Wirtschaft

Stahl-Hersteller in China kämpfen ums Überleben

Die Energiekrise trifft Chinas Stahlindustrie hart. Die Hersteller kämpfen mit massiven Finanzproblemen.
24.10.2022 13:00
Lesezeit: 3 min
Stahl-Hersteller in China kämpfen ums Überleben
Die Stahlhersteller in China steuern auf schwierige Zeiten zu. (Foto: dpa) Foto: Liu Debin

Die chinesische Stahlindustrie befindet sich nach Einschätzung von Forbes in einer kritischen Situation. Ob die Stahlindustrie im Land der Mitte dem Untergang geweiht ist, ist laut Forbes schwer zu sagen. Klar ist, dass die Stahlbranche in China sich in einer prekären finanziellen Lage befindet und ein großer Teil der weltweiten Finanz und Aktienanalysten vorausgesagt hat, dass sich die Krise nur noch verschlimmern wird, weil sich das Land auf seinen bisher härtesten Winter seit Jahren vorbereitet.

Stahl und Eisenerzsektor stark betroffen

Doch das ist nur die halbe Wahrheit. Eine finanzielle Abwärtsspirale hat die chinesische Wirtschaft schwer getroffen. Zu den am stärksten betroffenen Branchen gehören der Stahl- und der Eisenerzsektor. Die derzeitige Krise begann vor etwa einem Jahr. Damals gab der führende chinesische Immobilienentwickler Evergrande bekannt, dass er für Verbindlichkeiten in Höhe von rund 300 Milliarden Dollar nicht mehr aufkommen könne. Das allein reichte schon aus, um eine Panik auszulösen, doch die Reaktionszeit der chinesischen Behörden verschlimmerte die Situation nur noch. Vor ein paar Monaten kündigte die chinesische Regierung ein neues Konjunkturprogramm an. Viele Experten sind jedoch der Meinung, dass dies zu wenig und zu spät war. Die Industrie des Landes litt bereits unter dem erneuten Ausbruch von Covid-19, häufigen Stromausfällen und der Invasion in der Ukraine.

Unbestreitbar ist, dass China nicht mehr das globale Kraftpaket zu sein scheint, welches es noch vor einem Jahr war. Im Forbes Artikel heißt es nun, dass das, was China erlebt, ein Lehrbuchbeispiel dafür ist, wie sich eine Finanzkrise entwickelt. Mit jedem Tag, der verstreicht, wird die chinesische Wirtschaft schwächer. Trotz der in letzter Minute getätigten Infrastrukturausgaben der Regierung wird sie laut Forbes ihr Ziel eines realen Wirtschaftswachstums von 5,5 Prozent möglicherweise nicht erreichen.

Rentabilität der Stahlindustrie massiv gesunken

Die chinesische Stahlindustrie und die Unternehmen, die sie mit Rohstoffen wie Eisenerz beliefern, sehen laut Forbes einer düsteren Zukunft entgegen. Zu Beginn der zweiten Jahreshälfte ist die Rentabilität der Stahlindustrie bereits massiv gesunken. Weniger als 20 Prozent der Unternehmen meldeten im Juli einen Gewinn. Im Vergleich zu den 80 Prozent, die vor März noch Gewinne erzielten, sind die düsteren Aussichten unschwer zu erkennen. In den kürzlich veröffentlichten Prognosen rechneten nur etwa fünf der 25 im Inland börsennotierten Stahlunternehmen mit einem Anstieg ihrer Gewinne im ersten Halbjahr.

China ist nicht nur einer der größten Stahlhersteller der Welt, sondern auch der größte Stahlverbraucher. Das Land übernahm 1996 den Titel des größten Stahlproduzenten, aber erst 2020 erreichte die Produktion einen Rekordwert von 1,07 Milliarden Tonnen. Trotz dieser beeindruckenden Zahlen entfallen rund 95 Prozent des chinesischen Stahlverbrauchs auf inländische Unternehmen. Ohne sie kann der Stahl einfach nirgendwo hin.

Derzeit liegt die chinesische Stahlproduktionskapazität bei 1,2 Milliarden Tonnen pro Jahr, während der jährliche Verbrauch bei etwa 1 Milliarde Tonnen liegt. Allerdings hat das mangelnde Interesse von Immobilienentwicklern nach der Immobilienkrise dazu geführt, dass viele Projekte eingestellt wurden, was den Stahlverbrauch verringert. Schließlich gehören der Immobiliensektor und die Autoindustrie zu den größten Stahlverbrauchern des Landes. Inzwischen geben laut Forbes rund 29 Prozent der chinesischen Stahlhersteller an, kurz vor dem Bankrott zu stehen. Anfang Oktober war bekannt geworden, dass die chinesische Zementproduktion einen starken Rückgang erlitten hat, was einen wichtigen Einfluss auf die Immobilienkrise im Reich der Mitte hat.

