norden verlaufen die Gefechte demnach an der Gebietsgrenze zwischen Charkiw und Luhansk und teilweise in Donezk. Der Sprecher des russischen Verteidigungsministeriums, Igor Konaschenkow, sprach von Gefechten auf Bataillons- und Kompanieebene. Er berichtete auch von angeblich erfolglosen Angriffen ukrainischer Truppen auf mehrere Dörfer im Gebiet Cherson. Auf der Gegenseite meldete der ukrainische Generalstab Gefechte im Donbass um die Städte Soledar und Bachmut sowie weiter südlich um Awdijiwka und Marjinka. Unabhängig ließen sich die Angaben der Kriegsparteien nicht überprüfen.

Vermutet wird indes, dass eine ukrainische Großoffensive bevorsteht. Als wahrscheinlichstes Angriffsgebiet gilt der russische Brückenkopf nordwestlich des Dnipro im Gebiet Cherson einschließlich der Gebietshauptstadt selbst. Hier sind die Nachschubwege der Russen weitgehend blockiert. Allerdings werden auch ukrainische Vorstöße im Gebiet Saporischschja Richtung Asowsches Meer nicht ausgeschlossen. Berichte über Truppenkonzentrationen auf beiden Seiten häuften sich.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Staatsdefizit und Schuldenquote wachsen rasant: Deutschland reißt die Maastricht-Grenze
02.09.2026

Der deutsche Staat lebt deutlich über seine Verhältnisse: Während die Einnahmen im ersten Halbjahr um 2,8 Prozent zulegten, erhöhten...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Europäische Autoindustrie: Warum der große Stellenabbau erst beginnt
02.09.2026

Europas Autobauer verdienen noch Milliarden und streichen trotzdem Tausende Stellen. Hohe Löhne, teure Energie, schwach ausgelastete Werke...

DWN
Unternehmen
Unternehmen Halberstädter Würstchen sind Geschichte: Ostdeutsches Unternehmen schließt Fabrik
02.09.2026

Hohe Kosten haben das traditionsreiche Unternehmen Halberstädter aus Sachsen-Anhalt in die Insolvenz getrieben. Ein neuer Investor ließ...

DWN
Politik
Politik Trump, China und Europas Industrie: EU-Klimachef schlägt Alarm
02.09.2026

Donald Trump steigt aus der internationalen Klimapolitik aus, China überschwemmt Europa mit staatlich gestützter grüner Technologie und...

DWN
Politik
Politik CO2-Emissionen: TU München wirft EU falsche Klimavorgaben für Autos vor
02.09.2026

Wissenschaftler der TU München werfen der EU "Fehlsteuerung" bei den Klimazielen für Autos vor. Die Kritik zielt darauf, dass in den...

DWN
Politik
Politik Kabinett beschließt Einkommensteuerreform
02.09.2026

Das Bundeskabinett hat die umstrittene Reform der Einkommensteuer beschlossen. Das Paket startet nun in die konkrete Gesetzgebung. Zur...

DWN
Politik
Politik Aufrüstung: Deutsche Marine testet weitreichendes Raketensystem Lora
02.09.2026

Abschreckung Russlands: Im Nordatlantik testet die Marine inmitten neuer Spannungen das israelische Raketensystem Lora. Mit der...

DWN
Finanzen
Finanzen Meta-Aktie verkaufen? Milliardenrisiko bedroht Zuckerbergs Geschäftsmodell
02.09.2026

Ein Prozess in den USA könnte Meta härter treffen als jede bisherige Milliardenstrafe. Denn diesmal steht nicht nur Geld auf dem Spiel,...