Politbüro sucht nach Lösungen

Als der weltgrößte Stahlproduzent, die China Baowu Steel Group, auf einer internen Sitzung vor den „großen Herausforderungen“ warnte, die sich aus den fallenden Umsätzen, den sinkenden Preisen und der abnehmenden Rentabilität ergeben, wurden laut Forbes viele Alarmglocken geläutet. Als Reaktion darauf versuchen die chinesischen Beamten weiterhin eine Lösung nach der anderen. Neben den steuerlichen Anreizen gründete die Regierung auch eine staatliche China Mineral Resources Group im Wert von 3 Milliarden US-Dollar (20 Milliarden Yuan). Ziel war es, sich eine Verhandlungsposition auf dem Weltmarkt der Stahlherstellung zu verschaffen. Dieser Markt wird nach wie vor von vier Bergbaugiganten beherrscht: Rio Tinto Group, BHP Group, Fortescue Metals Group und Vale.

Ist das Jahr 2022 also das Ende des chinesischen Stahls? Laut dem Magazin MetalMiner ist die Antwort vom Großteil der weltweiten Analysten „ja“. Diese Männer und Frauen sind der Meinung, dass Chinas Stahlnachfrage ihren Höhepunkt erreicht hat und nur noch eine langsame Abwärtsspirale bleibt. Um dieses Szenario zu verhindern und die Finanzkrise im eigenen Land in den Griff zu bekommen, tüftelt das Politbüro, Chinas wichtigstes politisches Entscheidungsgremium, immer noch an verschiedenen Gegenmaßnahmen zur Bewältigung der Probleme in der Stahlproduktion. So erklärte es kürzlich, dass die lokalen und provinziellen Regierungen die Führung bei der Bewältigung der finanziellen Engpässe übernehmen sollten. Dies könnte der Versuch sein die Schuld für die Situation auf lokale Entscheidungsträger weiterzureichen.

Wie auch immer sich die Situation der chinesischen Stahlindustrie weiterentwickelt. Die Nachrichten sind besorgniserregend und es bleibt zu hoffen, dass das Politbüro und andere Entscheidungsträger eine Lösung für das Problem finden. Ein Kollaps von Chinas Stahlbranche hätte schlimme Auswirkung auf eine ohnehin wirtschaftlich sehr angespannte Welt.

Mehr zum Thema
Bleiben Sie über das Thema dieses Artikels auf dem Laufenden Klicken Sie auf [+], um eine E-Mail zu erhalten, sobald wir einen neuen Artikel mit diesem Tag veröffentlichen
Anzeige
DWN
Finanzen
Finanzen Finanzielle Freiheit braucht einen starken Partner

Vermögen eröffnet Möglichkeiten – und bringt zugleich Entscheidungen mit sich: Wie lässt sich das Erreichte bewahren, gezielt...

X

DWN-Wochenrückblick

Weniger E-Mails, mehr Substanz: Der DWN-Wochenrückblick liefert 1x/Woche die wichtigsten Themen kompakt als Podcast. Für alle, deren Postfach überläuft.

E-mail: *

Ich habe die Datenschutzerklärung sowie die AGB gelesen und erkläre mich einverstanden.

DWN
Finanzen
Finanzen Wall Street gibt nach, während die Anleiherenditen sinkentitle
29.09.2026

Erfahren Sie, welche überraschenden Impulse die US-Märkte im späten Handel bewegten.

DWN
Unternehmen
Unternehmen Förderprogramm für Azubi-Vermittlung vor dem Aus – trotz offener Ausbildungsplätze
29.09.2026

Viele offene Lehrstellen, viele Jugendliche ohne Perspektive – und trotzdem soll ein bewährtes Förderprogramm für die Azubivermittlung...

DWN
Finanzen
Finanzen Geldvermögen: Haushalte so reich wie nie - Rekordsumme ungleich verteilt
29.09.2026

Das weltweite Geldvermögen erreicht laut Allianz ein Rekordhoch. Doch der Zuwachs kommt bei Milliarden Menschen nicht an. Die Unterschiede...

DWN
Wirtschaft
Wirtschaft Funflation: Warum selbst der Spaß immer teurer wird
29.09.2026

Urlaub, Restaurant oder Hobby: Wer seine Freizeit genießen will, muss immer tiefer in die Tasche greifen. Eine Analyse der Bank of America...

DWN
Politik
Politik Kippt der Länderfinanzausgleich? Union droht bei Linksregierung mit Geldentzug
29.09.2026

Nach dem Wahlsieg der Linkspartei in Berlin könnte diese bald die Regierung anführen. Die CDU- und CSU-geführten Bundesländer drohen...

DWN
Finanzen
Finanzen Reicher Westen, armer Osten: Enorme Vermögensungleichheit verschärft sich 2025
29.09.2026

Am 36. Jahrestag der Wiedervereinigung herrschen enorme Unterschiede bei der Vermögensverteilung: Alleine im Jahr 2025 entfielen 95...

DWN
Politik
Politik Deutschland vergreist: Kinderwunsch sinkt – das sind die Folgen
29.09.2026

In Deutschland sinkt nicht nur kontinuierlich die Geburtenrate, sondern erstmals seit vielen Jahren sogar auch der Wunsch nach eigenen...

DWN
Finanzen
Finanzen Lateinamerika-Aktien: Das Comeback, das kaum jemand auf dem Radar hat
29.09.2026

Jahrelang mieden Anleger Lateinamerika, nun schlägt die Region sogar den S&P 500. Rohstoffe, Banken und überraschend niedrige Bewertungen...